Ein luxuriöses Hotelzimmer in irgendeinen Fünf-Sterne-Luxusschuppen, ein gestresster Reisender im Anzug und einige livrierte Angestellte – der Auftakt für Prokofjews Oper Der Feurige Engel könnte biederer nicht sein. Nichtsahnend, ja fast gelangweilt, schaut der Zuschauer dem beschaulichen Treiben auf der äußerst authentischen Bühne zu, das sich in seiner Belanglosigkeit genauso auch im Hotel Bayerischer Hof drei Straßen weiter abspielen könnte. Nichtsahnend, weil der Abend mit Gummi-Pimmel, Jesuschor und Dragqueen-Show ein deutlich überzeichneteres Ende sucht. Die Bayerische Staatsoper selbst spricht von einem „intensiven Abend“ und das war er in der Tat, sowohl musikalisch als auch mit Blick auf die Inszenierung.

S. Sozdateleva (Renata), E. Nikitin (Ruprecht), G. Juric (Inquisitor) & K. Conners (Mephistopheles) © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
S. Sozdateleva (Renata), E. Nikitin (Ruprecht), G. Juric (Inquisitor) & K. Conners (Mephistopheles)
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper

Barrie Kosky, Chefregisseur und Intendant der Komischen Oper Berlin, ist für das expressive Feuerwerk aus Tragik und Erotik verantwortlich. Das klischeebehaftete Ambiente nutzt er ganz bewusst, um einen maximalen Kontrast zur Handlung zu erzeugen. Gleichzeitig verdichtet er seine pausenlose Inszenierung auf den pathologischen Kern der Handlung: Im Irrsinn einer weiblichen Liebesgeschichte verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Imagination.

Die Hauptrolle Renata wurde an diesem Abend von Svetlana Sozdateleva gesungen. In ihrer Jugend stand Renata in engstem Kontakt mit einem Engel. Als sie jedoch den körperlichen Liebesbeweis von Ihrem Engel einfordert, verschmäht er sie. Seitdem irrt Renata durch Europa und klammert sich an die verzweifelte Hoffnung, die göttliche Erscheinung wiederzusehen. Schreiend, von Visionen verfolgt und dann doch wieder von unglaublicher Liebe erfüllt, durchlitt die Sopranistin das komplette Spektrum von Renatas Gefühlsachterbahn. Stimmlich blieb sie dabei wandlungsfähig und der anspruchsvollen Partitur in allen Lagen souverän gewachsen.

Evgeny Nikitin (Ruprecht) und Vladimir Galouzine (Agrippa von Nettesheim) © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Evgeny Nikitin (Ruprecht) und Vladimir Galouzine (Agrippa von Nettesheim)
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Zur Seite stand ihr dabei Evgeny Nikitin. Im Stück spielt er ihren Verehrer Ruprecht, der in seiner unerwiderten Liebe zu Renata ebenfalls vom Strudel des diabolischen Wahnsinns erfasst wird. Auch wenn überwältigende stimmliche Glanzpunkte ebenso fehlten wie ein wirklich überzeugendes Schauspiel, bildeten die beiden ganz ohne Zweifel ein wahrlich eingespieltes Paar. Und so entstand in den 2 Stunden, in denen Sozdateleva und Nikitin ununterbrochen auf der Bühne stehen, unter der Leitung von Vladimir Jurowski ein faszinierendes Maß an musikalischer Geschlossenheit. Die aufbrausenden Klänge Prokofjews formte der Dirigent differenziert aus und verzichtete auf diabolische Dauerbeschallung. Das markante Thema des Stückes erklang präzise und in wohl überlegten Akzenten.

Ähnlich pointiert arbeitet sich Regisseur Barrie Kosky an das große Finale des Stückes heran, wenngleich mit deutlich drastischeren Mitteln. Zum ersten Mal wurde dies deutlich, als ganz zum Ende des zweiten Akts der Magier Agrippa von Nettesheim (Vladimir Galouzine) auf die Bühne gerufen wird. Die Herren des Staatsballetts drängten in schillernden Abendroben auf die Bühne, die Körper mit arkanen Zeichen tätowiert und die Gesichter zum lautlos-gequälten Schrei verformt.

Monumentale Musik erklang aus dem Orchestergraben, während Galouzine ein voluminöses Highlight nach dem anderen setzte. Evgeny Nikitin konnte hier leider nicht mithalten. Seine Stimme ging im infernalischen Getöse unter und so fehlte (leider) an dieser Stelle der doch so stark benötigte musikalische Gegenspieler im Duett des Magister doctissime.

Dennoch: Die Szene markiert den Wendepunkt der Inszenierung und illustriert damit auf drastische Weise den Wahnsinn, dem die beiden Hauptdarsteller im rasanten Tempo verfallen. Die dämonischen Beschwörungen von Renata und Ruprecht führen zu zweifelhaftem Erfolg. Mephistopheles erscheint auf der Bühne und bringt seinen äußerst spärlich bekleideten Hofstaat mit sich. Zwischen schwingendem Gemächt und SM-Show fiel es zeitweise schwer, sich auf die exzellente Interpretation von Kevin Conners' Mephistopheles zu konzentrieren.

Evgeny Nikitin (Ruprecht), Kevin Conners (Mephilstopheles), Igor Tsarkov (Faust) & Statisterie © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Evgeny Nikitin (Ruprecht), Kevin Conners (Mephilstopheles), Igor Tsarkov (Faust) & Statisterie
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper

Auch der Abschluss des Stückes könnte verstörender nicht sein. Renata, mittlerweile dem religiösen Wahnsinn verfallen, kommt ins Kloster. Doch der Chor der Nonnen erscheint mit langem Bart und Jesuslatschen in Gestalt des Gottessohns. Jedes einzelne Haupt ist bekrönt durch einen Dornenkranz; Blut ist bereits auf die unzähligen weißen Tuniken heruntergetropft. So viel dramaturgische Überfrachtung muss erst einmal verarbeitet werden – gerade an einem ersten Advent. Es tat der beeindruckenden Leistung des Chors unter der Leitung von Stellario Fagone glücklicherweise keinen Abbruch.

Zum Schluss fiel das Feedback des Münchner Publikums verhalten aus. Die harte Kost aus Jesuschor und Unten-Ohne-Show des Teufels musste wohl erst verdaut werden. Es blieb bei einem soliden Applaus mit einigen wenigen Bravi, der das Ensemble mit Ach und Krach zweimal vor den roten Vorhang an der Staatsoper rief. Doch, auch das muss gesagt werden: Die Buhrufe blieben genauso aus, was zeigt, dass der so selten aufgeführte Feurige Engel durchaus einen Besuch an der Münchner Staatsoper wert ist. Weibliche Obsession wurde jedenfalls selten so provokant verdichtet.


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