Unter den zahlreichen Inszenierungs-Hits, die das Theater an der Wien in seinem nunmehr zehnjährigen Bestehen als „Das neue Opernhaus“ hervorgebracht hat, gehört Keith Warners Versuch über die Komik in Don Giovanni mit Recht zu den populärsten. Aktuell kann man sich in der zweiten Wiederaufnahme davon überzeugen, dass sie nichts von ihrem Unterhaltungswert verloren hat.

Jonathan Lemalu (Leporello) und Jennifer Larmore (Donna Elvira) © Werner Kmetitsch | Theater an der Wien
Jonathan Lemalu (Leporello) und Jennifer Larmore (Donna Elvira)
© Werner Kmetitsch | Theater an der Wien

Natürlich mag es Opernliebhaber geben, denen Don Giovanni als Klamauk im Hotel mehr Schauer über den Rücken jagt als der Commendatore dem armen Leporello, doch lässt sich Warners Ansatz in vielerlei Hinsicht gut begründen. Wie dieser selbst im Programm ausführt, spiegeln Aufenthalte in gehobenen zeitgenössischen Hotels die Beziehung zwischen Herr- und Dienerschaft von einst, und auch das fast unerschöpfliche Thema von Sein und Schein, welches Mozarts Meisterwerk(e) durchzieht, passt in dieses Ambiente.

Nathan Gunn (Don Giovanni) und Mari Eriksmoen (Zerlina) © Werner Kmetitsch | Theater an der Wien
Nathan Gunn (Don Giovanni) und Mari Eriksmoen (Zerlina)
© Werner Kmetitsch | Theater an der Wien
Zudem ergibt sich das Karnevaleske bei Warner ganz natürlich aus dem Libretto und nicht zuletzt der Partitur. Das mag manche überraschen, doch besteht die hohe Kunst der Inszenierung letztendlich auch darin, dem Publikum neue Perspektiven zu eröffnen. Bei diesem Don gelangt man immer wieder zur Erkenntnis, dass der große Verführer kein Frauenheld ist, eher schon ein – wenn auch eleganter – Wurstel: Wer es notwendig hat, zwecks Eroberung des zweitausend-sechsundsechzigsten Weibchens mit seinem Diener Kleider zu tauschen und Maskeraden zu spielen, der ist kein Held, sondern ein Getriebener, dem ein Psychiater heutzutage möglicherweise Hypersexualität samt Störung der Impulskontrolle diagnostizieren würde.

Dennoch schwingt der Regisseur nicht den Holzhammer, sondern die feine Klinge: Als Don Giovanni feststellen muss, dass sein Plan, Zerlina zu verführen, endgültig gescheitert ist, gibt es in der Musik einen eruptiven Bruch; szenisch ist das in dieser Regiearbeit so umgesetzt, dass der Don, dem quasi die Sicherungen durchgebrannt sind, das Hotel per Kurzschluss verfinstert. Sehr gelungen ist auch das oft unterschätzte Sextett „Sola, sola in buio loco“ im zweiten Akt, in dem sich Don Giovanni an seine Bühnenpartner immer wieder spaßeshalber von hinten anschleicht und diese dementsprechend erschreckt einzelne Silben zu Angstschreien formen.

Derlei musikalische Witze unterstützte Ivor Bolton am Pult und am Hammerklavier mit Begeisterung und körperlichem Einsatz; trotzdem blieb die Leistung des Mozarteumorchester Salzburg – zumindest für ein Orchester mit diesem Namen – über weite Strecken überraschend unspektakulär und eher routiniert denn inspiriert: an einigen Stellen, leider auch bei der Champagnerarie, war man sich auf der Bühne und im Graben nicht immer eins über Tempo und Lautstärke.

