Ein Orchester zu Höchstleistungen zu motivieren, ist für Gastdirigenten vermutlich schwieriger als für den Chefdirigenten des Ensembles. Pablo Heras-Casado schaffte das beim Tonhalle-Orchester Zürich trotzdem. Schade nur, dass das Publikumsaufkommen an diesem Abend sehr mäßig war, zumal die Sopranistin Camilla Tilling das Konzert mit einer maßstabsetzenden Interpretation von Dutilleux' Correspondances eröffnete. Sind Debussy und Brahms keine Publikumsmagnete, solange nicht ein Solist auf dem Podium artistische Höchstleistungen vollführt?

Pablo Heras-Casado © Fernando Sancho
Pablo Heras-Casado
© Fernando Sancho

Die umfassende Vermittlung der Inhalte von Correspondances an ein Abonnentenpublikum ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Es bedingt ein eingehendes Studium der dem Stück zugrundeliegenden Texte und ihrer zum Teil abstrakten, ins Mystische verweisenden Inhalte. Übersetzungen (im Begleitheft zu finden) können jedoch leider nur einen Abglanz des Originals vermitteln, lassen die Sprachmelodie und die Symbolik des Französischen außen vor. Während des Konzerts war es für die meisten Besucher zu dunkel zum Nachlesen des Textes, und auditiv war dieser nur in Bruchstücken zu erfassen. Dutilleux verstand es allerdings, die den Texten zugrundeliegenden Stimmungen eingängig und eindrücklich zu vermitteln – seine Musik erschließt sich selbst ohne detaillierte Kenntnis des Textinhalts.

Bereits im kurzen Eröffnungsstück, Gong 1 (wie später auch in Gong 2), zeigte die Sängerin wie sie mit ihrem natürlichen Timbre, ihrer wandlungsfähigen, wohltragenden Stimme ganz undramatisch Eindringlichkeit, Intensivität gestalten kann: wo andere mit erregtem Vibrieren Drama markieren, begann Camilla Tilling mit praktisch flacher Stimme, nutzte ein leichtes, organisches Vibrato, eher auf unbetonten Taktteilen und entlasteten Noten in einer Phrase, was ausgezeichnet funktionierte.

Erst im Folgestück, Danse cosmique, das von Flammen spricht, griff die Sängerin zum dramatischen Register, doch auch hier wirkte das Vibrato natürlich, brachte trotzdem Beengung und Nöte eindringlich zu Gehör. Erstaunlich war, wie sehr Orchester und Stimme zu einer Einheit verschmolzen, und wie die Sängerin es schaffte, selbst in den beeindruckenden Klangmassen des vorwiegend perkussiven Orchesterapparates präsent zu bleiben, akustisch nicht gegen- sondern mitzuhalten. Dem geschwätzigen, aber kurzen Interlude schafft das Akkordeon etwas Volksnähe. In À Slava et Galina (ein Brief Solschenitzyns an Rostropowitsch und seine Frau, Galina Wischnewskaja) demonstrierte Camilla Tilling ihre traumwandlerische Intonationssicherheit, überzeugte mit ausdrucksreicher, erzählender Stimmführung. Beeindruckt hat, wie sorgfältig sie die Dynamik gestaltete, dabei Spitzentöne zurücknahm statt sie herauszustellen. All das kann nur funktionieren, wenn das Orchester so einfühlsam dynamisch disponiert begleitet wie hier, wo Heras-Casado sicher, ohne Taktstock, dafür umso differenzierter und detailreicher durch das Werk führte. Correspondances schloss mit eindrücklichen, starken Bildern aus einem Brief van Goghs an seinen Bruder.

Der bei Dutilleux bereits große Orchesterapparat wurde für La mer von Debussy nochmals erweitert, füllte jetzt das Podium. Das Ohr fokussierte auf das Orchester, während das Auge der unspektakulären, jedoch weiterhin sehr präzisen Gestik des Dirigenten folgte. Nach der vorangegangenen, farben- und ausdrucksreichen Musik schien das Werk des Impressionisten beinahe etwas eingeschränkt in seiner Palette (ein Problem retrograder Programmgestaltung). Dies war der Eindruck vor allem zu Beginn. Generell schien in De l'aube à midi sur la mer, dass Heras-Casado weniger auf Bildhaftigkeit abzielte, als vor allem auf Wärme im Ausdruck. Klanglich blieb die Musik dabei eher nüchtern, was vermutlich primär der Akustik zuzurechnen war. Dafür profitierte dann Jeux de vagues von der Transparenz, der akustischen Klarheit des Saales: mitreißende Musik in beachtlicher dynamischer Breite, aber ohne Klangbad. In Dialogue du vent et de la mer veranstaltete der Dirigent kein Ausdruckstheater – umso mehr konnte man sich der sorgfältigen Umsetzung der Partitur, des satten Streicherklangs, der ausgezeichneten Orchesterdisziplin erfreuen.

Die zweite Konzerthälfte brachte einen weiteren Schritt zurück in der Zeit, vom impressionistischen Reichtum zur kühleren Stimmung von Brahms' Spätwerk: durchaus mit Intensität, Leidenschaft und Ausdruck, jedoch gefiltert durch einen leicht resignativen Ton und die Milde des Alters. Pablo Heras-Casado brachte die Musik zum Atmen, vernachlässigte nie die motivische Arbeit, die Agogik. Im zweiten Satz schaffte er es, den von Pizzicati begleiteten Bläsersatz wie Kammermusik klingen zu lassen, und im Dur-Mittelteil überzeugten der große Atem, der warme Klang des Gesangs in den Streichern. Zur orchestralen Meisterleistung gerieten definitiv die beiden letzten Sätze: das Allegro giocoso sehr rasch, virtuos, klar, mit Verve und dennoch schwingender Rhythmik, der Schlusssatz große Gesten mit Emphase auf Motiv-Ebene kombinierend.

Es war ein Abend mit Orchestermusik auf internationalem Spitzenniveau. Hervorragende Einzelleistungen würdigen zu wollen, käme einer Auflistung der Besetzung gleich.

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