Warum verschwindet eine Oper eines der berühmtesten Komponisten in den Archiven? Weil vier lange, heterogene Akte die Aufmerksamkeit des Publikums überfordern könnten? Aus Kostengründen, weil nebst Chor und einer Tanztruppe 15 Solisten zu besetzen sind? Im Programmheft zu Tschaikowskis Charodeyka der ersten Opernneuproduktion der laufenden Saison im Theater an der Wien, sind noch so viele weitere Gründe zu lesen, dass man sich als Publikum beinahe auf Leiden für die Kunst gefasst macht – um dann einen der interessantesten Opernabende zu erleben, welche Wien in diesem Jahr zu bieten hatte.

Nikolay Efremov (Fürst Kurljatew) und Asmik Grigorian (Nastasja) © Monika Rittershaus
Nikolay Efremov (Fürst Kurljatew) und Asmik Grigorian (Nastasja)
© Monika Rittershaus
Die junge Witwe und Waise Nastasja, genannt „Kuma“ und als „Charodeyka“, (Ver- und Bezauberin) bekannt, beliebt und verrufen, betreibt im Nischni-Nowgorod des 15. Jahrhunderts ein abgelegenes Wirtshaus, in dem sich kunterbuntes Volk vom Alltag und den Repressalien der Obrigkeit erholt. Da ist es erstaunlich, dass der fürstliche Statthalter Kurljatew bei einem Überraschungsbesuch nicht nur friedlich bleibt, sondern von Kuma so hingerissen ist, dass er im Übermut des zweiten Frühlings sogar seinen Schreiber und Scharfmacher Mamyrow demütigt: Er, der den vermeintlichen Sündenpfuhl am liebsten brennen sehen würde, muss mit ein paar Spaßmachern tanzen. Wenig überraschend intrigiert Mamyrow später bei Kurljatews Frau gegen die angebliche Geliebte ihres Mannes, worauf diese ihrem geliebten Sohn Juri – selbst Kunde bei Kuma – deren Tötung aufträgt. Doch Kuma, die sich gerade noch gegen Kurljatews Zudringlichkeiten wehren konnte, wird gewarnt, wartet allein auf ihren vermeintlichen Mörder, gesteht ihm die Wahrheit über seinen Vater und letztendlich ihre Liebe. Als beide bei Nacht und Nebel fliehen wollen und Kuma auf Juri wartet, wird sie von dessen Mutter vergiftet. In Verkennung der Situation ersticht der plötzlich erscheinende Kurljatew seinen Sohn und verfällt dem Wahnsinn; das Schicksal der Fürstin im tobenden Sturm bleibt offen.

Christof Loy hat für diese Geschichte – oder besser gesagt, die vielen ineinander verwobenen Themen (Volk und Herrschaft, Midlife Crisis, Verrat des Gekränkten, Gehorsam des Sohnes, Rache der – vermeintlich – Betrogenen...) – einen einfachen Rahmen gewählt: Der Bühnenraum ist gänzlich in glattem, hellem Holz getäfelt und verfügt über ein passendes, fast den ganzen Boden einnehmendes Podest, welches das Hervortreten der Akteure in der Handlung geschickt unterstreicht. Alles wirkt auf das Wesentliche, nämlich die handelnden Personen und ihre Interaktionen, fokussiert; die ästhetische Sprache von Ausstatter Christian Schmidt bleibt bei allem Minimalismus dennoch eindeutig russisch. Das beginnt bei den wenigen eingeschobenen Kulissen (z.B. ein Birkenwäldchen, ein Vorhang in Russisch-Grün), geht weiter mit Tee und Pelzen und endet bei der aufgedonnerten Oligarchengattin, pardon, Fürstin. Das mag manchen zu subtil oder eher spartanisch als russisch vorkommen, hat aber den Vorteil, dass sich die Vielfalt des Werkes in Musik, Stil und Story von Volksszenen über Kammerspiel bis romantische große Oper samt Mord und Wahnsinn deutlicher offenbart, als sie es in einem historisierenden Kostümschinken je könnte.

Maxim Aksenov (Prinz Juri) und Agnes Zwierko (Fürstin) © Monika Rittershaus
Maxim Aksenov (Prinz Juri) und Agnes Zwierko (Fürstin)
© Monika Rittershaus
Vielleicht liegt auch darin eine Antwort auf die Frage, warum Charodeyka, welche Tschaikowski seine beste Oper nannte, zu seinen Lebzeiten und noch lange danach kein Erfolg auf der Bühne beschieden war: Die Zeit war noch nicht reif, der Publikumsgeschmack ein anderer. Musikalisch ist das Werk bis auf den letzten Satz eher symphonisch als dramatisch angelegt, hat Volksliedhaftes und Sakrales als wiederkehrende Elemente; im ersten Satz fallen a-capella-Gesang und ein Rückverweis auf das erste Klavierkonzert auf, später gibt es Ausblicke auf Rachmaninow und im Wahnsinn des Finales sogar eine Vorwegnahme der heidnischen Urkräfte in Strawinskis Sacre du Printemps.

Das ORF-Radio Symphonieorchester Wien unter der Leitung von Mikhail Tatarnikov konnte dabei seine größte Stärke, nämlich seine Wandlungsfähigkeit, unter Beweis stellen; die verschiedenen Stimmungen der Natur und der Protagonisten wurden ebenso spürbar wie das Magisch-Transzendentale der Partitur. Mehr kann man bei einem Stück, welches in dieser Form (beinahe ohne Striche) keine Aufführungspraxis kennt, nicht erwarten. Die wie immer erstklassige Leistung des Arnold Schoenberg Chor war der Tupfen auf dem in der rundum gelungenen Ensembleleistung, in welcher insbesondere Martin Winkler als Zauberer und Giftmischer Kudma und Martijn Cornet als Leibjäger des Prinzen herausragten. Zentralfigur (wenn auch ohne Auftritt im zweiten Akt) war natürlich Asmik Grigorians Kuma, welche sie ganz im Sinne ihres Erfinders als Archtypus des Ewig-Weiblichen mit all seinen Facetten anlegte.

Asmik Grigorian (Nastasja) und Maxim Aksenov (Prinz Juri) © Monika Rittershaus
Asmik Grigorian (Nastasja) und Maxim Aksenov (Prinz Juri)
© Monika Rittershaus
Stimmlich gelang ihr alles, wenngleich ihr durchschlagskräftiges Instrument in der Höhe zu Schärfe neigt, was auch für Agnes Zwierkos Fürstin gilt. Bei dieser und bei Vladimir Ognovenkos Schreiber beieindruckte besonders die satte Tiefe, wobei letzterer insgesamt die beste Gesangsleistung des Abends bot, knapp gefolgt von Nikolai Efremovs Fürsten. Maxim Aksenov als Juri hielt in diesem starken Umfeld gut mit, hatte aber in der mittleren Lage mitunter Intonationsschwierigkeiten. Bestechend gelang allerdings sein Duett mit Kuma im dritten Akt, dem Beginn und Höhepunkt einer unmöglichen Liebe und gleichzeitig schon Wendepunkt der Partitur in Richtung Tod und Transzendenz.

Fazit: Nicht nur für Freunde der russischen Opernliteratur oder Tschaikowski ein Genuss, auf jeden Fall eine Erweiterung des musikalischen Horizontes.