Eine Barockoper nach den Gepflogenheiten moderner Jugendlicher zu inszenieren mag nach einer verzweifelten Idee klingen, Oper „jünger zu machen“. Ganz anders beweist es jedoch die neue Dafne des Salzburger Landestheaters. Marco Dott inszeniert fern ab von jeder übertriebenen Klischeevorstellung eine Dafne, mit der sich Jung und Alt identifizieren kann. 

Iure de Castro und Andrii Lytvynenko (Statuen), Hannah Bradbury (Dafne) und Marcell Bakonyi (Peneo) © Anna-Maria Löffelberger
Iure de Castro und Andrii Lytvynenko (Statuen), Hannah Bradbury (Dafne) und Marcell Bakonyi (Peneo)
© Anna-Maria Löffelberger

Die Bühne könnte nicht besser gewählt sein. Das Heckentheater strahlt mit seiner Anlage und den Skulpturen schon alleine so eine starke Stimmung aus, dass man sich sofort in die Barockzeit zurück versetzt fühlt. Das Verspielte und doch Geradlinige, genau so lässt sich auch die Inszenierung dieser Dafne beschreiben. Das Bühnenbild ist reduziert und lässt viel Platz für die natürliche Wirkung des Heckentheaters und der Statuen – vier Marmorstatuen, die eigentlich Tänzer sind und ein Abbild einer jeden handelnden Person darstellen.

Starr werden sie einzeln auf die Bühne gefahren und auf einem Sockel platziert; nach und nach werden sie immer lebendiger und leiten und kommentieren ihr menschliches Abbild. Zwischen den Statuen huschen die schaulustigen Touristen sowie Dafne und ihr Vater herum, alle bewaffnet mit Smartphone, Selfie-Stick und Tablet PC, auf der Jagd nach dem perfekten Bild. Dafne aber ist besonders auf der Jagd nach dem perfekten Mann, mit dem sie sich, wie sollte es anders sein, via Smartphone auf einer Dating-Plattform verabredet hat.

Hannah Bradbury sang diese moderne Dafne. Stimmlich zeigte sie allerdings eine Leistung, die den Grundgedanken des barocken Gesangs erstrahlen lässt. Sie demonstrierte ihre stimmliche Vielfalt oftmals durch kleine, aber bewusst gesetzte Verzierungen. Ihre Arien gestaltete sie mit viel Gefühl, und trotz der Bühne im Freien war sie klar und deutlich bis in die letzte Reihe zu hören. So kamen die abwechslungsreiche Interpretation und vielfältige Charakterdarstellung beständig durch, mal in Form der frech trällernden Verführerin, dann wieder in Gestalt des jungen Töchterleins.

An Verehrern fehlt es ihr in jedem Falle nicht. Da ist zum einen Armin Gramer als Febo. Der Countertenor war durchwegs stark in seinem Register und strahlte beim Singen eine unglaubliche Lockerheit aus. Die virtuosen Melodiepassagen nahm er leicht, und auch er akzentuierte viel mit typisch barocken Verzierungen. Sein Nebenbuhler ist Aminta, dargestellt von Kristofer Lundin.

Armin Gramer (Febo) und Kristofer Lundin (Aminta), mit Iure de Castro und Vincenzo Timpa (Statuen) © Anna-Maria Löffelberger
Armin Gramer (Febo) und Kristofer Lundin (Aminta), mit Iure de Castro und Vincenzo Timpa (Statuen)
© Anna-Maria Löffelberger
Lundin ist nicht unbekannt am Landestheater, doch es ist erfreulich zu sehen, wie sich der junge Tenor von Produktion zu Produktion steigert. Im Gegensatz zu seinem Countertenor-Kollegen nutzte er besonders die Wirkung der dynamischen Akzentuierung; mit starken, klaren Haltetönen versuchte er überzeugend, Dafne für sich zu gewinnen. Als er dann auch noch Gitarre spielte, waren ihm zumindest schon einmal die Herzen der Zuschauerinnen sicher. In der Rolle von Dafnes Vater strahlte Bass Marcell Bakonyi totale Souveränität aus, was besonders seinem warmen Timbre zu verdanken war und seine Rolle zusätzlich unterstrich.

Besonderes Lob ist vor allem Peter Ewaldt und dem Mozarteumorchester Salzburg auszusprechen. Obwohl das verhältnismäßig klein besetzte Orchester gegen viele Nebengeräusche der Natur und des Parks anspielen musste, formte es einen durchwegs soliden Klang. Ewaldt gelang es, jedes einzelne Instrument hörbar zu machen und in vollkommener Balance zu den Sängern zu halten. Die Choreographie der Tänzer stand daneben perfekt im Einklang mit der Idee, Barockes („Altes“) und Modernes zu mischen. Die Bewegungen der Tänzer sind im Grunde klassisch, doch mit einer Vielzahl moderner Elemente gespickt (Choreographie: Josef Vesely), in der sich kunstvolle Hebefiguren mit Gesten aus dem Ausdruckstanz abwechseln. Die Tänzer kommentieren das Verhalten ihres menschlichen Abbildes, drängen sich aber nie in den Vordergrund. 

Diese Inszenierung hält durch und durch den roten Faden: Die Symbiose von Bühnenhandlung und Natur ist ausbalanciert und solide, die Verbindung von Altem und Modernem wirkt niemals gekünstelt, sondern befindet sich stets im Einklang. Um es in den Worten des Internet-Datings auszudrücken: It’s a Match!

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