Paris galt bereits im 19. Jahrhundert als eine Metropole der Künste und bildete im Programm des Concertgebouw-Orkest Amsterdam das Bindeglied zwischen den Programmpunkten. Den Taktstock schwang an diesem Abend der neue Chefdirigent des Orchesters, Daniele Gatti. Nicht nur für seine musikalische und literarische Seite bekannt, ist Paris zudem die Wiege des Balletts, einen Aspekt, den das Programm mit gleich zwei Werken aufnahm, die für Sergej Diaghilew und seine Ballets Russes komponiert wurden: Debussys Jeux und Strawinskys Petruschka, die den Rahmen boten für Henri Dutilleuxs Métaboles pour grand orchestre und Camille Saint-Säens Cellokonzert in a-Moll.

Das Concertgebouw-Orchester und Daniele Gatti © Franz Neumayr | Salzburger Festspiele
Das Concertgebouw-Orchester und Daniele Gatti
© Franz Neumayr | Salzburger Festspiele

Die Geschichte eines jungen Mannes, der auf der Suche nach seinem Tennisball zwei jungen Mädchen begegnet und es darauf zu einem stürmisch erotischen Spiel kommt, wurde von Debussy in einen surreal wirkenden Satz gepackt. Das Spiel wird im musikalischen Augenblick ohne Ziel geboren, wodurch kleine Wirbel entstehen, die sich in ständiger Walzermanier um sich selbst drehen. Diese kleinen Wirbel und Bausteine der Musik ließ Gatti in seinem Orchester fabelhaft ineinandergreifen, sodass der märchenhaft anmutende Erzählstrang niemals abreißen wollte und ein ein harmonisch stetig fließender Klangteppich entstand.

In Strawinskys Petruschka dagegen erhellte das erste Bild die Gemüter mit einem vielschichtigen Instrumentenklang, der den Jahrmarktstrubel mit weichen Akzenten und wenig Druck schmückte. Eine ausgelassen freudige Stimmung riefen die vielen, durchwegs spitz gespielten Töne hervor; ganz anders da das vierte Bild, in dem es zwar wiederum auf den Jahrmarkt, aber gleichsam auch auf den Tod Petruschkas zugeht. Breiter und damit zugleich festlicher war das Finale; Tutti-Pausen wurden auffallend in die Länge gezogen. Zuvor schwelgte die Soloflöte schwelgte träumerisch und die Trompete stieg mit klarem, hellem Klang in den weichen Singsang der Flöte ein; sehr markant und mit Betonung auf den Tiefen schaltete sich das Englischhorn immer wieder dazwischen und das Kontrafagott hielt mit seinen länger aufgeplusterten Tönen gegen die kurzen, spitzen Töne der Streicher.

Henri Dutilleuxs Kompositionen sind oftmals poetisch-literarisch oder bildnerisch inspiriert. Métaboles wurde 1965 im Zeichen der Veränderung komponiert, welche die fünf aufeinanderfolgenden Sätze zum Thema haben, denn das musikalische Material erlebt so gewaltigen Wandel, dass am Ende eines Satzes ein neues Motiv hervorgeht, das den nächsten Satz bestimmt. Dieser Wandel war musikalisch im Charakter des jeweiligen Satzes zu hören. Äußerst scharfes und kantiges Pizzicato und harte Schläge auf dem Xylophon leiteten das Stück ein; Streicher schwebten im zweiten Satz sphärisch über den Bläsern. Mit jazzigem Feuer, aber wieder ausgeglichenem Klangvolumen zwischen Streichern und Bläsern tänzelte der dritte Satz. Der fünfte Satz zeugte von starker technischer Präzision, die in ein großes und lautes Finale mündete, ein wirkliches finales Feuer aber ausließ.

Danach ließ Sol Gabetta die ersten Töne von Saint-Säens' Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 gespannt erwarten, das zusammen mit Strawinskys Petruschka sicherlich den Höhepunkt des Abends darstellte. In recht flottem Tempo erklangen die ersten blumigen Töne aus dem Cello der Argentinierin. Ohne Schnörkel zeigte Sol Gabetta unterschiedlichste Charaktere auf ihrem Cello, als würden mindestens zwei Cellisten auf der Bühne sitzen. Mit kernigem Klang formte sie so Charaktere von brummiger, aufgekratzter und tiefsinniger Manier, oder aber mit flageolet-Tönen eine durch und durch erhellende Atmosphäre. Die drei aufeinander folgenden Sätze hindurch sprach Sol Gabetta förmlich mit dem Orchester, war damit harmonisch in das Tutti eingebettet und trotzdem stets musikalisch präsent. Nach einem tänzerischen zweiten Satz forderte Sol Gabetta das Orchester zu einem feurigen dritten Satz auf, spielte beherzt mit energischen Strichwechseln und weniger warmem, sondern markantem und kraftstrotzendem rüberkam.

Und so endete der vorletzte Festspieltag in Salzburg mit durchaus interessanten Extremen von scharf über feurig zu ausgewogen bei Dutilleux. Das Spiel der Solisten in Petruschka bereitete zusätzliche Freude,.ebenso Sol Gabettas charaktervolle Interpretation des Cellokonzertes. Für einen perfekten Konzertabend wären jedoch noch etwas mehr Feuer und Spannung in den ersten beiden Stücken wünschenswert gewesen.