Bernard Haitink und das Chamber Orchestra of Europe © Priska Ketterer | Lucerne Festival
Bernard Haitink und das Chamber Orchestra of Europe
© Priska Ketterer | Lucerne Festival
Ein gewagtes, wenn nicht gar eigentümliches Unterfangen, Mahlers Rückert-Lieder zwischen zwei späte Mozart-Symphonien zu schieben. Vielleicht eine Folge des Zusammentreffens von Christian Gerhaher mit Bernard Haitinks diesjährigem Repertoireschwerpunkt mit dem Chamber Orchestra of Europe? Mozarts Prager Symphonie nach der Fin de Siècle-Atmosphäre in Mahlers Liedern? Letztlich aber erwiesen sich alle Bedenken als gegenstandslos.

Es war ein pures Vergnügen, die Zusammenarbeit des COE mit ihrem Ehrendirigenten zu verfolgen. Nicht nur das gemeinsame Wirken war beglückend, das Engagement im Ensemble war an sich schon bemerkenswert. Eine Aufführung mit Haitink findet jenseits der Diskussion um historisch „korrektes" Musizieren statt. Mit 88 kann der Dirigent das Missionieren, die immerwährende Suche nach dem (stets elusiven) Originalklang getrost anderen überlassen. Das heißt natürlich nicht, dass der Maestro neuere Erkenntnisse ignoriert. Das Orchester mit modernem Instrumentarium ist so aufgestellt wie in der Klassik und Romantik üblich, die Artikulation ist leicht, die dynamischen Konturen klar, der Ansatz fast kammermusikalisch. Dirigent und Ensemble verstehen sich bestens. Haitink führt mit sparsamen, ökonomischen Bewegungen, aber dennoch präzise und klar, rechts der Dirigierstab, die Linke formt Dynamik und Phrasierung. Fraglos kann sich der Altmeister auf die aktive, stets aufmerksame Unterstützung durch die Konzertmeisterin, Lorenza Borrani, verlassen.

Von Anfang bis Ende herrschte apollinische Klarheit, Luzidität. Bei Mozart dominierten die Streicher, die Bläser gaben extra Farbe. Artikulation war eine Selbstverständlichkeit, die nicht bewusst wahrgenommen wird. Haitink meidet alles Schwerfällige, seine Tempi sind schlank, flüssig, natürlich, allenfalls eher auf der raschen Seite. Ohnehin war Bombastik an diesem Abend fehl am Platz, es dominierten die leisen Töne, das Subtile, die dynamischen Schattierungen von bis f – mehr hat Mozart nicht vorgesehen – und die Agogik blieb unauffällig und übermäßige Verbreiterungen am Schluss unterblieben. Im Eingangssatz der Haffner-Sinfonie hat Mozart zwar die Repetition der Exposition im Autograph gestrichen – der Dirigent ließ trotzdem wiederholen, was bei seinem flüssigen Zeitmaß durchaus angebracht war. Auch das Andante des zweiten Satzes nahm Haitink scheinbar rasch, allerdings goldrichtig: die Melodie verleitet zu 4/8-Spielweise, doch ist der Satz als 2/4 notiert. Bemerkenswert, wie sauber und präzise die zweiten Violinen und die Violen die raschen Zweiunddreissigstel-Passagen selbst im feinsten p artikulierten. Noch anspruchsvoller dann das Finale: sportlich-virtuos, gar an der Grenze dessen, was das Orchester zu leisten vermag. Allerdings handelt es sich um ein Presto in alla breve-Notation, Haitink weiß also die Notation auf seiner Seite, und so reizte er die Möglichkeiten aus. Die Artikulation blieb gerade noch klar, aber eine differenzierte Gestaltung im Bereich der Motive war so kaum noch möglich.

Christian Gerhaher und Bernard Haitink © Priska Ketterer | Lucerne Festival
Christian Gerhaher und Bernard Haitink
© Priska Ketterer | Lucerne Festival

Die Rückert-Lieder transportierten das Publikum in eine gänzlich andere Sphäre: Mahler hat sich die introvertierte, intime Welt von Rückerts Lyrik ganz zu eigen gemacht, hat spärlich, aber sorgsam instrumentiert. Der Dirigent nahm die Lieder nicht übermäßig langsam, blieb schlicht, das „Sehr lebhaft" von „Blicke mir nicht in die Lieder" durchaus beachtend. Christian Gerhaher brauchte nicht „aufzudrehen". Über weite Strecken blieb er im Pianissimo – beinahe sotto voce – trotzdem trug seine Stimme, intim und dennoch eindrücklich. Ohne übertriebene Schauspieler-Diktion blieb der Text verständlich. Der Bariton steigerte in der Intensität mehr denn in der Lautstärke: so kamen die Vorzüge der Akustik des KKL Luzern zum Tragen. „Ich atmet' einen linden Duft" war verhalten, diskret: ein Idyll, ein duftendes Stillleben. Erst in „Um Mitternacht" gestaltete Gerhaher sanfte, breite Bögen bis zum Forte, hielt dabei die Spannung, so dass man sich dem Bann der Musik nicht entziehen konnten. Erst am Schluss schwang sich die Musik zu einer eindrücklichen fff-Klimax auf – im Liedzyklus der dramatische Höhepunkt, der in seiner Intensität an Szenen in Wagners Opern erinnerte. Haitink achtete bei „Ich bin der Welt abhanden gekommen" auf Intensität, Stimmung, gab dem Englischhorn Gelegenheit die Kantilenen aufblühen zu lassen, während Gerhaher seinen allzu kurzen Auftritt in leisesten Tönen jenseitig und immens berührend beschloss.

Anders als die Haffner Symphonie ist die Prager Symphonie nur dreisätzig. Während erstere aus einer Serenade entstanden ist, versetzte uns das KV 504 ins Theater: wie eine Opern-Ouvertüre die langsame Einleitung, Erwartungen weckend, dabei thematisch ungebunden, einzig mit Motiven spielend. Mit dem zügigen Tempo im  Allegro schien sich unvermittelt der Vorhang zu öffnen, den Blick auf frisches, lebendiges Treiben freigebend. Der zweite Satz, wiederum in Sonatenform, zeigt anfänglich ganz verhaltene Heiterkeit. Allerdings konnte sich Mozart in der Durchführung einige Dissonanzen und derbe harmonische Späße nicht verkneifen. Der Schlusssatz geriet zu einem fröhlichen Kehraus: ganz in Analogie zum „Haffner"-Finale: wieder ein Presto im 2/4-Takt, und auch hier an der Grenze des Möglichen.

Haitink setzte zum Schluss noch eins drauf, ließ als Zugabe das Scherzo aus Mendelssohns Musik zum Sommernachtstraum spielen, in Tempo und Koordination nochmals das Letzte fordernd. Die Standing Ovation war verdient!