Wer kennt sie nicht, die Geschichte des skrupellosen Genussmenschen Don Giovanni, der die Frauen nach Strich und Faden verführt und letztendlich für seine Sünden zur Hölle fährt? Ein Ensemble renommierter Sänger und das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung von James Gaffigan machten es sich am vergangenen Sonntag zur Aufgabe, die Oper von Mozart in der Inszenierung von Stephan Kimmig zu erzählen.

Don Giovanni (hier: Christopher Maltman) © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Don Giovanni (hier: Christopher Maltman)
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper

Der Regisseur, der für seine gewagt modernen Inszenierungen bekannt ist, lässt den Zuschauer auch hier nicht lange warten: Kaum öffnet sich nach der Ouvertüre der Vorhang, sieht man am vorderen Bühnenrand einen komplett nackten Greis stehen, der die Augen geschlossen hat und am ganzen Leib zittert. Wer ist dieser Mann? Etwa ein gealterter Don Giovanni? Die Vernunft? Der Teufel selbst? Oft tritt er im Verlauf der Oper auf, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben, jedoch immer als externer Betrachter der Handlung. Kimmig gibt bis zum Ende des Stücks keine klaren Antworten in Bezug auf die Identität des Mannes. Warum auch? Durch diesen großen Interpretationsspielraum regt er das Publikum auf alle Fälle zum Nachdenken an.

Ein weiteres Medium Kimmigs war ein Bildschirm, der oben neben der Übertitelanzeige platziert war und in ausgewählten Schlüsselszenen Videos projizierte, die metaphorisch die Handlung unterstützten. Als Beispiel dafür sei das Ende des ersten Akts genannt, nachdem Don Giovanni in seinem Versuch, Zerlina erneut zu verführen, scheitert und sich das Blatt langsam wendet. Während Donna Anna, Don Ottavio, Donna Elvira, Masetto und Zerlina allmählich seine perfiden Taten durchschauen und ihn umzingeln, wird ein Videoausschnitt gezeigt, in dem ein Bison einen Löwen jagt und ihn anschließend zu Boden stürzt. Meiner Meinung nach ist dies eine gelungene und interessante Methode, die Handlung auf einer Metaebene zu kommunizieren.

Bei kaum einem Komponisten sind die einzelnen Persönlichkeiten der Rollen so klar differenziert und facettenreich wie bei Mozart, lassen aber trotzdem einiges an Interpretationsfreiraum. Dies nutzt der Regisseur voll aus: In seiner Inszenierung eröffnet ein fahriger, nervöser Leporello (Alex Esposito) das Drama, gefolgt von einem naturgemäß eitlen und selbstgefälligen Don Giovanni (Erwin Schrott). Die Spannung, die aus den grundverschiedenen Charakteren dieses eigenartigen Paars generiert wird, gibt der ernsten Handlung einen humoristischen Unterton: Oft musste das Publikum über den bemitleidenswerten Leporello schmunzeln, der in seinen fast albernen Versuchen, Don Giovanni zur Besinnung zu bringen, stets kläglich scheitert. Donna Elvira (Véronique Gens), die verlassene Geliebte Don Giovannis, tritt als verwirrte und verzweifelte Mittfünfzigerin in Wanderschuhen, Wanderrucksack und Klapphocker auf die Bühne - wieder ein krasser Gegensatz zu Don Giovanni, dem sie seit ihrer einstigen Liebschaft noch hinterher trauert.

Besonders in dieser Oper ist eine starke schauspielerische Leistung von jedem einzelnen Sänger unabdingbar. Die vermisste man in der Aufführung am Sonntag leider; viel zu oft fielen unüberlegte oder unbewusst wiederholte Verlegenheitsgesten. Manche Sänger überließen allem Ausdruck ihrer Stimme, wodurch ihre Rollen viel an Glaubwürdigkeit und Charakter einbüßen mussten. Erwin Schrott jedoch schien für die Rolle des Genussmenschen wie geschaffen: Er überzeugte mit einer starken und aussagekräftigen schauspielerischen Leistung, die bis in die kleinste Geste hinein durchdacht war. In seiner kurzen (aber dafür umso wilderen) Champagner-Arie zündete er regelrecht ein buntes Feuerwerk; in seinem Wahn achtlos mit einem Messer herumfuchtelnd jagte er dabei Leporello durch den Raum, wonach die Szene in beängstigend diabolischem Gelächter kulminierte.

Trotz der teilweise schwachen schauspielerischen Leistung überzeugten die Sänger durchweg mit einer hohen sängerischen Qualität. Besonders hervorzuheben sind die samtweiche Stimme von Zerlina (Eri Nakamura), die in ihrer Arie „Batti, batti“ ihre Fähigkeit zu einem bemerkenswert zarten, aber trotzdem lupenreinen und tragfähigen Piano bewies, und Marina Rebeka, die die Figur der Donna Anna verkörperte. Letztere verzauberte das Publikum im zweiten Akt, in der sie die fast endlosen Melodien ihrer Arie „Crudele? Ah, no, mio bene... Non mi dir“ mit einer breiten Palette unterschiedlicher Klangfarben schmückte. Sowohl tiefdunkle Klänge à la Callas als auch federleichte und schillernde Töne kamen zum Ausdruck und zeugten von der einzigartigen Kunst dieser Sopranistin.

In der Diskussion um diese Inszenierung scheiden sich die Geister: Viele finden die Nacktheit auf der Bühne völlig unnötig und respektlos, andere kritisieren die zum Teil ausgefallenen Kostüme (metallisch goldener Anzug von Don Giovanni, Skiausrüstung beim Fest im ersten Akt). Befremdliche Kostüme hin oder her, sie haben meiner Meinung nach die Intention und Idee des Regisseurs hervorragend unterstützt und dem Handlungsverlauf keinen Abbruch getan. Insgesamt ist es eine nicht restlos schlüssige, aber dennoch äußerst interessante und unterhaltsame Inszenierung, die man gesehen haben muss.