Budapest 1914: Kurz nach Ausbruch des ersten Weltkriegs wird im Varieté Orpheum gefeiert, als ob es keine Krise gäbe – eigentlich ziemlich makaber, diese Ausgangssituation der Csárdásfürstin. Den Drahtseilakt, den Anfang vom Untergang der Donaumonarchie nicht zu sehr ins Dramatische, aber auch nicht zur völlig unreflektierten Heile-Welt-Operette abgleiten zu lassen, ist Emmerich Kálmán, mit Hilfe seiner Librettisten Leo Stein und Béla Jenbach, gelungen wie keinem zweiten; die latente Untergangsstimmung schwingt doch immer mit, auch wenn ausgelassen gefeiert wird.

Marco Di Sapia (Boni), Wiener Staatsballett © Barbara Pálffy | Volksoper Wien
Marco Di Sapia (Boni), Wiener Staatsballett
© Barbara Pálffy | Volksoper Wien

Ganz ohne Kitsch geht es aber in der Volksoper (zum Glück!) trotzdem nicht zu. Die Inszenierung von Robert Herzl erfüllt in üppigem Jugendstil-Bühnenbild von glitzernden Ballettdamen über große Roben für den Chor bis hin zu Operettenuniformen jedes Klischee. Moderner gestalteten sich hingegen die Personenführung, die es schaffte, allen Figuren einiges an Leben und glaubwürdiger Persönlichkeit einzuhauchen sowie die Dialoge, die erfrischend pointiert und unverkrampft gerieten. Überhaupt bestach das gesamte Ensemble an diesem Abend vor allem dadurch, dass sie viel Witz, Temperament und Spielfreude auf die Bühne brachten. Die Gesangsleistungen variierten im Vergleich zur durchgängig ausgezeichneten Theaterkomponente aber zugegebenermaßen doch beträchtlich.

Die Rolle der „Csárdásfürstin“ Sylva Varescu stellte Ursula Pfitzner immer wieder hörbar vor einige Herausforderungen. In der Mittellage schien die Stimme teilweise fast zu verschwinden, ebenso erging es ihr auch in den schnellen Passagen der Auftrittsarie „Heia in den Bergen“. Wunderbar gelang ihr aber die Darstellung der Diva immer dann, wenn ihre aufblühende Höhe gefordert war, die sie stets mit Leichtigkeit und frei von Schärfen einsetzte. Das genaue Gegenteil dazu stellte der Edwin von Szabolcs Brickner dar, dessen Tenor zwar über eine angenehm schmelzende Mitte und Tiefe verfügt, der sich aber an diesem Abend über einige Spitzentöne nur mit Hilfe des Falsetts retten konnte. Völlig überzeugen konnten Pfitzner und Brickner allerdings durch ihr natürlich wirkendes Spiel in ihren gemeinsamen Szenen, die Darstellung der Charaktere als fühlende Personen und mit vollem komödiantischen Einsatz die ganze Vorstellung über.

Marco Di Sapia (Boni), Andrea Rost (S. Varescu), Szabolcs Brickner (Edwin), Kurt Schreibmayer (Feri) © Barbara Pálffy | Volksoper Wien
Marco Di Sapia (Boni), Andrea Rost (S. Varescu), Szabolcs Brickner (Edwin), Kurt Schreibmayer (Feri)
© Barbara Pálffy | Volksoper Wien

Mehr durch ihre Freude an ihren Rollen und ihr schauspielerisches Temperament als durch die Umsetzung ihrer gesanglichen Parts fielen Michael Havlicek und Kurt Schreibmayer in den Rollen Boni und Feri Bácsi auf. Als geschickte Kuppler und herzensgute Lebemänner, die außer im Varieté zu feiern offenbar nichts zu tun haben, trieben die beiden die Handlung voran und hatten in jeder Situation die passende Pointe auf Lager. Dass da manchmal Töne ziemlich wegbrachen oder verrutschten – sei’s drum, die sympathischsten und unterhaltsamsten Charaktere des Abends waren sie nämlich allemal. Den Part der Anastasia, um deren Willen Boni (vielleicht) doch noch sein Lotterleben aufgibt, spielte Mara Mastalir nicht nur mit lämmchenhafter Unschuldsmiene, sie sang sie auch lupenrein und mit warmem Timbre sehr gefühlvoll. Somit positionierte sie auch die Komtesse geschickt als Kontrapunkt zum von Standesdünkeln kontrollierten Adel einerseits und der sich vergnügenden Budapester Society andererseits.

Andrea Rost (Sylva Varescu) und Kurt Schreibmayer (Feri Bácsi) © Barbara Pálffy | Volksoper Wien
Andrea Rost (Sylva Varescu) und Kurt Schreibmayer (Feri Bácsi)
© Barbara Pálffy | Volksoper Wien
Als außerordentlich gelungen erwiesen sich die lustigen (Sprech-)Rollen, deren Auftritte nie zu langatmig oder bemüht witzig gerieten. Für die Rolle der „Tante Durchlaucht“ Anthilte eine Burgschauspielerin zur Verfügung zu haben ist dabei natürlich auch nie ein Fehler. Maria Happel brachte die ehemalige Chansonette, der der soziale Aufstieg gelungen ist, würdevoll und gleichzeitig mit trockenem Humor auf die Bühne. Herrlich etwa die nonchalante Feststellung „Verwandte sind auch Menschen“, die man sich gerade in der Weihnachtszeit vielleicht öfters vor Augen halten sollte. Als Leopold Fürst von und zu Lippert-Weylersheim sorgte Peter Matic besonders im Finale für viele Lacher, als er leichenblass und konsterniert feststellen muss, dass sein astreiner Stammbaum angesichts zweier Chansonetten in der Familie in „lauter Brettln“ zerfällt. Boris Eder zeichnete Sigi Gross, den Manager des Budapester Varietés, als Personifikation des Wiener-Oberkellner-Klischees. Wer schon einmal in einem Kaffeehaus einen zwischen mürrisch grantelnd und charmant schleimend in Sekundenschnelle wechselnden Kellner erlebt hat, hat für seine Darstellung das richtige Bild vor Augen.

Auf der Bühne überwog die humoristische Facette, aus dem Orchestergraben wurde Kálmáns herrliche Musik auf sehr hohem Niveau beigesteuert. Unter der Leitung von Rudolf Bibl feuerte das Orchester ein nuanciertes Klangfeuerwerk zwischen ungarisch-paprikascharfem Csárdás und donauwelligem Walzer ab und fand auch in den nachdenklicheren, melancholischen Momenten immer die richtige emotionale Farbe für die jeweilige Szene. Besonders die Gratwanderung zwischen trotziger Lebensfreude und Untergangsstimmung war im Orchester enorm präsent, wie eben auch im Libretto:

„Weißt du wie lange noch der Globus sich dreht, ob es morgen nicht schon zu spät?“, heißt es etwa im Text – eine Frage, die wohl angesichts des Weltgeschehens heute wieder aktueller denn je ist. Aber egal ob 1915 oder 2015, sich von Kálmáns Musik in eine Welt voll rauschender Walzer und feuriger Csárdás verführen zu lassen löst zwar vielleicht keine Krisen, beschert aber in jedem Fall gute Stimmung und einen schönen Abend.

***11