Asiatisches Essen, ein blutiger, gezogener Zahn, der von einer Stewardess saubergelutscht wird und die Folgen der Globalisierung sind das Thema der Oper Der Goldene Drache, ein absurdes Stück, dessen Wiederaufnahme am Samstag im Bockenheimer Depot in Frankfurt zu sehen war. Es entstand im Auftrag der Oper Frankfurt und dem Ensemble Modern an Peter Eötvös nach dem gleichnamigen Theaterstück von Roland Schimmelpfennig und seine Uraufführung feierte 2014 große Erfolge – damals verströmte die Produktion den Charme der engen Zusammenarbeit von Komponist, Regie, Sängern und Musikern.

Karen Vuong und Holger Falk © Barbara Aumüller | Oper Frankfurt
Karen Vuong und Holger Falk
© Barbara Aumüller | Oper Frankfurt

Das Stück hat alles, was man sich an Einfallsreichtum nur wünschen kann: Der Schlagzeuger hat ein großes Küchenmesser und ein dickes Holz-Schneidebrett zur Erweiterung der musikalischen Ausdrucksmittel; Suppenkellen, Schneebesen und Woks spielen dabei keine geringere Rolle – komponierte Küchengeräusche des Restaurants, die neben den klassischen Instrumenten und konventionellen Klängen des Orchesters stehen Ein Zupfen der Streicher so vehement, dass man Angst hat, die Saite gleich reißen zu hören, und schroffe, schmetternde und manchmal auch jazzartige Blechbläser-Töne differenzieren das Stück. Eötvös zieht alle Register und lässt in der Musik viele interessante Momente erleben. Die Umsetzung dessen gelang dem Ensemble Modern unter der Leitung von Hartmut Keil ausgezeichnet und nicht selten schweifte der Blick von der Bühne auf die konzentrierten Musiker ab. Da das Musiktheater eine der Theaterformen ist, die man jedoch am wenigsten auf die musikalische Erfahrung beschränken kann, wurde das Ensemble Modern bei der Aufführung auch ins Bühnengeschehen eingeschlossen.

Eötvös hat sich bei der Vertonung stark an der Sprachmelodie von Roland Schimmelpfennig orientiert; so stark, dass auch viele Sprechpartien das Stück prägen, ohne die man bei der komplexen Handlung nur mit Übertitel zurechtkommen würde. Die nämlich spielt in Parallel-Welten, die sich miteinander verbinden: Äsops Fabel von der Grille und der Ameise findet Eingang, dann der junge Chinese mit Zahnschmerzen, der seinen Bruder sucht, und die beiden oberflächlichen Stewardessen, die menschlich fast gesprächsunfähig sind; der Großvater, der Lebensmittelhändler,… 18 Rollen werden dargestellt von fünf Sängern, von denen dabei enorme Flexibilität verlangt wird.

Hedwig Fassbender und Ingyu Hwang © Barbara Aumüller | Oper Frankfurt
Hedwig Fassbender und Ingyu Hwang
© Barbara Aumüller | Oper Frankfurt
Dabei stach unter anderem Hedwig Fassbender eindeutig hervor. Sie gestaltete ihre Rollen im Spiel wie auch im Gesang am differenziertesten. Fassbender konnte von einer leicht kratzigen Männerstimme (als Hans) zu einer ausbeuterischen Ameise werden, die so glaubhaft vulgär spricht und sang, dass die Szene, in der die Grille zwangsprostituiert wird, grausam menschlich klang. Aber auch als Enkeltochter traf sie mit hohem und warmem Timbre die andere Seite der menschlichen Gefühle und war in der Lage, gesanglich schnell zwischen den Rollen der Ausbeuterin und der verzweifelt-verliebten Enkeltochter zu wechseln, was im Hin und Her der schnell springenden Szenen unerlässlich ist.

Ähnlich differenziert gestaltete Holger Falk seine Rollen. Mit breitem Lächeln sang er den Namen des Restaurants „Der Goldene Drache“ - Chinoiserie pur. Vom Sprachduktus der chinesischen Rolle entwickelte er dann aber die oberflächlich-melancholische Stewardess, stimmlich glatt, getragen, mit einem Einschlag ins Depressive. Dabei blieb seine Stimme nicht emotional kühl, sondern ließ die Rolle auch durch Mimik und sehnsüchtige Blicke zu einer dramatischen Figur werden und sang die Stewardess sang weitestgehend ohne Vibrato, aalglatt, wie eine Anonyme in der Fremde.

Hans-Jürgen Lazar war an diesem Abend der stärkste Charakterdarsteller. Auch wenn ihm in den hohen Stimmlagen manchmal die Verbindung verloren ging, so begeisterte er dennoch als die andere Stewardess, als Eva, mit dunkelbraunen Haaren, die er mit viel komischem Talent zeichnete. Seine anderen Rollen stechen weniger hervor. Dem gegenüber steht der junge Ingyu Hwang, Mitglied des Opernstudios, der vor allem als Grille in Erinnerung blieb. Auch wenn er weniger Charakterzeichnung als Fassbender und Falk die Charakterzeichnung in die Stimme legen konnte, so spielte und sang er mit viel Engagement, interpretierte seine Rollen klar, aber mit weniger Färbung.

Gesangsensemble und Ensemble Modern unter der Letung von Hartmut Keil © Barbara Aumüller | Oper Frankfurt
Gesangsensemble und Ensemble Modern unter der Letung von Hartmut Keil
© Barbara Aumüller | Oper Frankfurt

Karen Vuong, die einzige Darstellerin mit nur einer Rolle, singt vor allem vom Zahnschmerz, den Eötvös in lauten, abfallenden, melodischen Tonfolgen komponierte. Diese füllt Vuong mit ihrer jugendlich hellen Stimme hervorragend aus. Gegen Ende der Oper singt sie dann auch die einzige wahre Arie. Während Kateryna Kasper bei der Uraufführung dabei einige phantastisch gezogene Töne entwickelte, schien Vuongs Interpretation jedoch etwas technischer und stand weniger im Kontrast zu dem Rest des Werks.

Auch in der (am Bockenheimer Depot seltenen) Wiederaufnahme wirkt das Stück immer noch wie aus einem Guss; Regie, Bühnenbild, Musik und Gesang greifen außergewöhnlich gut ineinander und bieten einen ansprechenden Abend, experimentell und gelungen, sperrig und angenehm zugleich.