„Blas‘ Deine Kerze aus, mein Freund,dann findest Du leichter Deinen Weg.” Diesen Text des französischen Schriftstellers und Enzyklopädisten Denise Diderot verwendet Bernat Vivancos in einem der ergreifendsten Sätze, dem sechsten, seines 2015 nach dem Tod seines Vaters komponierten Requiems.

Justin Doyle © Matthias Heyde
Justin Doyle
© Matthias Heyde

In einem ehrgeizigen Experiment im Amsterdamer Muziekgebouw hat der künstlerische Leiter und Dirigent des RIAS Kammerchores Justin Doyle einige Sätze dieser persönlichen zeitgenössischen Komposition dem Requiem von Tomás Luis de Victoria aus dem Jahre 1603 gegenübergestellt. Fünf der acht Sätze des zeitgenössischen Werkes wechselte Doyle jeweils mit Sätzen der fast vollständigen Renaissancemesse ab. Das führte vor allem zu Beginn des Konzerts zu spannenden Hörerlebnissen. Das Neue war vom Alten kaum zu unterscheiden, was neben der klaren Stimmführung der Sänger vor allem dem Umstand zu verdanken war, dass Vivancos sich weitgehend traditioneller Kompositionstechniken bediente und de Victoria anders als sein Zeitgenosse Gesualdo Dissonanzen weitgehend vermied.

Der samtene weitgehend vibratolose Klang des RIAS Kammerchores passte sich den beiden spanischen Kompositionen mühelos an. Obwohl die Besetzung mit 34 Sängern für die 6 stimmige Messe von de Victoria fast dreimal größer als nötig war (ursprünglich für 12 Sänger), bewahrte Doyle ein der Entstehungszeit angemessenes fokussiertes und bescheidenes Klangideal ganz besonders im Kyrie. Bei Vivancos veränderte sich der Chorklang in ein zeitgemäßes Idiom mit vertrauten Wendungen und harmonischen Überraschungen. Gleich zu Beginn des Aeternam stellte sich damit einhergehend eine wehmütige Stimmung beim Zuhörer ein, in welcher die Abschiedstrauer ergreifend nachvollziehbar wurde. Vivancos Musik berührte uns als seine Zeitgenossen vielleicht ebenso direkt wie de Victoria die Zuhörer bei der Totenmesse zu Ehren von Kaiserin Maria von Spanien vor 400 Jahren.

RIAS Kammerchor © Matthias Heyde
RIAS Kammerchor
© Matthias Heyde

Bei de Victoria fiel die archaische, architektonisch gebaute Form seiner Totenmesse auf, die Doyle mit seinen Sängern mit Stilgefühl präsentierte. Ein ähnliches Erlebnis wurde dem Publikum bei Vivancos verwehrt, da die Sätze seines Requiems nicht nur unvollständig, sondern auch in veränderten Reihenfolge (1,3,6,4,7) aufgeführt wurden. Im dritten Satz von Vivancos Requiem Lámour, le temps hatte dieser den lateinischen Messetext zugunsten eines auf Französisch gesungenen italienischen Sprichworts losgelassen. Doyles schwungvolles Dirigat entlockte dem RIAS Kammerchor hier deutlich mehr Klangvolumen als bei de Victoria, wobei die deutlicheren dynamischen Unterschiede extremer hätten ausfallen können.

Doyle ließ als nächstes ein einstimmiges Intermezzo durch den Akkordeonisten ausführen, das zwar die aufgebaute meditative Stimmung nicht zerstörte, aber weder zur ursprünglichen Komposition von Vivancos noch zum aktuellen Programm passen wollte. Dazu war der beeindruckend geschmeidige Klang von Miloš Milivojević zu wenig abwechslungsreich. Die Soloeinlagen des Akkordeons kamen im Laufe des Programms noch drei Mal zurück, konnten aber weder in der Bearbeitung des mittelalterlichen Ad mortem festinamus aus der spanischen Handschriftensammlung Llibre Vermell de Montserrat noch im Peccantem me quotidie, einer Komposition aus dem 16. Jahrhundert von Christóbal de Morales überzeugen. Trotzdem war das Akkordeon ein wichtiger Bestandteil dieses Konzerts, da Vivancos es in der Partitur des sechsten (Souffle) und siebten Satzes (O lux beata) vorschreibt. Dieses letzte Stück war dann auch das modernste, begann es doch mit aufeinander gestapelten Clusterklängen, die auf ein wirklich zeitgenössisches Idiom hoffen ließen. Es offenbarte sich aber wie schon im O virgo splendens, welches mit seinem gregorianischen Eingangsteil und lateinischem Text minutenlang nicht von einer Renaissancemesse zu unterscheiden war, Vivancos Hang zu langatmigen Wiederholungen. Je weiter das Programm fortschritt, desto deutlicher rächte sich der Umstand, dass Doyle die Regieanweisungen zur Aufstellung des Chores zugunsten eines umbaufreien Konzertablaufs nicht befolgt hatte. In der Partitur wird die Choraufstellung in jedem Satz verändert. Zudem kommen in den weggekürzten Teilen 3, 5 und 8 noch weitere Instrumente und Solisten hinzu und machen das 90-minütige Werk abwechslungsreicher.

In der vorliegenden Verflechtungsabfolge stach im zweiten Teil des Programms vor allem das kraftvoll gesungene Sanctus von De Victoria mit seinen langen Melodiebögen hervor. Der Rest dieser zweiten Programmhälfte war ein Spiegelbild der ersten und dadurch ohne den anfänglichen Überraschungseffekt vorhersagbar. Aber Experimente wie diese öffnen Ohren und machen neugierig auf mehr. Zudem beweisen sie eindrucksvoll die Lebendigkeit von guter Musik aller Zeiten.

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