Das Chamber Orchestra of Europe ist auf Tournee durch Europa, auf der der Schweizer Thierry Fischer bei kurzfristig für den erkrankten Vladimir Jurowski eingesprungen ist. Das anspruchsvolle Programm bleib dabei unverändert, beginnend mit der 1968 entstandenen Zehnten Symphonie des Polen Mieczysław Weinberg, der die meiste Zeit seines Lebens in der Sowjetunion verbracht hat.

Thierry Fischer © Marco Borggreve
Thierry Fischer
© Marco Borggreve

Die Klangsprache des Werks ist zwar an diejenige von Weinbergs Mentor Schostakowitsch angelehnt, dennoch durchaus eigenständig: polytonal, aber weniger motorisch, eingängig, lebendig, keineswegs radikal. Das COE wurde hier vom sachlich-beschwingt auftretenden Thierry Fischer mit verhaltener Gestik dirigiert; man hatte den Eindruck, die äußerst kompetenten Spitzenmusiker des Ensembles seien mit dem Werk so vertraut, dass sie im Konzert nur noch ein Minimum an Führung benötigten. Dies ist natürlich auch der sehr aktiven Rolle der Konzertmeisterin Lorenza Borrani zu danken, die in den anspruchsvollen Soli ihr stupendes Können unter Beweis stellte.

Die Symphonie beginnt mit einem Concerto grosso überschriebenen Satz, eine Ouvertüre im barocken Stil mit pompöser Einleitung. Ich fühlte mich trotz moderner Tonalität sogleich wie in der Klangwelt des 18. Jahrhunderts zu Hause. Auch das anschließende Fugato folgt barocken Mustern, wobei eingängige Melodik mit Polytonalität gewürzt wird. Vor der Rückkehr zum breiten, harmonisch-dissonanten Eingangsthema glänzte der Solocellist Richard Lester in einem intonatorisch anspruchsvollen Solo. Der ruhig-feierliche Folgesatz, Pastorale, überzeugte durch sorgfältig disponierte, feinst abgestufte Dynamik im Sordinospiel in wolkig-verhangener Stimmung; der Mittelteil allerdings hat es in sich: mit schnellen Doppelgriff-Passagen gespickte, virtuose Soli finden sich zuerst in der Violine, dann im Cello, werden zuletzt durch die Bratsche zum Trio ergänzt.

In der Burlesca wechseln sich von Dissonanzen untermalte, geschwätzige marcato-Soli der Celli ab mit wunderschönen flautando-Melodien; diese leiten über in den Schlusssatz Inversion, der mit einem Fugato äußerst virtuoser Solopartien anhebt. Nach einem raketenartig ansteigenden Glissando führen ruhigere Doppelgriff-Soli zu einem Abschnitt, in dem die Spannung über Tremolo-Crescendi ins Unermessliche zu steigen scheint, aber dann endet die Symphonie unvermittelt mit einem Rückgriff auf den Beginn des ersten Satzes. Insgesamt ein sehr virtuoses und zugleich unmittelbar eingängiges, unterhaltsames Werk, meisterhaft gespielt, in einer kleinen Besetzung mit 17 Streichern, eine Größe, die satten, homogenen Streicherklang und ausreichend Volumen erlaubt, ohne schlankes, transparentes Spiel zu behindern.

Patricia Kopatchinskaja
Patricia Kopatchinskaja
Das Zweite Violinkonzert von Prokofjew ist ein Herzstück in Patricia Kopatchinskajas Repertoire. Es war faszinierend zu beobachten, wie sie in und mit dieser Musik lebt, ganz in ihr aufgeht. Gebannt lauschte man schon ihren ersten, leise anhebenden, ohne Vibrato gespielten Tönen, und schon bald verschmolz die Protagonistin mit dem Orchester zu einem einzigen Organismus, stand mit dem Ensemble in beständiger Interaktion, nahm Impulse auf und gab sie an die anderen Musiker zurück. Selbst wenn der Solopart schweigt, ruhte die Violinistin in Bewegung und Mimik nie, so sehr nahm sie das Werk gefangen. Dabei kennt sie technisch keine Schwierigkeiten, meistert virtuoseste Passagen mit scheinbarer Leichtigkeit, bringt dazwischen Prokofjews wunderbare Melodien intensiv zum Leuchten, kann aber auch gegen Ende des ersten Satzes eine Spannung aufbauen, die es mit jedem Krimi aufnimmt.

Der Mittelsatz brachte eine rührend-innige Melodie im Solo, mit makelloser Intonation, später als Zwiegesang mit Streicherstimmen, mit Staccato-Begleitung in den Bläsern; erstaunlich, wie am Schluss die Solistin mit ihren Pizzicati selbst gegen das relativ große Orchester problemlos durchdrang. Der dritte Satz geriet dann vollends zu einem wilden, ungebändigten, fulminanten Volkstanz, in dem Impulse und Tempowechsel ganz aus dem Solopart zu kommen schienen – eine kongeniale Interpretation, bei welcher dem Dirigenten bestenfalls die Rolle des Vermittlers zwischen Solo und Orchester blieb. Dieses Werk und seine Interpretation an diesem Abend waren ein absolutes Faszinosum.

Nach der Pause hatten sich die Reihen im Publikum merkbar gelichtet, vielleicht, weil einige dachten, die abschließende Siebte Symphonie von Beethoven sei ein populärer Füller für ein traditionell-konservatives Abonnentenpublikum? Das könnte falscher nicht sein! Es war eine klar historisierende Interpretation, zwar mit modernem Instrumentarium, aber seit Norrington weiß man, dass das für eine Aufführung im Sinne des Komponisten kein Hinderungsgrund ist. Thierry Fischer orientierte sich eng an Beethovens Vorgaben mit zügigen Tempi, die nie gehetzt wirkten, ohne Mätzchen wie zusätzliche Kadenzen oder übertriebene Ritardandi und Fermaten. Es wurde in Dynamik und Artikulation sehr lebendig und leicht musiziert, auch im Allegretto nie pompös, dafür mit einem sehr eindrücklichen Steigerungsbogen.

Im Presto glänzte das Orchester mit Virtuosität und mit selbst im Drängen sehr diszipliniertem Spiel, die Trio-Segmente kein feierliches Pilgerlied, sondern eher bukolische Pastoralszene mit wundersam tragenden Stellen im dreifachen piano. Es mag gegen Ende nicht alles perfekt gewesen sein (der Abend war lang, die Werke allesamt sehr anspruchsvoll), aber was hier zählt ist das Live-Erlebnis, nicht die Perfektion, und beim Gebotenen werden gelegentliche Kiekser im Blech oder ein einzelner, verfrühter Einsatz gegenstandslos. So geriet auch der Schlusssatz ausnehmend alert und hinreißend, war wie alle Werke des Abends insgesamt hervorragend gemeistert!

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