Seit über 13 Jahren ist Franz Welser-Möst Chefdirigent des Cleveland Orchestra. Eine lange Zeit, in der er das Orchester geformt und an die Weltspitze geführt hat. Davon konnte sich gestern das Münchner Publikum in der Philharmonie im Gasteig selber überzeugen. Die Amerikaner machten auf ihrer Europareise auch Halt in München und haben neben StraussZarathustra und Messiaens Hymne au Saint Sacrement auch Beethovens Viertes Klavierkonzert im Gepäck. Zusammen mit dem rumänischen Pianisten Radu Lupu führten die Clevelander ihr Publikum zu Jesus, Orpheus und Zarathustra.

Franz Welser-Möst © Satoshi-Aoyagi
Franz Welser-Möst
© Satoshi-Aoyagi
Schon der Blick auf das Programm war vielversprechend: Um Frühromantik von Beethoven und Serielles von Olivier Messiaen unter einen Hut zu bekommen, bedarf es einiger Flexibilität, doch bei dem Cleveland Orchestra erklang beides mit unglaublicher Leichtigkeit. Messiaens 1932 entstandenes Werk Hymne au Saint Sacrement scheint auf den ersten Blick etwas sperrig für das ansonsten romantische Programm, allerdings deutet die Klangsprache viel mehr auf die weiteren Werke, besonders auf Zarathustra voraus. Die Streicherklänge mit dem Ostinato der Bratschen und die skalenhafte Motivik sind dabei zentrale Figuren. Welser-Möst hielt die Musiker dabei immer unter Höchstspannung und entwickelte den Klang zum Forte weiter. Messiaen verstand sein Werk als Klang gewordene Existenz Jesu Christi und dementsprechend zelebriere das Cleveland Orchestra das Finale als strahlend und hymnisch.

Dem expressiven Höhepunkt stellten die Musiker dann Beethovens Viertes Klavierkonzert entgegen. Radu Lupu gab das Thema des ersten Satzes mit größtmöglichem Pianissimo vor und zeichnete damit eine klare Linie für das gesamte Konzert. Die Interpretation des Orchesters war geprägt durch eine innige Stimmung, wobei deutlich wurde, wie sehr Welser-Möst am Wohlklang des Konzerts gelegen war, und besonders die Holzbläser setzten diesen mit warmem, unaufdringlichem Klang um. In ruhigem Tempo breitete Welser-Möst den Kopfsatz aus und arbeitete präzise die von Lupu vorgegebenen Themen im Orchester aus. Für den Rumänen war Beethovens Klavierkonzert keine Zurschaustellung von Virtuosität; stattdessen zeichnete er mit unglaublich weichem Anschlag und umso stärkerer Emotion ein melancholisches, traumwandlerisches Bild.

Radu Lupu © Priska Ketterer
Radu Lupu
© Priska Ketterer
Besonders eindringlich wurde dies im berühmten Andante deutlich, über das Franz Liszt sagte, dass der Dialog zwischen Klavier und Orchester die Zähmung der Furien in der Unterwelt durch Orpheus darstelle. Mit lyrischem, fast fragilem Klang begegnete Lupu dem unerbittlichen Orchester, das er schließlich beruhigen konnte. Im Finale dirigierte Welser-Möst das Cleveland Orchestra mit viel Schwung, wobei er auf einen merklich kantigeren Klang setzte, den Lupu mit perligen, virtuosen Läufen vollendete.

Beinah etwas zu zügig für meinen Geschmack interpretierte Welser-Möst den Sonnenaufgang von Richard Strauss’ Also sprach Zarathustra, der bei ihm ohne großen Pathos und allzu bekannten Pomp auskommen musste. Umso temperamentvoller waren dann allerdings die folgenden Teile, die die Wandlungsfähigkeit des Orchesters weiter unterstrichen. Vor allem die Posaunen, die mit messerscharfen Einwürfen den Streicherklängen Kontur geben, stachen mit expressivem Klang hervor. Generell beeindruckten die Blechbläser, die entweder als fanfarenhafte Trompeten oder zurückhaltende Hörner die Klangbilder stark mitgestalteten.

Die häufig bei Strauss sehr breit klingenden Streicher waren in der Interpretation des Cleveland Orchestra dankenswerter Weise äußerst unaufdringlich und kreierten dennoch bei Bedarf den nötigen schwelgerischen Klang. Die bewegten Passagen des Tanzlieds interpretierte Konzertmeister William Preucil mit einigem legato, was dem tänzerischen Charakter allerdings keinen Abbruch tat, da er mit klarer Akzentuierung und viel Schwung musizierte.

Franz Welser-Möst besitzt ein sehr gutes Gespür für die richtige musikalische Stimmung, und so war es ihm offensichtlich ein Leichtes, die so verschiedenen Werke zu einem schlüssigen Programm zu vereinigen und auf höchstem Niveau zu präsentieren.

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