Kreischend verprügelt das Schicksal die Tugend und nur das zeitige Einschreiten von Amor verhindert Schlimmeres. So fängt dieser Polit-Thriller aus dem 17. Jahrhundert an. Im eleganten Marlene Dietrich-Kleid mit Federjacke und Glitterkleid rühmt sich Amor, die Geschehnisse des Lebens zu kontrollieren.

Peter Renz (Amor) und Thomas Michael Allen (Arnalta) © Iko Freese / drama-berlin.de
Peter Renz (Amor) und Thomas Michael Allen (Arnalta)
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Als Die Krönung der Poppea im Rahmen des Monteverdi Marathons 2012 (alle drei Opern der Trilogie an einem Tag) gespielt wurde, meinte Regisseur Barrie Kosky, dassdieses Stück noch nicht fertig für seinen  Geschmack war. Nun ist es soweit. Zwar wurde die deutsche Übersetzung von Susanne Felicitas Wolf aus dem Jahr 2012 wieder benutzt, aber die Komponistin Elena Kats-Chernin hat das Stück mit einer neuen Instrumentation ergänzt und auch die Besetzung der Sänger wurde fast völlig überarbeitet.

Musikalisch ist das Auffälligste für den Zuhörer die Neubesetzung des Parts des Basso continuos: zwei Musiker spielen insgesamt zehn verschiedene Gitarren, inklusive Banjo, Ukulele, Dobro – bekannt aus der Band Dire Straits – dann kommen auch noch Violoncello, Synthesizer und Theorbe vor. Zusätzlich setzt Kats-Chernin Jazz-Akzente durch Saxophon und E-Piano ein. Matthew Toogood geleitete das Orchester sicher durch diese diversen Stilrichtungen, die dem Stück insgesamt einen kontemporären, dynamischen Schwung gaben.

Dominik Köninger (Nero) und Alma Sadé (Poppea) © Iko Freese / drama-berlin.de
Dominik Köninger (Nero) und Alma Sadé (Poppea)
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Im hier dargestellten Alten Rom gibt es keine einzige Liebesbeziehung ohne Hintergedanken. Jeder ist korrumpiert durch die Gier nach Macht oder Eitelkeit. Allen voran natürlich die Hauptdarstellerin Poppea, die nach der Krone giert und Kaiser Nero mit ihren Sexspielen hörig macht. Alma Sadé war anfänglich noch ganz mädchenhaft unschuldig, was sie auch mit einem leichtgewichtigen Sopran ausdrückte. Erst im Verlauf der Oper festigte sich ihr Charakter, auch ihre Stimme blühte auf als sie dann zum Schluss eines der schönsten Duette des Opernrepertoires mit Nero sang. Bariton Dominik Köninger hatte sich wegen einer Indisposition am Premierenabend entschuldigen lassen, dennoch gab er den Bösewicht Nero agil und dunkelstimmig glaubwürdig.

Peter Renz (Amor) und Thomas Michael Allen (Arnalta) © Iko Freese / drama-berlin.de
Peter Renz (Amor) und Thomas Michael Allen (Arnalta)
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Es waren aber die vielen Nebenrollen, die Barrie Kosky mit eigenem Charakter, oft überzogen und grotesk, zum Leben erweckte.  Allen voran der barocke Tenor von Thomas Michael Allen als Poppeas Vertraute Arnalta. Er überzeugte als liebendes Kindermädchen die noch junge Frau in den Schlaf wiegend, wie auch als schlaue Ratgeberin zur Vorsicht mahnend. Aber seinen großen Auftritt hatte er zum Schluss, als er sich im engen, schwarzen Paillettenkleid in einer grandiosen Arie schon als erste Hofdame wähnte. Ebenso gut charakterisiert war die Amme von Octavia, von Bariton Tom Erik Lie dargestellt, der als Lebenserfahrener seinem Schützling Octavia rät, sich auch einen Liebhaber anzulachen als Rache für Neros eheliche Transgressionen. Beide Sänger hatten ein überaus beachtliches Talent zur Komik.

Souverän gab der Tenor Peter Renz den Crossdresser Amor, der fast durchwegs auf der Bühne mit Zauberstab im Hintergrund die Fäden der Handlung zog. Der tiefe und sonore Bass von Jens Larsen als Seneca gab diesem Charakter seine Glaubwürdigkeit. Besonders seine Todesszene inszenierte Barrie Kosky ausdrucksvoll: komplett nackt philosophiert Seneca über den Tod und steigt in den Teich, wird noch mit Eimern voller Blut überschüttet und geht unter.

Peter Renz (Amor) und Jens Larsen (Seneca) © Iko Freese / drama-berlin.de
Peter Renz (Amor) und Jens Larsen (Seneca)
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Karolina Gumos gab eine elegante, verbitterte Kaiserin Octavia. Ihren Mezzosopran setzte sie gezielt scharf und emotionell ein. Vermutlich waren einige Intonationsunsicherheiten in ihrer letzten Arie absichtlich, immerhin wurde sie gerade von Nero aus ihrer Heimat verbannt. Mit ihrem hellen Sopran sang Julia Giebel eine liebenswerte Drusilla, die wegen ihrer naiven Aufrichtigkeit von allen entweder ausgelacht oder ausgenutzt wird. Dennoch findet sie zu ihrem Otho, von Mezzosopran Maria Fiselier mit glaubwürdiger Emotion dargestellt.

Es wundert keinen mehr, dass in der Komischen Oper nackte Lustknaben und -mädchen herumhüpfen, Statisten als androgyne Engel Hilfe leisten – hier beweist Intendant Barrie Kosky eine komplette Freiheit der Geschlechter, spielt mit den konventionellen Traditionen des Männlich-Weiblichen. Sein Stil nimmt es nicht ernst mit einer bürgerlichen Moral, Nacktheit und Travestie werden ganz selbstverständlich eingesetzt. In dieser Inszenierung passt es zum Klischeebild des Alten Roms.

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