Für ihre März-Konzertserie haben die Migros-Kulturprozent-Classics das BBC Symphony Orchestra unter ihrem Chefdirigenten, dem Finnen Sakari Oramo, geladen und dazu als Solistin die norwegische Violinistin Vilde Frang, die in Zürich keine Unbekannte ist. Das Programm bot neben Klassisch-Bekanntem (Beethovens „Pastorale”) auch neuere (Britten) und neueste Werke (Clyne). Da mögen einige in Vorfreude auf Beethoven gedacht haben, sie ließen die neueren Werke der ersten Konzerthälfte wohl oder übel über sich ergehen. Wer aber mit offenem Ohr und Herzen zuhörte, dem brachte das Programm ein unerwartetes Erlebnis.

Vilde Frang © Marco Borggreve
Vilde Frang
© Marco Borggreve

Als Auftakt war das jüngste Werk, This Midnight Hour – ein Orchesterstück aus dem Jahre 2015 – zu hören. Die 1980 geborene englische Komponistin Anna Clyne ließ sich von zwei Gedichten dazu inspirieren, deren eines (von Jiménez) eine Frau schildert, die nackt durch die klare Nacht hetzt. Das andere, Harmonie du Soir, ist von Baudelaire. Wie sich daraus unschwer erraten lässt, lebt die Komposition von Gegensätzen. Den prominentesten Anteil haben dabei die bewegten, oft dramatischen Segmente: ein Kaleidoskop rasch wechselnder Szenerien, rhythmisch komplex, voller Tempo- und Taktwechsel. Der Dirigent leitete mit sicherer Hand den Klangkörper und sein reiches Instrumentarium. Oramos Rechte hielt den Taktstock, die Linke markierte bei Bedarf mit wuchtigen Handkantenschlägen gegenläufige Rhythmen. Schon hier war klar, dass Oramo in diesem Orchester ein äußerst routiniertes, zuverlässiges Instrument zur Verfügung stand, welches auch in asynchroner Polyphonie und vertrackter Polyrhythmik nie die geringste Unsicherheit zeigte, sondern perfekte klangliche Balance und Homogenität, mit bewundernswerter Dynamikkontrolle. Clynes Komposition beginnt in Staccato-Sequenzen, die an Schostakowitsch gemahnen. Sehr bald jedoch wird das rastlos bewegte Geschehen hochkomplex, schildert in bunten Klangfarben eine Abfolge von Situationen, verklingt wie ein Gewitter und kehrt zurück; grelles, maschinen-artiges Pulsieren – urplötzlich Mondlicht-beschienene Ruhe – und wieder die rasende Unruhe. Auf eine Walzerszene folgt eine harmonische Periode mit komplizierter Melodik, wilde Szenen flackern auf, heitere Ruhe, ein Paukenknall – Schluss. Die Komposition ist gelegentlich polytonal, sehr fantasievoll, interessant und unbedingt hörenswert.

Danach gehörte die Aufmerksamkeit ganz Benjamin Brittens Violinkonzert und der Solistin. Vilde Frang setzte in ihrem schulterfreien, maisgelben Kleid zwar einen wirkungsvollen Farbtupfer, trat aber unprätentiös, in der ihr eigenen Bescheidenheit auf. Umso mehr hielt sie durch ihr Spiel das Publikum vom ersten Einsatz bis zum letzten Verklingen in ihrem Bann. Sie schien auch selbst ganz aufzugehen in dieser Musik, wie sie in sie hinein- und ihr nachhorchte, den Konturen von Brittens Meisterwerk bis in die feinsten Pianissimo-Schattierungen nachfolgte. Auch im höchsten Flageolett gestaltete sie noch expressiv und mit lupenreiner Intonation, aktiv, doch ohne sich je vorzudrängen, immer im engen Kontakt zum Orchester und Dirigent. Brittens Orchesterdisposition ist hervorragend, Vilde Frangs Instrument (Vuillaume, 1864) blieb auch im begleiteten, allerhöchsten und allerfeinsten Pianissimo-Flageolett problemlos akustisch präsent. Oramos äußerst umsichtige Unterstützung mit perfekter Dynamikkontrolle war dabei natürlich Voraussetzung. Die Solistin meisterte auch die virtuosesten Ansprüche scheinbar mühelos und unmerklich nahm einen diese atemberaubend schöne Musik gefangen, rührte bis ins Innerste der Herzen, ganz zu schweigen vom verklingenden Schluss voller Reinheit, Unschuld und zugleich Sehnsucht und Verlangen nach Erlösung, so warmherzig und zu Tränen anrührend, im Geiste endlos nachklingend.

Es gab tatsächlich Besucher, die tauchten erst nach der Pause auf, wohl in der Erwartung, ihren Beethoven, ihr persönliches Highlight zu genießen. Jedem das Seine, aber diese Zuhörer haben definitiv den Höhepunkt verpasst. Sakari Oramo bot einen makellosen Beethoven moderner Machart, der ebenmäßig und sorgfältig in Dynamik, Zusammenspiel, Tongebung und Balance war, unauffällig in der Tempowahl, gefühlswarm, harmonisch in den Abläufen, ohne Ecken und Kanten. Vor 50 Jahren wäre das in der Tat unter den bestmöglichen Aufführungen eingestuft worden. Nur, das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Oramo mag das Orchester perfekt unter Kontrolle haben, aber es war eben alles zu kontrolliert, zu geschliffen, zu sehr Routine. In Zürich war in den letzten Jahren dermaßen viel historisch informierter Beethoven zu hören, dass mit einer derartigen Interpretation kaum mehr Staat zu machen ist. Da fehlte es an einigen Enden: das Orchester war zu groß, das Instrumentarium bis auf die harten Paukenschlägel traditionell, die Aufstellung romantisch/konventionell, es gab  zu viel Legato, wenig Agogik, kaum Klangrede, zu weich und glatt, bei aller Sorgfalt kein Leben in Artikulation und Dynamik. Nicht unerwartet war im Orchester kaum Enthusiasmus und sichtbar aktives Engagement auszumachen. Da hilft auch das vollkommenste Pianissimo nichts, denn begeistern kann das kaum.

Immerhin legte Oramo als Zugabe noch den Entr'acte aus der Suite Pelléas et Mélisande seines Landsmannes Sibelius nach – das war dann wieder eher seine Welt.

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