„Die Stücke, die das heutige Programm rahmen, scheinen wie Antipoden gegeneinander zu stehen,“ so heißt es im Einführungstext des Programmhefts. Gemeint sind hier Jörg Widmanns Babylon-Suite und Strawinskys Psalmensymphonie, die nach der Pause erklang. Zwischen ihnen war Edvard Griegs Klavierkonzert in a-Moll zu hören. Das Deutsche Symphonie-Orchester unter Kent Nagano zeigte an diesem Abend, dass gerade die musikalische und inhaltliche Distanz dieser Werke eine Spannung evozierte, die sie zu einem beeindruckenden Ganzen miteinander verband.

Jörg Widmann © Marco Borggreve
Jörg Widmann
© Marco Borggreve
Nun ist es ja gang und gäbe in der Programmplanung, moderne oder gar experimentelle Stücke nicht ans Ende eines Konzertes zu stellen, sondern sie dem Zuhörer inmitten von etablierten Klassikern der Musikgeschichte unterzujubeln, um seine Flucht vor dem Unbekannten zu vermeiden. So begann auch das DSO mit der deutschen Erstaufführung von Jörg Widmanns Babylon-Suite (2012/14) - dabei wäre das gar nicht nötig gewesen, denn zum Davonlaufen war dieses musikalische Extrakt aus der Oper Babylon (Peter Sloterdijk schrieb das Libretto) wirklich nicht. Widmanns Darstellung des kosmopolitischen Treibens in der verrufenen Großstadt Babylon rankt sich auf musikalisch äußerst effektvolle Weise um die Kernfrage, ob es die Babylonier oder die Juden waren, die das Menschenopfer einst abschafften.

Ohne Scheu reizte das DSO Widmanns irres musikalisches Gewitter bis zum Äußersten aus, ließ seine Bögen auf die Instrumente schlagen, dass es einem Angst und Bange wurde, ließ es von allen Seiten scheppern, dröhnen, knarren und quietschen. Gegen diese fantasievollen Ausbrüche stehen in der Suite sanfte, sangliche Melodien, etwa in den Violinen oder Querflöten, die das Orchester feinfühlig präsentierte. Unbestreitbarer Höhepunkt des Werkes war dann aber die Karnevalsszene, bei deren Komposition sich Widmann an der Feststimmung seiner Heimatstadt München orientiert hatte und die auch irgendwie nach Jahrmarkt klingt, allerdings nach einem ziemlich verrückten. Mit sichtlich viel Spaß am exzentrischen Spiel entfesselte das DSO den Klangsturm der sich in Tempo und Intensität bis in den puren Wahnsinn steigernden Volksfestmusik. Nagano sah indes ein bisschen aus wie ein musikalischer Zauberer, als er das Orchester, tief versunken in die magischen Klänge Widmanns, mit beschwörend-großen Gesten lenkte und dabei sein volles graues Haar hin und her warf.x

Im Anschluss daran mutete Edvard Griegs Klavierkonzert in a-Moll Op.16 (UA 1869 in Kopenhagen) beinahe ein wenig unspektakulär an, was aber weder am melodieschönen Werk selbst noch an der einfühlsamen Darbietung des Orchesters lag; Widmanns entfesselte Klangstürme wirkten einfach noch nach. Dabei hat Griegs einziges vollendetes Instrumentalkonzert, das als sein Durchbruch als Komponist gilt, wirklich einiges zu bieten: Mal träumerisch in schönen Klängen schwelgend, mal pathetisch und triumphierend und stets voller eingängiger Themen, die Grieg in den Sätzen vielfältig verarbeitet und die das Zuhörerohr schnell mit der Musik vertraut werden lassen. Solist am Klavier war Nikolai Lugansky. Er spielte seine Partien lässig und unaufgeregt, verfiel dabei aber nicht in schwelgerische Weichlichkeit, sondern behauptete sich stets klar, kraftvoll und mit Energie gegenüber dem DSO, das ihm einen wunderbar homogenen, flauschig-weichen Klangteppich ausrollte.

Kent Nagano © Felix Broede
Kent Nagano
© Felix Broede

Nach der Pause war er dann zu hören, der „Antipode“ zur Babylon-Suite: Igor Strawinskys Psalmensymphonie, komponiert 1930 anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Boston Symphony Orchestra. Inhaltlich liegt der Gegensatz der beiden Werke auf der Hand: Auf der einen Seite die Stadt Babylon, aus biblischer Sicht der Inbegriff von Verfehlungen und Sünde, auf der anderen Seite die Psalmen, also die religiösen Gesänge Israels. Und musikalisch?

Die dreisätzige Anlage der Psalmensymphonie zielt, auf den Spuren von Beethovens Typus der Finalsymphonie, hin zum letzten Satz. Um das Pathetische in solch einer Konzeption zu vermeiden, legte Strawinsky bei seiner Vertonung der Psalmen großen Wert auf Sachlichkeit - nicht einmal das Alleluia des letzten Teils ist ein euphorisch hinausposauntes Gotteslob, sondern bleibt verhalten und voller Spannung. Hier ist nichts zu hören von der unbändigen, entfesselten Fantasie der Babylon-Suite; die Psalmensymphonie klingt geradlinig und archaisch, ist deshalb aber nicht weniger eindringlich.

Verstärkt wird diese Wirkung durch die ungewöhnliche Besetzung des Orchesters ohne Klarinetten, Violinen und Bratschen. Der Rundfunkchor passte sich dem dadurch recht dunkel gefärbten Klangbild des Orchesters hervorragend an und formte ein dichtes, intensives Chortimbre. Der Härte des Klangs entsprach er zudem durch seine stellenweise fast rabiat prägnante Aussprache des lateinischen Textes, auch in rhythmisch sehr anspruchsvollen Passagen.

Nagano gelang durch sein differenziertes, ausbalancierendes Dirigat das, was Strawinsky für die Ensembles in seiner Psalmensymphonie vorsah: Chor und Orchester sollen, ganz wie früher bei den alten Meistern der kontrapunktischen Musik, als gleichwertige musikalische Partner agieren, keines der Elemente ist dem anderen nur schmückendes Beiwerk. Die an diesem Abend gehörten Werke haben nicht nur auf den ersten, sondern auch auf den zweiten Blick nicht allzu viel gemeinsam. Sie sind, jedes für sich, einnehmende und ergreifende Kompositionen – geeint in ihrer musikalischen Stärke und ihrer Gegensätzlichkeit.

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