Nathan Gunn (Don Giovanni) © Werner Kmetitsch | Theater an der Wien
Nathan Gunn (Don Giovanni)
© Werner Kmetitsch | Theater an der Wien

In der Titelpartie gab Nathan Gunn einen überzeugenden Don Giovanni. Dass er vor ein paar Jahren auf der Liste der „Sexiest Men Alive“ des People-Magazins stand, schadet der Rolle nicht, ebensowenig wie eine gewisse Ähnlichkeit mit Russell Crowe und sein Frauenversteher-Charme à la George Clooney. Von diesem feschen, aber nicht offensiv auf jugendlichen Macho getrimmten Don geht jedoch, weil unter beinahe konservativer Oberfläche gut getarnt, mehr Gefährlichkeit aus als von jenen, welche diese Rolle aggressiv-testosterontriefend angehen. Auch gesanglich ließ Gunns Gestaltung wenig zu wünschen übrig; ein wenig mehr Kraft und Schmalz darf man sich dennoch wünschen.

Leporello ist eine dankbare Partie, und es kommt nicht selten vor, dass dieser Diener seinem Herrn die Show stiehlt. Davon war Jonathan Lemalu jedoch eher entfernt. Schauspielerisch war seine Leistung gefällig, doch sollte man die Registerarie so singen, dass sie auch ohne Präsentation von Büstenhaltern und anderen amourösen Souvenirs wirkt. Weit mehr Eindruck machte Tareq Nazmi mit dem Kunststück, den ohnehin nicht besonders vifen Masetto als tölpelhaften langen Lulatsch zu geben und dabei mit angenehmem Timbre zu überzeugen.

Jennifer Larmore (Donna Elvira), Saimir Pirgu (Don Ottavio) und Jane Archibald (Donna Anna) © Werner Kmetitsch | Theater an der Wien
Jennifer Larmore (Donna Elvira), Saimir Pirgu (Don Ottavio) und Jane Archibald (Donna Anna)
© Werner Kmetitsch | Theater an der Wien

Diese schöne Stimme muss es wohl sein, welche das Zimmermädchen Zerlina allen Avancen des Don zum Trotz an Masetto festhalten lässt – oder fallen jemandem angesichts Mari Eriksmoens ungeniert-offensiver Erotik (vom Verlobten will sie sich den Po versohlen lassen, dem gefesselten Leporello wird sie beinah zur Domina) vielleicht noch andere Gründe ein? Zur Darstellung dieser Zerlina passt, dass Eriksmoen nicht (mehr) die helle Stimme der Unschuld vom Lande besitzt, aber mit leichter Höhe und solider Technik den Anforderungen der Partie gerecht wurde. Jedenfalls setzte sie sich damit im Gesamteindruck gegen die anderen beiden Damen durch. Jane Archibald sang als Donna Anna zwar überzeugend und beeindruckte mit spannungsgeladenem Crescendo, blieb jedoch darstellerisch blass. Sehr engagiert und inszenierungskonform überdreht war Jennifer Larmore als Donna Elvira, doch war ihr „Mi tradì“ etwas verwackelt.

Saimir Pirgu, mehr als kompetenter Einspringer für den erkrankten Martin Mitterrutzner, verlieh dem braven Don Ottavio trotz priesterlicher Kostümierung ein wenig Dramatik. Hervorragend wie immer war der von Erwin Ortner geleitete Arnold Schoenberg Chor. An Lars Woldts Komtur schließlich, der mit seinem gewaltigen Bass einmal mehr beeindruckte, gefiel besonders, dass seine Leitung ins Jenseits klar und nicht, wie bei etlichen anderen Komturen, vom Hintergrundrauschen eines weiten Vibrato gestört war. In seiner Szene kommt der Don bekanntlich zu Tode; ironischerweise erleidet der Herzensbrecher in dieser Regiearbeit einen Herzinfarkt und spuckt Blut im Glassarg. Nicht schön, aber schön gruselig und schlüssig.

Nathan Gunn (Don Giovanni) © Werner Kmetitsch | Theater an der Wien
Nathan Gunn (Don Giovanni)
© Werner Kmetitsch | Theater an der Wien