Der Inhalt und die Musik dieses Werks handeln von Kälte - dem eisigen Frost, dem das Mädchen mit den Schwefelhölzern in Hans Christian Andersens Märchen in einer Silvesternacht ausgesetzt ist, und von der sozialen Kälte einer Gesellschaft, die dieses Mädchen unbeachtet in einer Häuserecke einen einsamen Tod sterben lässt. Helmut Lachenmann nannte sein Bühnenwerk „Musik mit Bildern“, keine Oper im herkömmlichen Sinne also, auch kein Musiktheater, denn die Handlung wird nicht als szenische Aktion aufgeführt.

Die Hauptrolle spielt die Musik – vielmehr der Klang. Das ganze Werk ist eine Klanginstallation, die durch Bilder ergänzt wird. Lachenmann hat Klänge erfunden, die so radikal neu sind, wie sie in herkömmlichen Werken noch nie zu hören waren und die auch in der jüngsten Produktion am Frankfurter Opernhaus, 18 Jahre nach ihrer Uraufführung, wieder aufs Neue faszinierten.

Michael Mendl und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester © Monika Rittershaus | Oper Frankfurt
Michael Mendl und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester
© Monika Rittershaus | Oper Frankfurt
Außer wenigen Einspielungen elektronischer Quellen, Fetzen von Alltagsgeräuschen oder musikalischen Zitaten, bedient sich Lachenmanns Musik ausschließlich des traditionellen Instrumentariums eines vollen Orchesters, aber nicht um Motive, Floskeln oder Melodien zu erzeugen, die etwas beschreiben oder ein Gefühl hervorrufen. Lachenmanns Musik ist konkret, der Klang ist unmittelbarer Ausdruck von Handlung und Gefühl. Kälte erklingt als Zittern der menschlichen Stimme, Wind als tonlose Luftsäule eines Blasinstruments, im Kratzen des Bogens auf einer Saite wird das Anreißen eines Zündholzes hörbar. Auch außermusikalische Materialien gehören zu Lachenmanns Klangkosmos wie aneinander geschabte Styroporplatten oder geriebene Handflächen. Alles tönt in dieser Klangkomposition ineinander, fordert intensives Hören heraus und lässt es zugleich neu erleben.

In Frankfurt haben sich das Orchester und die Sängerinnen und Sänger dieser großen Herausforderung gestellt und sie glänzend gemeistert. Wie ein feines Gewebe verschmolzen die auf vielfältige Weise erzeugten Klangereignisse aus Clustern, Tremoli, gerissenen, geschlagenen oder gestrichenen Geigentönen, geschabten Kreisbewegungen auf den Schlaginstrumenten und die unterschiedlichsten Atemtöne der Blasinstrumente. Zwei Klaviere ergänzten diesen Klangfarbenreichtum vor allem perkussiv.

Der vielstimmige Chor fügte subtil die menschliche Stimme als Klangfarbe ein und zwei Sopranistinnen traten als Repräsentanten des Mädchens klanglich hervor. Die Vokalpartien, eigentlich nur aus technisch allerschwierigsten Bausteinen bestehend, wurden vom ChorWerk Ruhr (einstudiert von Michael Alber) und den Solistinnen Christine Graham und  Yuko Kakuta mit bewundernswerter Virtuosität und Eindringlichkeit gemeistert. Unter der Leitung von Matthias Hermann bildete alles eine schwebende, fließende Einheit der Klänge, in die das Publikum eingehüllt wurde, weil Instrumente und Chor nicht allein vorne, sondern auch auf beiden Rängen postiert waren.

Yuko Kakuta © Monika Rittershaus | Oper Frankfurt
Yuko Kakuta
© Monika Rittershaus | Oper Frankfurt
Inhaltlich beschreibt das Stück einen dramatischen Bogen, der sich aus dem inneren Erleben des Mädchens ergibt: zuerst das Frieren in der eisigen Kälte dieser Silvesternacht, dann ein kurzer Moment von Wärme, wenn das Mädchen ein Streichholz nach dem anderen anzündet, schließlich die phantasierten Visionen von einem besseren Leben und als Höhepunkt nach dem letzten verloschenen Licht der Todestraum, in dem das sterbende Kind zu seiner Großmutter in den Himmel auffährt. Dann klingt allein noch der zarte Ton der japanischen Mundorgel Shō wie ein Reflex aus anderen, transzendentalen Sphären.

 

Wenn der Komponist auch ein ausformuliertes „Libretto“ in 24 Abschnitten für sein Stück verfasst hat, so lässt er offen, was die Bilder darstellen sollen. In den wenigen szenischen Aufführungen des Werks waren es meist abstrahierte Gesten oder Videoeinspielungen, der Regisseur der Frankfurter Produktion Benedikt von Peter dagegen hat sich zu einer sehr konkreten Szenerie entschlossen. Das Publikum bekommt die ganze Aufführung lang die Kommunikation eines Mannes mit einem Meerschweinchen zu sehen, die auf einer kleinen Matte inmitten des Publikums vor sich geht und von einer Kamera auf eine Leinwand projiziert wird. Weil Kinder im Umgang mit Tieren wie diesem kleinen Nager Anteilnahme und Mitgefühl lernten, so der Regisseur, verkörpere es hier einen Kontrapunkt zu der Mitleidlosigkeit und Kaltherzigkeit der Gesellschaft, durch die das kleine Mädchen im Märchen zugrunde geht.

Obwohl sich Michael Mendl mit großer Einfühlung um das Tierchen kümmerte, es schützend in seine Arme nahm, ihm wärmend seinen Pullover umlegte, ihm Wasser und Futter reichte und es am Schluss wie ein Kleinkind in die Arme schloss, wirkte dieses szenische Setting gegenüber der subtil differenzierten Musik auf mich ziemlich plakativ. Um Empathie mit der schwachen Kreatur einzufordern, blieben diese Bilder zudem allzu banal.

Michael Mendl © Monika Rittershaus  | Oper Frankfurt
Michael Mendl
© Monika Rittershaus | Oper Frankfurt

Dies vor allem auch, weil Lachenmann die Geschichte von Andersens Mädchen mit derjenigen seiner Jugendfreundin Gudrun Ensslin konfrontiert. Von ihr wird ein Text unterlegt, in welchem das spätere RAF-Mitglied kriminelle Brandstiftung als Aktion der Gegenwehr gegen ein unterdrückendes System verklärt. Der gesellschaftliche Diskurs über Mitleid, Egoismus und Rebellion dagegen wird allein im Programmheft geführt.

Endgültig in eine Disneyfizierung kippt das Ganze für mich durch eine überdimensionale Aufblaspuppe, die vor der Aufführung von der Straße aus durch die breite Fensterfront ins Foyer des Frankfurter Opernhauses lugt und nach dem Ende der Vorstellung schlaff auf dem Pflaster liegt. Auch Streichholzmäppchen mit der Aufschrift „Ritsch“ sind an den Tresen erhältlich. Angesichts derartiger Bebilderung wäre es mir lieber, bei diesem Werk auf optische Reize ganz zu verzichten und in konzertanter Aufführung lediglich innere Bilder entstehen zu lassen.