Dieses Mittagskonzert stand für die Koinzidenz zweier Geburtstage: die Zentenarfeier des traditionsreichen Orchestre de la Suisse Romande, jetzt geleitet von Jonathan Nott, und das 80-jährige Bestehen des Lucerne Festivals, bei dessen Gründung das OSR – damals unter Ernest Ansermet – bereits eine wichtige Rolle spielte. Das Festival steht heuer unter dem Thema „Kindheit”, welches denn auch die Rahmenwerke des Programms bestimmt hatte: das abendliche Spiel Jugendlicher auf einem Tennisplatz bei Debussy, abschließend Richard Strauss' Ballett über kindliche Fantasien im Schlaraffenland einer Konditorei. Als Kontrast dazu (und als Zugpferd) stand im Zentrum des Programms das Violinkonzert von Sibelius, mit Renaud Capuçon als Solisten.

Jonathan Nott © Lucerne Festival | Patrick Huerlimann
Jonathan Nott
© Lucerne Festival | Patrick Huerlimann

Jonathan Nott wirkte jugendlich, ja munter, dirigierte mit spielerisch-schlenkernder, fließend-eleganter Gestik, bei Bedarf weit ausholend. Er ist kein autoritärer Diktator unter den Dirigenten oder Dompteur, arbeitete kollegial-freundschaftlich mit seinen Musikern zusammen, motivierte über Blickkontakte. Das Orchester musizierte dabei durchaus mit Ernst und Konzentration; das Jubiläumsprogramm war denn auch technisch ziemlich anspruchsvoll.

Als „Ouvertüre” wählte Nott Jeux, Debussys letztes Orchesterwerk. Es ist selten gespielte Musik und alles andere als ein Reißer. Dennoch, es ist spannende Musik, die selbst ohne dazu imaginiertes Ballett durchaus funktioniert, bereits mit den gläsernen Pianissimo-Klängen zu Beginn. Die Komposition ist geprägt von beständigem Changieren in Tempo und Stimmung. Momente sprunghaft aufbrausender Aktion wie aufblitzendes Feuerwerk stehen im Wechsel mit Segmenten abwartender, lauernder Spannung, oft nervös-aufmerksam, dazwischen finden sich kurze Perioden subtiler Intimität, gar Beschaulichkeit, aufblühende Expressivität. Jonathan Nott ließ die Tempowechsel gleitend erscheinen, achtete dabei auf detaillierte Dynamik mit scharfen Kontrasten und ausgezeichneter akustischer Balance. Er nutzte die relativ analytisch eingestellte Akustik für ein klares, transparentes Klangbild. Seine Sichtweise war alles andere als romantisch, nie schwülstig, kein Spektakel, dabei aber nicht nüchtern oder trocken. Für diese Visitenkarte zeigte sich das Orchester in bester Verfassung und bot eine sehr einnehmende Präsentation.

Renaud Capuçon © Lucerne Festival | Patrick Huerlimann
Renaud Capuçon
© Lucerne Festival | Patrick Huerlimann

Als Violinist verstand es Sibelius ausgezeichnet, sein Instrument in Szene zu setzen. Mühelos trug Renaud Capuçons Guarneri über dem Klang des Orchesters, nie scharf oder gar spitz, voll und warm in der Tiefe. Capuçon artikulierte romantisch-weich, mit häufigen Portamenti, aber auch impulsiv, zügig-elegant und technisch brillant in den Läufen, subtil in den expressiven Stellen. Wenn er pausierte, schien er meditierend ins Orchester zu horchen. Nott begleitete aufmerksam, gestaltete eine intensive, aber nicht ausufernde Klimax am Ende des Allegro moderato. Zum Höhepunkt geriet das Adagio di molto mit dem Gefühlsfluss, dem warmen, dunklen Gesang in der Violine, harmonierend zum weichen Klang der Streicher. Orchester und Solo verschmolzen zu einer Einheit. Zeigte im ersten Satz der Solist gelegentlich eine leichte Tendenz zu tiefer Intonation, so war diese hier durchweg passend und sehr bewusst gestaltet. Selten gingen mir die Klimax und das subtile Ausklingen derart ans Herz. Die Knacknuss des Konzerts ist jedoch der Schlusssatz mit seiner ostinaten, aber dennoch rhythmisch irritierenden (weil gegenläufigen) Begleitung, in die der Solist intrikat-asynchrone Läufe und Figuren einpassen muss. Capuçon schien bei diesen Skalen tendenziell zu eilen, war ansonsten jedoch technisch ausgezeichnet, wobei er mehr auf Brillanz denn auf lokalen Ausdruck achtete, und das Ende geriet gar etwas zur Show. Vor allem rhythmisch war hier das Orchester gefordert. Trotz aller Aufmerksamkeit und äußerster Konzentration ließ die Klarheit gelegentlich nach, war das Zusammenspiel mit dem Solisten beinahe auf der Kippe.

Es wirkte etwas befremdlich, dass sich nach der Pause die Zuschauerreihen merklich lichteten. Es ist zu vermuten, dass Strauss' Schlagobers  – etwa wegen des kaum bekannten, kalorienreichen Titels? – keine Neugierde ausgelöst hatte. Nott dirigierte die acht Sätze des ausgedehnten Werks auswendig, kostete den Schwung, die Farbigkeit der Komposition aus. Auch wenn diese oft gewollt süßlich, gelegentlich häuslich-gemütlich klingt, so ist sie für das Orchester dennoch anspruchsvoll und nicht alles geriet gleichermaßen geschlossen und brillant. Hier hatte das Werk Züge der Ironie, der Karikatur, auch das Tempo war gelegentlich an der Obergrenze, im Menuett dafür etwas schwer. Stets blieb der Orchesterklang transparent, klar. Schwung und Musikalität waren Nott insgesamt wichtiger als ultimative Perfektion. Im glanzvollen Schluss nahm letztlich die Spielfreude überhand.

Den exzellenten Schlusspunkt und eine effektvolle Zugabe setzte der vierte Satz, Molto vivace, von György Ligetis hinreißendem Concert Românesc.

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