Mit den Projektkonzerten „Scelsi Revisited” erinnerten die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik erinnerten an zwei Tagen an Giacinto Scelsi und seine Musik. Scelsi stammte aus einer alten adeligen Familien Süditaliens, das Komponieren war eine Nebenbeschäftigung für ihn, und er präsentierte sich selbst selten als Komponist, weshalb er zu seinen Lebzeiten nur einem kleinen Kreis bekannt war. Trotz der Dissonanz durch Mikrotonalität klang die Musik Scelsis behaglich und zeitweise auch meditativ. Dabei ging es nicht um einen physikalischen oder musiktheoretischen Wohlklang, sondern um das menschlich gut zu empfindende Timbre. Seine musikalischen Auseinandersetzungen waren eher handwerklich, denn er schrieb seine Kompositionen selten im üblichen Notationssystem nieder. Oft improvisierte er auf dem Klavier oder einer Ondioline - einem alten elektronischen Tasteninstrument, einem Vorläufer des heutigen Synthesizers - und nahm es mit einem Tonbandgerät auf. Nach seinem Tod im Jahre 1988 hinterließ er diese Tonbänder der Fondazione Isabella Scelsi in Rom, wo sie als Archiv zur Verfügung stehen.

Scelsi Revisited © Daniel Pufe
Scelsi Revisited
© Daniel Pufe

Noch bis heute sind seine Persönlichkeit und Werke ein großes Enigma, was die Organisatoren der Ferienkurse dazu veranlasste, mit den Konzerten „Scelsi Revisited” und dem Symposium „Scelsi Revisited Backstage” der Öffentlichkeit diesen rätselhaften Künstler und seine Musik zugänglicher zu machen. Daran beteiligten sich neben den Musikern auch von ihm inspirierte Komponisten wie Nicola Sani, der Präsident der Fondazione Isabella Scelsi und außerdem der britische Autor Gabriel Josipovici, der, basierend auf Recherche über Scelsi, einen fiktiven Roman geschrieben hat. Alle freuten sich darüber, Scelsi und seine Musik hier in Darmstadt wieder aufleben lassen zu können, wodurch eine etwas feierliche Stimmung entstand.

Beim Konzert am ersten Projekttag stellte das Klangforum Wien in der Böllenfalltorhalle Scelsis Komposition Anahit (1965) für Violine und Ensemble vor. Das sorgfältige Zusammenspiel der Musiker hob Scelsis geschickte Klangstrukturen hervor, wobei jeder Ton für sich entstand, um dann befreit vom wohl-temperierten Tonsystem mit den anderen Tönen zu verschmelzen. Dabei spielte die Solistin Gunde Jäch-Micko mit Doppelgriffen eine Kadenz, die ihrer Geige einen sehr feinen und zarten Klang entlockte. Im Anschluss daran gab der Scelsi-Kenner und Interpret Uli Fussenegger einen Vortrag zum Forschungsstand über Scelsi, bei dem er sich auch auf seine eigene Recherche bezog. Gabriel Josipovici las Auszüge aus Infinity: The Story of a Moment vor, dem sich ein Gespräch über die Hintergründe zu dem Roman anschloss.

Die zweite Hälfte des Konzerts versprach eine musikalische Hommage an Scelsi mit Werken einiger von ihm inspirierter Nachwuchskomponisten, deren musikalische Rezeption in der pluralistischen Gegenwart nicht einheitlich dargestellt wurde. In der Uraufführung der Komposition à tue-tête von Fabien Lévy gab es kein Zentrum der Klangquelle, denn die Musiker wurden im Raum verteilt und schauten in verschiedene Richtungen, sodass auch jede Stimme in eine unterschiedliche Richtung gespielt wurde. Die Mitglieder des Klangforums Wien spielten ohne Dirigenten oder Stoppuhr, aber jeder Musiker hatte einen kleinen Ohrhörer, durch den er das Tempo und den Einsatz bekam. Obwohl die Musiker bei diesem außergewöhnlichen Zusammenspiel mit Ohrhörern spielen mussten, behinderte dies keineswegs ihren harmonisch-musikalischen Zusammenhalt. Michael Pelzel, der in der Vergangenheit mit Scelsi direkten Kontakt hatte, widmete ihm an diesem Abend das Stück Sculture di suono, in dem er die Langsamkeit in den Kompositionen Scelsis auf seine Art und Weise reflektierte. Tristan Murails Un Sogno beginnt mit dem Tamtam, eines großen, ostasiatischen Metallgong, dessen Klang eher an chinesische Feierlichkeiten erinnerte und so die merkwürdige Klangwelt Scelsis in der Komposition Murails mit Heiterkeit erfüllte. Der an diesem Abend leitende Dirigent Sylvain Cambreling setzte sich mit fünf verschiedenen Arten der mikrotonalen Musik auseinander, wobei seine raffinierte Führung und musikalische Zusammenarbeit mit dem Klangforum Wien hervorragend war.

Dank der Höchstleistungen der beteiligten Musiker beeindruckte die Musik an diesem Abend die Zuhörer sehr. Tatsächlich ist es nicht leicht, dass sich eine solche Musik von alleine verbreitet, daher muss sie gefördert werden, was den Veranstaltern der Ferienkurse hiermit sehr effektiv gelungen ist. Die Wiederentdeckung der Musik Giacinto Scelsis in Darmstadt begann triumphal und dauerte noch bis zum nächsten Tag an.