Dankgottesdienste zur Verdeutlichung der Macht Gottes anlässlich bedeutsamer Ereignisse waren in den damit mehr als turbulenten Zeiten der Stellvertreterauseinandersetzungen im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts Gang und Gäbe. So ist das Utrechter Te Deum Händels zu den Feierlichkeiten Queen Annes für den Friedensschluss 1713 nach den spanischen Erbfolgekriegen entstanden. Doch auch Naturkatastrophen boten zwingende Gelegenheit, die fürchtige Gesellschaft von göttlicher Stärke und Gnade im Zeichen des Schreckens zu überzeugen.

Václav Luks mit Collegium Vocale und Collegium 1704 © Petra Hajská
Václav Luks mit Collegium Vocale und Collegium 1704
© Petra Hajská

Händel komponierte dazu die Solokantate Donna, che in ciel, in der er mit religiösem Dank an die Verschonung des Zentrums der ewigen (Vatikan-)Stadt vor einem vernichtenden Terremoto erinnerte. Einige Zeit später, im Jahre 1755, sollte dann Telemann mit der Donnerode die Musik für die nach dem verheerenden Erdbeben in Lissabon stattfindende Veranstaltung in Hamburg entwerfen. Collegium und Collegium Vocale 1704 beleuchteten mit dem spannenden, durchdachten und heute eher selten aufgeführten Programm dieses spezielle Genre der europäischen Weltbürger: ein lobpreisendes Erdbeben des Barock.

Zwei weitere Besonderheiten fielen auf. Schon zu Beginn des Abends erklangen die knallenden Pauken, womit wirkungsvoll auf den Pomp sowie Telemanns abschließende Ode gedeutet wurde, obwohl das Utrechter Te Deum originär ohne das üblicherweise von Händel dafür vorgesehene Schlagwerk besetzt ist. Außerdem verzichtete man auf das beigefügte Jubilate im Annex. Abgesehen von dieser interpretatorischen Wahl bot das Prager Ensemble eine farbenreiche Darbietung, bei der sich das Orchester mit gewieftem Dynamikspiel, knackig-aufgedrehter und eleganter Artikulation in Szene setzte. Neben den natürlichen Glanz verbreitenden Trompeten und Oboen legten die Streicher mit dem bei Václav Luks typischerweise herausgekitzelten starken Bass das melodische und rhythmisch kernig-freudige Fundament.

Für die dramatischen Intermezzi traten die Solisten aus dem 20-köpfigen Collegium Vocale einen Schritt hervor, so dass Aufbau und Fluss des Stückes erkennbar wurden und blieben. Während die Tutti-Sätze von homogener Klangmächtigkeit, einerseits wohliger Abgerundetheit und andererseits kräftiger Spritzigkeit englischer Festlichkeit gezeichnet waren, blieben die abwechslungsreichen solistischen Einschübe stimmlich etwas hinter der Lautstärke des Orchesters zurück. Nichtsdestotrotz sorgten beispielsweise Kamila Mazalová und Aneta Petrasova mit sehr dunkel gefärbtem, sanftem Alt sowie Céline Scheen und Aleksandra Turalska mit ebenfalls gut zusammenpassenden, zart-strahlenden Sopranen für schöne, innehaltende, kontemplative Elemente. Diese Hürde des Ineinandergreifens nehmend, beglückte das Ensemble das Kölner Publikum bereits, nachdem das erste glorreiche Finale des Abends in Händels stimmungsvollem Schlussgebet des Utrechter Te Deums verklungen war.

In der folgenden Solokantate Donna, che in ciel entführt Händel die Zuhörer in seine italienische Zeit, die mit seiner feurigen Klangsprache in den schnellen Sätzen, seinen dramatischen Rezitativen und seiner sentimentalen Ausdeutung in ruhiger Arie deutlich erkennbar wird. Stilmittel dafür sind die Streicher, die kraft Besetzung natürlich auch das inhaltliche Bild des Anlasses untermalen. Die Introduktion, für die Händel Teile seiner Agrippina-Ouvertüre recycelte, kündet bereits von bedrohlicher Atmosphäre, die Václav Luks wie die kommenden Presti in passend rasantem Tempo scharf und gewaltig interpretierte. Zackig gesellten sich die solistischen Einwürfe der Violinen Helena Zemanovas und Jana Chytilovas zur ersten Arie, in der Ann Hallenberg aufgewühlt vom aufkommenden Erdbeben berichtet. Dramatisch trillernde Streicher im Accompagnato leiteten zum preisenden, getragenen Gebet gen Himmel, ein transzendentaler Anruf wie in Händels meisterhaften Opern, in dem die Solistin die Worte mit anmutigem Respekt und Dezentheit stimmlich auskleidete.

Ann Hallenberg © Örjan Jakobsson
Ann Hallenberg
© Örjan Jakobsson

Ehe in der Schlussarie mit ungewöhnlichem Chorfinale der Erleichterung in dankender Alleluia-Manier in angemessen melancholischer Grundstimmung fulminant Rechnung getragen wird, reflektierte Ann Hallenberg in überleitender Arie die Schrecken der Natur in reißendem Furor, den auch die Violen und der Generalbass mit stürzenden Kaskaden intonierten. Es gibt nur ganz wenige Erscheinungen, die dem Hörer die Lust am Singen dabei so natürlich und authentisch vermitteln wie die schwedische Mezzosopranistin, deren flexible Stimme mit packend sportlich-frischer Koloratur-Brillanz wie gemacht war für diese Herausforderung: mit Spaß und Expression in stilsicherer Artikulation und Phrasierung im jeweiligen Moment verhaftet, eingebettet in beeindruckender Präzision und Diktion, wobei alles meist in edler Leichtigkeit erschien, machte sie ihren Auftritt wieder einmal zu einem Erlebnis.

Im zweiten Teil war der vertonte Anlass unüberhörbar. Daniel Schäbe konnte genüsslich auf die Pauke hauen, um dem Namen der Donnerode als Schilderung des furchtbaren Naturereignisses und der theologischen Huldigung Gottes Größe alle Ehre zu machen. Zwar setzte sich der galante Stil des späteren Telemanns von zuvor gehörtem Händel nicht überdeutlich ab, auch ging das Tempo angesichts der fordernden Höhen und Tücken der Parts zugunsten der Textverständlichkeit leicht verloren (wobei die Stimmen bis auf Marian Krejciks kräftig-sicherem Bariton und Céline Scheens weich-dämpferisch gurgelndem, dabei dennoch angenehm klaren Sopran leider größtenteils vom Orchester überlagert wurden). Des Weiteren wurde der Eingangschor am Ende des ersten Kantatenteils nicht wiederholt.

Allerdings arbeitete Luks mit seinen Ensembles die musikdramatischen Effekte und Besonderheiten heraus, indem er beispielsweise den formidablen, hellwachen Chor flink „erstaunen“ ließ und die Enden der aufbrausenden Männerarien abriss. Zudem betonte er die profanen Elemente in federnder Kompaktheit. Besonderes Lob verdienten sich sämtlich hervorragende Instrumentalsolisten, denen Telemann in den Arien jeweils eine besondere Funktion zukommen ließ. Neben den angestachelten, windigen Streichern sorgten so das schützende Fagott, die flehende Oboe, die lieblichen Traversflöten, das schmetternde Horn und die schlagende Trompete für lautmalerische Kongruenz in diesem feierlichen Kurzdrama.