Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, denn diese könnten wahr werden… das ist, kurz zusammengefasst, die Geschichte des alten Junggesellen Don Pasquale.

Valentina Naforniţă als Norina © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Valentina Naforniţă als Norina
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Dessen Neffe Ernesto liebt die arme Witwe Norina und pfeift auf die Heiratspläne, die Onkelchen für ihn hat. Dass er deshalb enterbt wird und der schrullige Alte nun selbst eine Familie gründen will, trifft ihn unvorbereitet, doch hat Malatesta, Pasquales Leibarzt, ein Rezept: Er jubelt Pasquale seine vorgeblich naiv-tugendsame „Schwester“ als (Schein-)Ehefrau unter, und diese macht ihrem Mann das Leben umgehend zur Hölle. Norina alias Sofronia ignoriert ihn, wirft sein Geld zum Fenster hinaus, und dann ist da noch Ernesto... Höhepunkt der Lektion, die dem armen Pasquale erteilt wird („Begehre keine junge Frau!“), ist eine heftige Ohrfeige, und letzten Endes muss er froh sein, das ihm angetraute Luder gegen reichlich Bares loszuwerden, weshalb das echte Liebespaar nicht nur glücklich, sondern auch vermögend wird.

Sowohl in Donizettis Musik als auch im Libretto, an dem er mitbeteiligt war, sprühen die Funken und fliegen die Pointen, und dennoch ist Don Pasquale mehr als die oberflächliche Komödie, die nach einer Spielpause von gut 30 Jahren für die Staatsoper von Irina Brook neu inszeniert wurde. Ort der Handlung ist hier Don Pasquales bieder ausgestatteter Nachtklub mit großer Bar und viel grünem Dekor, den Norina, bei Brook Schauspielerin statt arme Witwe, im Tussi-Stil in Pink und Flamingo-Rosa, mit Zebra-Streif und Fotos umgestalten lässt. Das ist aber auch schon das einzig Neue am Blick auf jenen Stoff, der neben dem Barbier von Sevilla  und dem Liebestrank zu den besten drei in der Buffo-Abteilung des Belcanto gehört. Dass aktuell in Wien ein alter Society-Löwe von seiner jungen Frau unter dem Gejohle der Klatschpresse vorgeführt wird und das Thema „alter reicher Mann und junge hübsche Frau“ ohnehin eine unerschöpfliche Quelle für Psychogramme ist, findet keinen Eingang in die Inszenierung, doch die Personenregie handwerklich solide.

Michele Pertusi als Don Pasquale © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Michele Pertusi als Don Pasquale
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Dazu passte, was man an diesem Abend aus dem Graben hörte: Jesús López Cobos bekommt in diesem Haus einiges an Routine-, pardon, Repertoire-Belcanto zu dirigieren (L’elisir d’amore, L'italiana in Algeri,…), und nun durfte er nach der Neu-Inszenierung von La Cenerentola 2013 auch den neuen Don Pasquale aus der Taufe heben. Wie zu erwarten war, gab es trotz offensichtlicher Bemühungen keine überraschenden Impulse, dennoch darf man zum Dirigat des Abends positiv anmerken, dass zumindest alles gut geprobt schien, und dass trotz mancher Grobheiten gegenüber den Sängern mehr italienische Eleganz im Graben als auf der Bühne herrschte. Das Staatsopernorchester war gut disponiert und (im Gegensatz zu der von mir zuletzt rezensierten Anna Bolena) in offensichtlicher Spiellaune.

Ensemblemitglied Valentina Naforniţă hatte als Norina sämtliche Männer auf der Bühne unter Kontrolle und die Lacher im Publikum auf ihrer Seite. Mit ihrem Spielwitz und ihrer äußerst attraktiven Erscheinung scheint sie für diese Partie wie geschaffen, doch wirkte sie stimmlich nicht immer gefestigt. Das meiste gelang ihr zwar, doch zeigten sich bei ihrer ersten Arie beträchtliche Schwächen in der mittleren Lage, an denen noch zu arbeiten ist. Bei ihren ersten Auftritten waren auch Alessio Arduini (Malatesta) und Juan Diego Flórez (Ernesto) noch nicht auf der Höhe ihrer Möglichkeiten, doch legte sich das rasch. Beide machten musikalisch und auch aus den ihnen zugedachten Regieanweisungen das Beste, wobei in Arduinis Gesang speziell die Beweglichkeit seines ansonsten erdigen Baritons auffiel.

Juan Diego Flórez als Ernesto © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Juan Diego Flórez als Ernesto
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Flórez' Stimme hat – je nach Sichtweise – einiges an Drama und Volumen gewonnen oder an Leichtigkeit verloren, wird aber in diesem Fach noch lange unverzichtbar bleiben. Sein „Com’è gentil“ war in jeder Hinsicht der Höhepunkt des Abends: Im weißen Anzug und passendem Borsalino, begleitet von zwei Mariachi mit Gitarren und Sombreros, gab er zwischen mit Lichterketten geschmückten rosa Palmen (Norinas Dekorationswut erstreckte sich offenbar auf den Garten) einen Latin Lover à la Las Vegas. Auch „Povero Ernesto“, zu dem ihm ein (etwas unsicherer) Trompeter zur Seite gestellt wurde, wird so schnell nicht vergessen werden. Das große Duett Norina-Ernesto jedoch wurde leider kein Triumph, was daran lag, dass die beiden individuell attraktiven Stimmen nicht harmonierten.

In der Titelrolle des Don Pasquale sang und spielte Michele Pertusi, der über einen schönen und geschmeidigen Bass verfügt, mit viel Einsatz, hatte aber Brooks Konzept gegen sich. Zwar spielt ihre Inszenierung in der Gegenwart, doch ihr Don ist in jeder Hinsicht von Vorvorgestern; dazu gehört auch das Toupet, das ihm ständig von der Mittelglatze rutscht. Immerhin darf er sich nach den überstandenen „Ehe“-Strapazen von Norinas mütterlichen Garderobiere ein wenig trösten lassen.

Dem überwiegenden Teil des Publikums erschien der Abend nach der langen Don Pasquale-Abstinenz unterhaltsam genug. Trotzdem drängte sich der Gedanke auf, im falschen Haus zu sitzen: Von einem Abend in der Staatsoper hätte ich mir mehr erwartet.

***11