Open Air-Konzerte bedeuten immer solange unterhaltsame Abende, bis es beginnt zu regnen. Auch am Samstag war einer dieser verhangenen Tage, die sich nicht zwischen Regen und Sonnenschein entscheiden konnten. Deshalb traute man unter den Musikern dem Wetter nicht und stellte das geplante Programm um. Statt fröhlicher Fledermaus zu Beginn und epochalen Carmina zum Abschluss, gab es nun Carmina Burana zerrissen in zwei Teile, getrennt durch die Pause, denn der Kinderchor war erst zu späterer Uhrzeit bestellt. Die nahtlose Umstellung von der anspruchsvollen Chorkantate zur lockeren Operette war dabei durchaus keine leichte Herausforderung für die Zuhörer. Den Abend im Brunnenhof der Münchner Residenz retteten zum Glück die hervorragenden Solisten zusammen mit den Arcis-Vocalisten.

<i>Carmina Burana</i> im Münchner Brunnenhof © Martin Köppl
Carmina Burana im Münchner Brunnenhof
© Martin Köppl

Den Charme der geplanten Mischung aus Carmina Burana und Arien, Duetten und dem Finale aus der Fledermaus konnte man sich im Nachhinein dennoch durchaus vorstellen. Doch durch die spontanen Umbauten wirkte gerade nach dem letzten Schicksalschor eine gewisse Aufbruchstimmung, bevor man sich besann, dass es ja noch einen weiteren Programmteil gab. Wie hörenswert dieser war, zeigten die Philharmoniker aus Bad Reichenhall unter der Leitung von Thomas Gropper.

Die Ouvertüre zur 1874 entstandenen Fledermaus sprühte vor Wiener Walzerlust, dank der rhythmischen Flexibilität, die Gropper den Musikern abverlangte, und den feinen Akzentuierungen der Dynamiken, die er genau herausarbeitete. Den guten Eindruck setzten die Solisten fort, die mit dem Terzett „Nein, mit solchen Advokaten“ den Streit zwischen den Protagonisten trotz konzertanter Aufführung fast szenisch darstellten. Den Höhepunkt allerdings bot Sopranistin Susanne Winter mit dem Csárdás aus dem zweiten Akt. Mit feurigem Timbre und beeindruckenden Koloraturen, wenn auch nicht ganz so tragender Klangfülle in den Spitzentönen, stahl sie ihren Kollegen die Show. Den Abschluss bildete das überschwängliche Champagner-Finale.

Falsche Überschwänglichkeit vermied Gropper bei den Carmina tunlichst. Gerade am Anfang war die Präzision in den Absprachen des Chores beeindruckend. Ebenso überraschend war die Klangdichte und Ausgewogenheit der Arcis-Vocalisten, die als Laienchor hohes künstlerisches Niveau bewiesen. In striktem Piano stellten sie die terrassenartigen Dynamiksprünge des Schicksalschores plakativ dar. Der wuchtigen Anfangsstimmung entgegengesetzt bewies der Chor in „Veris leta facies“, dass ihm auch die innigen, leisen Stellen liegen, die vor allem die Frauenstimmen mit ihrem hellen Klang abrundeten.

Peter Schöne als Abt, mit Thomas Gropper, der Philharmonie Bad Reichenhall & den Arcis-Vocalisten, © Martin Köppl
Peter Schöne als Abt, mit Thomas Gropper, der Philharmonie Bad Reichenhall & den Arcis-Vocalisten,
© Martin Köppl
Welchen Spaß die Musiker mit den Carmina Burana hatten, wurde bei den Trinkliedern im zweiten Teil endgültig offenbar. Tenor Sibrand Basa, der in seinem Kurz-Intermezzo mit quäkendem, allerdings niemals forciertem Timbre den in der Pfanne schmorenden Schwan mimte, folgte Bariton Peter Schöne als Abt, der mit seiner Arie „Ego sum Abbas“ einen oktoberfestreifen Auftritt hinlegte. Carl Orffs Intention der Wirtshauslieder hätte nicht glaubhafter interpretiert werden können, wobei Schönes recht tenorale Klangfarbe in den hohen Passagen zum Ausdruck kam. Den Abschluss vor der Pause bildete der rasante Männerchor „In Taberna quando sumus“, den die Herren des Chores mit beeindruckender Textverständlichkeit meisterten.

Den abschließenden Teil der Liebeslieder nach der Pause verstärkte der Kinderchor des Pestalozzi-Gymnasiums, der vor allem in seinen Solopassagen mit exakter Phrasierung und klarem Klang begeisterte, ebenso wie Susanne Winter, die den Zuhörer entweder zum Beispiel in ihrer Arie „In trutina“ mit samtigem Timbre einwickelte, oder diesen im „Dulcissime“ mit ihren mühelosen Spitzentönen faszinierte.

Den Bad Reichenhaller Philharmonikern lag die leichte Muse der Fledermaus eindeutig besser. Mit einigen rhythmischen Unstimmigkeiten in den Carmina Burana, die zum Beispiel im Tanz für das Orchester oder dem Reigen deutlich wurden, sorgte das Orchester für vermeidbare Unsicherheiten. Den leisen, langsamen Momenten konnten die Philharmoniker aber mit genau abgestimmter Intonation die gewünschte Wirkung verpassen. Gleiches galt auch für das Zusammenspiel der Solisten aus dem Orchester mit dem Chor oder den Gesangssolisten.

So war das Konzert trotz dramaturgischer Umstellungen erfolgreich. Dass diese nicht nötig gewesen wären, wusste an diesem Abend leider nur Fortuna.

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