Das erste Konzert der ORPHEUM Stiftung zur Förderung junger Solisten in diesem Jahr brachte der Zürcher Musikszene erneut die Begegnung mit zwei vielversprechenden Jungtalenten. Der 19-jährige Sheku Kanneh-Mason hat sich Schostakowitschs Erstes Cellokonzert auf die Flagge geschrieben und damit in England bereits beachtliche Erfolge gefeiert. Die Karriere des 23-jährigen Emmanuel Tjeknavorian ist weiter fortgeschritten, hat er doch die wichtigsten und populärsten Violinkonzerte schon auf Wettbewerben und im Konzert mit namhaften Dirigenten und Orchestern präsentiert. Auf seine Interpretation des Violinkonzerts von Brahms durfte man also gespannt sein.

Sheku Kanneh-Mason © Thomas Entzeroth
Sheku Kanneh-Mason
© Thomas Entzeroth

Als Auftakt jedoch dirigierte Michael Sanderling das Tonhalle-Orchester in der Karneval-Ouvertüre von Dvořák. Vom ersten Takt weg war es ein hinreißend-virtuoses Schaustück in ausgelassener Stimmung. Das Orchester präsentierte sich in Bestform, artikulierte klar und präzise und die harten Paukenschläge setzten prägnante Akzente, während Michael Sanderling mit leichter, akkurater Hand dirigierte. Charakteristisch für Dvořák ist der schwermütige Anstrich im elegischeren Mittelteil, der sich zu Ausgelassenheit aufschwingen will. Weitere, unmittelbare Szenenwechsel folgen, scheinbar den Verlauf einer Oper antizipierend, obwohl die Komposition gar keiner Oper zugeordnet ist – ein ausgezeichneter Konzertbeginn ist sie alleweil.

Das Cellokonzert von Schostakowitsch entstand 1959 für den Freund des Komponisten, Mstislav Rostropowitsch. Die Schwierigkeit dieses Werks liegt nicht nur in technischen Aspekten wie Virtuosität und Intonation, sondern auch darin, dass der Widmungsträger dieses unzählige Male präsentiert hatte. Mehrere seiner Aufführungen sind auf CD und als Video verfügbar und gelten als Referenzaufnahmen und wer sie sich angesehen, respektive angehört hat, dem bleibt diese Darbietung zweifelsohne im Gedächtnis haften. Für Interpreten stellt sich somit die Frage, ob diese Dokumente die alleingültige Sicht repräsentieren, beziehungsweise wie weit man sich davon entfernen soll und darf, denn es gibt keinen verbindlichen Kanon, der festlegt, wie weit Werktreue auszulegen ist.

Rostropowitsch betont in seiner Interpretation die motorische, mechanische Seite, artikuliert schon den Beginn ausgesprochen perkussiv und ernst, beinahe verbissen. Sheku Kanneh-Mason ging den Eingangssatz ganz anders an. Erst verhalten, in sich gekehrt, beinahe spielerisch und unbeschwert öffnete er sich erst, wo sein Part in die Höhe strebte. Er artikulierte genau, prägnant, aber nicht übermäßig scharf, kaum perkussiv, rhythmisch sicher und mit guter Intonation. Er ließ sein Amati-Cello in mittleren und hohen Regionen intensiv singen, wo immer sich Gelegenheit dazu bot. Der Dirigent hätte das Orchester etwas mehr zurückbinden sollen, denn Bläser und Pauken wirkten oft vergleichsweise hart, beinahe grob. Dafür nahm Sanderling das Moderato betont weich, lyrisch, sorgfältig, mit verhaltener Dynamik. Der Solist, offensichtlich aufs Intimste vertraut mit dem Werk, musizierte ruhig, unaufgeregt, nie forciert und mit intensivem Singen in breiten dynamischen Bögen.

Ständig hielt er Kontakt mit dem Dirigenten, lebte dabei ganz in der Musik. Er genoss offensichtlich die schöne Melodik, bewegte sich sicher in die Höhen der Flageolett-Traumwelten, bevor der Satz ganz leise verklang. Die extensive Kadenz begann er verträumt, im Dialog mit seinem Instrument. Einzig in der intonatorisch sehr schwierigen, hohen, lyrischen Doppelgriff-Passage mag er gelegentlich eine Spur daneben gelegen haben. Dafür war dann die virtuose Klimax souverän gemeistert. Das Finale nahm Kanneh-Mason wieder beinahe spielerisch, ließ sich von der Motorik und dem wieder eher zu robust auftretenden Orchester nicht drängen. Eine erstaunliche Leistung für den doch bescheiden auftretenden Musiker, der als Zugabe eine besinnliche, beinahe meditative Eigenkomposition darbot.

Emmanuel Tjeknavorian © Thomas Entzeroth
Emmanuel Tjeknavorian
© Thomas Entzeroth

Das Violinkonzert von Brahms meisterte Emmanuel Tjeknavorian scheinbar mühelos: sein technisches Können – Fingerfertigkeit, Bogentechnik und rhythmische Sicherheit – ist über jeden Zweifel erhaben. Sein Vibrato war nicht übermäßig stark, doch eher nervös, was kaum dem Charakter des Werks (speziell im Adagio) entspricht. Auch drängte er eher vorwärts, verlängerte allenfalls Spitzennoten graduell, ließ sich aber selten Zeit, auf Schwerpunkte hin agogisch eine Spur zu verlangsamen. Das gleiche fiel schon in der orchestralen Einleitung auf, in der Michael Sanderling sich kaum Zeit zu gönnen schien, melodische Schwerpunkte auszukosten. Die Stradivari-Geige des Solisten klang hell und klar und trug problemlos. Allerdings hätte auch hier das Orchester gelegentlich mehr zurückgebunden werden sollen. Die Joachim-Kadenz meisterte Tjeknavorian souverän, stellte jedoch auch hier den musikalischen Fluss, die Vorwärtsbewegung über lokale Emphase. Ich empfand es als tendenziell zu „spitz“, also eine Spur hoch, zu intonieren. Nach der Kadenz folgte eine kurze Phase ruhiger, geläuterter Heiterkeit, worauf zum Schluss hin wieder der Drang vorwärts einsetzte. Dieser Drang war auch im Schlusssatz spürbar – er war zwar nicht gehetzt, aber dennoch fehlte gelegentlich die Ruhe. Im Auftreten war Tjeknavorian selbstsicher, ließ sich keine Nervosität anmerken. Allerdings spielte er zumeist mit geschlossenen Augen, suchte kaum Blickkontakt mit dem Orchester oder Dirigenten. Einfachheit im Ausdruck und Schlichtheit fand sich erst in der Zugabe, der Melodie Guten Abend, gut' Nacht von Brahms.

****1