Mit einem Fortissimo-Schlag, der sogleich abebbte und jenem impressionistisch gefärbten, filigranen Klangbild Raum gab, mit dem Franz Schreker in seiner Oper Der Ferne Klang die Sphäre des Träumerisch-Idealen zeichnet, öffnete sich der Vorhang zu einer musikalisch gelungenen, jedoch inszenatorisch gewöhnungsbedürftigen Darbietung dieses Werkes am Nationaltheater Mannheim.

Edna Prochnik (altes Weib) und Cornelia Ptassek (Grete) © Hans Jörg Michel | Nationaltheater Mannheim
Edna Prochnik (altes Weib) und Cornelia Ptassek (Grete)
© Hans Jörg Michel | Nationaltheater Mannheim

Es war dieses am Anfang stehende Klangbild, das mit seinen pointillistischen Figurationen in den Holzbläsern, den Harfenarpeggien und weit gestreckten Melodiebögen den fernen Klang einfing, den die männliche Hauptfigur, der Komponist Fritz, unablässig sucht und doch nie erreicht. Auf der kubusförmigen Bühne war nun eine Holzhütte zu sehen; die Projektion eines impressionistisch anmutenden Bildes auf die Bühnenwände unterstrich den Eindruck einer idealen Welt und das romantische Pathos der Liebe der Protagonistin Grete zu Fritz, sowie Fritz' romantisch-ideales Streben nach dem vollendeten Kunstwerk.

Schon hier zeigte sich, dass die Inszenierung Tatjana Gürbacas durch das stark reduzierte, plakative Bühnenbild, gepaart mit dem Einsatz von Projektions- und Filmtechniken, ein szenisches Pendant zur Handlung schaffte. Zugleich aber wirkte das Bühnenbild modern-steril und doppelte die in der Handlung und Musik ausgedrückte interpretatorische Ebene auf überdeutliche Weise. Gürbaca schaffte dadurch keinen Handlungsraum, sondern nahm eine Interpretation vor, die dem Rezipienten seine interpretatorische Freiheit nahm.

Dass die dargestellte idealistische Stimmung aber nicht von Dauer sein würde, dass sie einer träumerisch-irrealen Sphäre angehört, verdeutliche das Orchester durch seine feinfühlige, die Stimmungen der Musik präzise voneinander absetzenden Interpretation: So brach jäh ein Trompetensignal ein, Tremoli der tiefen Orchesterinstrumente, Röhrenglocken und die Motive des tiefen Blechs führten in die Realität und einen romantisch-vollen Orchesterklang ein.

Fritz, gesungen von Michael Baba, kündigte nachdrücklich und sehr klar artikuliert seinen Aufbruch an, um kurz darauf seine Stimme sehnsuchtsvoll einzufärben und dramatisch-schmerzlich von der Suche nach dem fernen Klang zu singen, der in der filigranen Orchesterbegleitung schillerte. Grete, dargestellt von Cornelia Ptassek, rief verzweifelt Erinnerungen an die Vergangenheit auf und versuchte vergeblich, ihren Geliebten aufzuhalten. Der Sängerin gelang über die drei Aufzüge hinweg eine beeindruckende Interpretation der Hauptfigur, die Schreker in unterschiedlichen Lebensaltern zeigt, und deren sich ändernde Namen ihre persönliche Entwicklung im Angesicht der Widrigkeiten des Lebens genauso reflektieren wie die unterschiedlichen Seiten ihrer Persönlichkeit.

Cornelia Ptassek (Grete) © Hans Jörg Michel | Nationaltheater Mannheim
Cornelia Ptassek (Grete)
© Hans Jörg Michel | Nationaltheater Mannheim

War Ptassek als Grete im ersten Aufzug noch das verliebte, unschuldige Mädchen, die dem Verlust des Geliebten gesanglich ausdrucksvoll Gestalt verlieh (wenngleich ihre Stimme bisweilen im Orchesterklang unterging), so avancierte sie im zweiten Akt zur feschen Prostituierten, die einmal in die fröhlichen Lieder ihrer Kolleginnen einstimmte, um dann immer wieder sehnsüchtig und schmerzlich in ihre Erinnerungen zu sinken. Litt ihre Artikulation unter ihre Erkältung, so war die Ausdrucksbreite ihrer Stimme und die Schönheit ihres Klangs beeindruckend und machten sie zur Trägerin des musikalischen Geschehens.

Musikalisch besonders beeindruckend waren in diesem zweiten Aufzug die ausgezeichnet gelungenen räumlichen Klangwirkungen und motivischen Überlagerungen, die durch die Verwendung eines Chores hinter der Bühne, einer venezianischen Musikgruppe, die Nachahmung realer Geräusche sowie das Opernorchester entstanden, und die den Realismus der Szenerie unterstrichen. Hierin floss alle Motivik des ersten Satzes ein und fand sich analog zur Handlung verkehrt in die Welt der Prostitution.

Szenisch stellte Gürbaca die Parallele zwischen beiden Akten, in denen sich die Liebe und Zurückweisung Fritz' und Gretes nun im Bordell wiederholt, frei von jeder romantischen Verklärung und realistisch eingefärbt dar, indem dasselbe Bühnenbild ohne impressionistischen Hintergrund zur Anwendung kam. Die Akteure, wenngleich es diesmal Prostituierte und Freier waren, erschienen analog zum ersten Akt, wobei die Szenerie durch die immer präsente kubische Bühne, die bühnenbildnerische Dopplung zum ersten Akt und die Anordnung der Figuren statisch-monoton und repetitiv wirkte.

Der dritte Aufzug handelt von der Aufführung von Fritz' Oper Die Harfe, die die Liebesgeschichte zwischen Grete und ihm selbst erzählt. Während Filmprojektionen die idyllischen Szenen des ersten Aktes heraufbeschworen, erkannte Fritz den fernen Klang, der wiederum irisierend im Orchester erklang, in Grete. Doch stirbt er, ohne sein künstlerisches Vermächtnis zu beenden, während sie ihm mit ruhiger, hoher Stimme ausdrucksvoll, die Erinnerungen an die Vergangenheit einflechtend, ein Wiegenlied sang.

Cornelia Ptassek (Grete) und Michael Baba (Fritz) © Hans Jörg Michel | Nationaltheater Mannheim
Cornelia Ptassek (Grete) und Michael Baba (Fritz)
© Hans Jörg Michel | Nationaltheater Mannheim

Trotz der gefühlten interpretatorischen Bevormundung traf Gürbaca den Kern dieser Oper: den Dualismus von Traum und Wirklichkeit, Romantik und Realismus sowie die sich wiederholende Handlungsstruktur: Grete unterliegt in jedem Aufzug demselben Handlungsschema, welches im dritten Aufzug in einer mise d’abyme handlungsimmanent noch ein viertes Mal wiederum unter veränderten Vorzeichen erscheint. Die Tragik dieses Werkes liegt damit in der immer währenden Wiederholung derselben Fehler und in der Verkennung, dass die Verwirklichung des künstlerischen Ideals nicht in der Selbstverwirklichung sondern der Liebe zu Grete liegt.

Diese Premiere überzeugte mit ihrer außerordentlichen musikalischen Qualität, die sich in der herausragenden gesanglichen Leistung der Protagonisten und der ausgezeichneten, wenn auch bisweilen zu mächtigen, Orchesterbegleitung zeigte. Eingebettet in eine moderne und interpretatorisch mitunter überdeutliche Inszenierung, die der räumlichen Komplexität des letzten Aufzugs nicht gerecht wurde, gelang so eine insgesamt gute und zur Diskussion anregende Aufführung dieser Oper.

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