Für das zweite der Philharmonischen Konzerte der Saison, hat Fabio Luisi den Cellisten Jan Vogler verpflichtet. Letzterer konnte sich in der Orchestereinleitung von Dvořáks Cellokonzert mit der Akustik des gut besetzten Opernhauses vertraut machen: bereits das einleitende Klarinettensolo demonstrierte die analytische, trockene Direktheit und Präsenz des Raums. Luisi weiß diese Charakteristiken zum Zweck deutlicher Phrasierung und Gliederung zu nutzen. Seine Stärke liegt in detaillierter, ausgezeichnet dosierter Dynamik. Gleichzeitig achtete er darauf, dass die Artikulation nicht zu breit wurde, die Transparenz jederzeit gewährt blieb.

Fabio Luisi © Monika Rittershaus
Fabio Luisi
© Monika Rittershaus

Luisi ließ den Bläsern Raum zu ausdrucksvoller agogischer Gestaltung ihrer Soli ohne dabei Gefahr zu laufen, dass die Musik schwülstig klang: eindrücklich und berührend schon das erste Auftauchen des „böhmischen“ Themas im Horn, später in Oboen und Klarinetten. Mit dem Eintritt des Solocellos änderte sich der Eindruck; nicht nur, weil die Aufmerksamkeit jetzt primär dem Solisten galt. Vogler spielte speziell den Beginn seines Parts ausgesprochen dezidiert, die kleinen Notenwerte betonend, lange Noten bewusst ausspielend. Ab und an litt darunter jedoch der musikalische Fluss. Eher enttäuscht hat mich der Klang seines Stradivari-Cellos. Das Instrument trug zwar gut, hatte selten Probleme, sich im Zusammenspiel zu behaupten, aber es tönte zugleich etwas matt, leicht näselnd; angelegentlich fiel mir auch eine leichte Tendenz zu tiefer Intonation auf. In Sachen Agogik und Rubato wollte sich zwischen Solo und Begleitung keine rechte Harmonie einstellen. Vogler zeigte in seinen unmittelbaren, fast brüsken Änderungen im Zeitmaß (beispielsweise im Übergang zu arpeggierenden Begleitfiguren) wenig Sinn für die Subtilität in der Tempodisposition des Dirigenten. Anderseits war dann das Dolce e molto sostenuto im Solopart wunderbar elegisch und singend gestaltet.

Auch in den Folgesätzen stellte sich kein harmonischer Einklang zwischen Orchester und dem Cellisten ein. Die Koordination schien einer konstanten, bewussten Anstrengung seitens des Dirigenten zu bedürfen. Die Atmosphäre im langsamen Satz blieb eher nüchtern, und ich hatte nicht den Eindruck, dass das Orchester mit Enthusiasmus bei der Sache war. Im Finale passierten dem Solisten neben Intonationstrübungen einige Patzer und Oberflächlichkeiten. Es fehlte der böhmische Schwung, jenes lebendige Spiel mit Agogik und Rubato.

Als Zugabe wählte Jan Vogler die Sarabande aus der Dritten Cellosuite in C-Dur von Bach. Das Zeitmaß schien zwar langsam genug, dennoch ließen einzelne Phrasen die Ruhe, den kontemplativen Charakter der Musik vermissen, und gleichzeitig mangelte es der Interpretation irgendwie an Tanzcharakter, am Ausschwingenlassen der gemessenen Rhythmen.

Mit der Pause wandelte sich das Bild. Bei Bruckners Vierten Symphonie konnte Fabio Luisi die Stärken der Philharmonia Zürich und der Akustik voll ausspielen: exzellent dosierte Dynamik, Ausgewogenheit der Stimmen, Klarheit in Artikulation, Phrasierung und Tempoverlauf. Ausgezeichnet die Sonorität des Klangkörpers, selbst im feinsten ppp-Tremolo. Am anderen Ende der Skala ein eindrückliches Fortissimo, stets wohldosiert, nie erdrückend. Und dazu der Glanz im Blech – eine wahre Sternstunde der Hörner. Die Nähe der Streicher zum Publikum schaffte gelegentlich eine beinahe kammermusikalische Atmosphäre.

Problemlos meisterten die Blechbläser die in dieser Akustik extrem exponierten Stellen im Andante: ein Trauermarsch mit seinen wehmütigen Melodien in den wunderbar singenden Stimmen von Cello und Bratsche. Im Verlauf wechselte die Musik zu einer fast volkstümlichen Stimmung, und auch die Wiederkehr des Trauermarsches klang danach deutlich zuversichtlicher. Scheinbar spielerisch ging Fabio Luisi das Scherzo an, baute mit Augenmaß die Steigerungen auf, schaffte selbst hier Momente atmosphärischer Intimität. Das Trio fühlte sich an wie Volksmusik: gemütvoll, aber mitnichten je gemütlich zurückgelehnt.

Nicht nur die Dynamik hatte der Dirigent jederzeit unter Kontrolle, sondern genauso den Tempoverlauf, dabei Bruckners Notation sorgfältig umsetzend, bis hin zu den Bogenbezeichnungen des Komponisten. Die plötzlichen „Szenenwechsel“ des Schlusssatzes schienen wie geschaffen für ein Opernorchester und seinen Dirigenten. Selbst in den riesigen Dimensionen des Finales fand sich Gelegenheit für kammermusikalische, lyrische Szenen, ländliche Idyllen. Nirgends war in dieser Symphonie ein Nachlassen der Spannung zu vermerken, nie verlor Luisi den Blick auf die großen Strukturen. Das Orchester zeigte sich in Hochform, ein Fortissimo kam in den Steigerungswellen auch ohne besondere Gestik des Dirigenten. Allerdings wechselte Luisi dann oft zu ausladenden, lebhaften Bewegungen, schien damit nochmals eine Verdoppelung des Volumens zu erreichen – durchwegs hinreißend.