Historisch betrachtet sollte er eine der großen Zeitenwenden in der mitteleuropäischen und insbesondere der deutschen Geschichte bedeuten: Luthers Anschlag der 95 Thesen an die Wittenberger Kirchentür und die so in Gang gesetzte Reformation. Sie führte nicht nur zur Spaltung der christlichen Kirche, sondern hatte auch auf zahlreiche andere Lebensbereiche Einfluss. Auch für die Musik hatte der Reformator einiges übrig, dichtete selbst unzählige Kirchenlieder und sagte einmal: „Die Musik ist eine Gabe und ein Geschenk Gottes; sie vertreibt den Teufel und macht die Menschen fröhlich.“ Und so hätte es die wegweisenden Kompositionen von Heinrich Schütz oder Georg Friedrich Händel, eines Johann Sebastian Bachs oder eben eines Felix Mendelssohn Bartholdys ohne Luther schlichtweg nicht gegeben. Ganz im Zeichen des letzteren gestaltete Christoph Schoener, Kirchenmusikdirektor an der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis, mit dem Chor St. Michaelis und dem Concerto con anima am Vorabend des Reformationstages ein klangvolles Konzert. Auf dem Programm standen Mendelssohns "Reformationssymphonie" und seine Symphoniekantate "Lobgesang".

Chen Reiss © Paul Marc Mitchell
Chen Reiss
© Paul Marc Mitchell

Die in prächtigem Barockstil errichtete St. Michaeliskirche besticht rein optisch durch ihre großzügige Architektur, die jedoch akustisch gesehen Tücken hat: Sänger und Instrumentalisten haben es hier zwar mit einem herrlich tragenden Klang zu tun, der jedoch zugleich sorgfältigste Artikulation erfordert, um nicht undifferenziert zu werden. In der zuerst auf dem Programm stehenden „Reformationssymphonie“ zeigte sich diese Gegebenheit denn auch regelrecht symptomatisch: Im ersten Satz hatten Kirchenmusiker Schoener und das auf historischen Instrumenten musizierende Concerto con anima unter Konzertmeisterin Ingeborg Scheerer merklich Mühe zueinander zu finden, wodurch es zu kleinen Ungenauigkeiten gerade bei den choralhaften Einsätzen der Bläser kam. Das Hauptthema des Satzes musizierten die Ausführenden zupackend und in frischem Tempo, ließen jedoch manchmal zu wenig differenziertes Spiel hören. Insbesondere die Pauke spielte ihren Part derart laut und teilweise regelrecht rücksichtslos, das kleinere Passagen in den anderen Stimmen kaum zu hören waren. Der kecke zweite Satz gelang luftig-leicht – herrlich, wie die Holzbläser hier tänzerisch aufspielten – ehe der dritte Satz melancholisch eingetrübt Zeit zum Atemholen vor dem kunstvoll als Bearbeitung über den Luther-Choral „Ein' feste Burg ist unser Gott“ gesetzten Finale ließ. Das frisch gewählte Tempo und die auf den Punkt ausgespielten Melodielinien und -bögen machten hier für kurze Zeit vergessen, dass das Orchester insgesamt zwar einen soliden, aber auch etwas müden Eindruck hinterließ.

Im folgenden „Lobgesang“ knüpfte das Concerto con anima regelrecht nahtlos an die vorangegangene Symphonie an. Leider fielen in den am Anfang stehenden Instrumentalsätzen ausgerechnet die Holz- und Blechbläser durch Intonations- und Ansatzprobleme negativ auf. Dennoch: Wenn die Musiker mit Ohr und Gefühl für die kleine Geste und die feine Instrumentierung Mendelssohns zeigten, dann entstand eine in der Summe schöne Lesart des „Lobgesangs“. Es sollte schließlich der Chor St. Michaelis sein, der den Gesamteindruck noch einmal nachdrücklich aufpolierte: Bestens aufgelegt und zu jeder Zeit hellwach bestach der Hauschor mit seinem klaren, unbeschwerten Sopranklang und einer homogen musizierenden Bassgruppe. Die hervorragende Präsenz und große Motivation führte insbesondere zu einer herrlich reinen Intonation, die sich auch im heiklen a-cappella-Choral „Nun danket alle Gott“ nich eintrübte. Hier hatte Kirchenmusikdirektor Schoener ganz offensichtlich ganze Arbeit in der Einstudierung geleistet. Einzig an der Deutlichkeit der Sprache fehlte es, hier wäre mehr Sprache wünschenswert gewesen, um gerade den großen Fugen eine noch bessere Struktur zu geben. Erfreulich gut besetzt waren die drei Solistenpartien: Die israelische Sopranistin Chen Reiss meisterte mit ihrem klangschönen, weichen Sopran alle Höhen mit Leichtigkeit, las jedoch so konsequent von den Noten ab, dass sie streckenweise ungewöhnlich unpräsent wirkte. An Präsenz bei Weitem überlegen war dagegen Bettina Pahn in ihrem kurzen Part als zweiter Sopran. Ihr warmer, runder Sopranklang passte hervorragend zu Mendelssohns kantablen Linien. Dass Pahn gegen Ende ihres Auftritts kurzzeitig zu früh einsetzte, war dabei schnell vergessen. Deklamatorisch voll auf der Höhe war schließlich Werner Güra, der mit seinem kraftvollen Tenor die ganze Kirche zu erfüllen vermochte. Insgesamt waren es gerade Chor und Solisten, die zu anhaltendem Applaus führten und den Reformationstag musikalisch in passender Manier beginnen ließen.

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