Mord, Totschlag, Ehebruch und Inzest. Elektra, die auf der griechischen Tragödie von Sophokles basierende Oper von Strauss und Hofmannsthal, bietet ein mannigfaltiges Potpourri makabrer Schreckensvisionen und grausamer Verbrechen, bleibt aber in ihrer archaischen Prägnanz stets aktuell. Diese Aktualität und Allgemeingültigkeit psychologischer Beziehungen nutzt Regisseur Keith Warner in seiner Produktion, um Elektra als moderne Albtraumvision eines rebellierenden Teenagers zu inszenieren.

<i>Elektra</i> © Falk von Traubenberg
Elektra
© Falk von Traubenberg

Während das Publikum in den Saal strömt, beginnt auf der Bühne bereits das Geschehen. In der Antikensammlung eines Museums betrachten die Besucher goldene Masken, antike Gewänder und griechische Waffenkunst. Langsam schließt das Museum, die Besucher verlassen die Ausstellung, das Publikum im Opernhaus nimmt ihre Plätze ein. Der Nachtwächter löscht die Lichter im Museum, der Zuschauerraum wird dunkel, das Drama nimmt seinen Lauf. „Agamemnon“, der nonverbale und unverkennbare d-Moll-Dreiklang, fällt wie ein Fallbeil auf das Publikum herab.

Ganz wie Hofmannsthal den Charakter des Bühnenbildes als „Enge, Unentfliehbarkeit, Abgeschlossenheit“ bezeichnet, ist auch Elektra eingeschlossen – wortwörtlich. Denn sie bleibt zurück im Museum und versucht ihre eigene Familiengeschichte aufzuarbeiten und sich ihren Dämonen zu stellen. In der Nacht lebt das Museum, die Mägde betreten in antiken Gewändern das Geschehen und auch Chrysothemis und ihre Mutter Klytämnestra erwachen in den Schaukästen zu neuem Leben.

Barbara Dobrzanska, Jennifer Feinstein, Luise von Garnier, Christina Niessen, Uliana Alexyuk © Falk von Traubenberg
Barbara Dobrzanska, Jennifer Feinstein, Luise von Garnier, Christina Niessen, Uliana Alexyuk
© Falk von Traubenberg

Keith Warners überzeichnete Charaktere treiben die ohnehin schon brutale Familienhistorie Elektras, ihrer Geschwister und der Mutter ins Groteske. Hinzu kommt die Inzestbeziehung mit wildem Zungenkuss zwischen Elektra und ihrem Bruder Orest und die Darstellung Chrysothemis’ als Vergewaltigungsopfer ihres pädophilen Stiefvaters Aegisth. Immer wieder treten einzelne Räume kontrastiv als Dioramen familiärer Abgründe hervor. So wirkt der Einblick ins Zimmer Chrysothemis' – ein rosafarbener Mädchentraum mit Schminktisch und Boyband-Postern – ebenso absurd wie die pathetische Trauerfeier Agamemnons. Das Geschehen bewegt sich dabei spielerisch zwischen den verschiedenen Traumwelten Elektras, die wie Rückblenden oder Einblicke in eine Parallelwelt erscheinen und die sie immer wieder zu verdrängen versucht, sich ihnen aber dennoch stellen muss.

Warner schöpft bei seiner Figurenzeichnung Inspiration in den Schriften von Sigmund Freud und Carl Gustav Jung; sei es die hysterische Überzeichnung Elektras oder die plakativen Auslotung des von Jung geprägten Elektrakomplexes, besonders bei der doppeldeutig inzestuösen Erkennungsszene. Dennoch bleibt er bei seiner Personenführung oberflächlich und bewegt sich auf dem Niveau eines Hobbypsychologen. Er schafft es nicht, eine neue ungewohnte Sicht auf das Werk zu offerieren. Stattdessen gelingt es ihm, die Archetypen der griechischen Tragödie zu vermenschlichen und Mitgefühl zu erzeugen.

Rachel Nicholls (Elektra) © Falk von Traubenberg
Rachel Nicholls (Elektra)
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Seine Bildsprache borgt er immer wieder bei Stanley Kubrick oder auch David Lynch, bleibt dabei jedoch vorhersehbar und plakativ. Die Oper wird zur Traum und Trauma-Vision während sich Elektra zwischen albtraumhaften Halluzinationen und schlafwandlerischen Episoden bewegt. Die brutale Ermordung des Aegisths und Klytämnestras und gleichzeitig dramatischer Höhepunkt der Oper, überzeichnet Warner bis ins Lächerliche und bringt so das Publikum zum Lachen.

Rachel Nicholls brillierte als Elektra mit einer klaren Stimme, die unglaublich sicher in den Höhen ist. Keine Anstrengung, nicht forciert, stattdessen vollkommen frei und mühelos strömten die Töne aus ihrem Mund heraus. Die Aussprache war deutlich und die Technik vorbildlich. Nicholls ist nur selten in Opernproduktionen zu erleben, das Engagement gilt als wahrer Glücksfall für das Badische Staatstheater. Rachel Nicholls war in ihrer szenischen Darstellung konzentriert, es wurde deutlich, wie sehr sie sich auf die Partitur und die Inszenierung vorbereitet hatte – jede Szene, jede Mimik saß perfekt und war minutiös vorbereitet.

Anna Danik (Klytämnestra) © Falk von Traubenberg
Anna Danik (Klytämnestra)
© Falk von Traubenberg

Chrysothemis, gesungen von Sarah Cambidge, konnte trotz des Wunsches nach einem „Weiberschicksal“ nicht aus der Pubertät ausbrechen. Sie ist ein überspitztes Gegenteil ihrer Schwester: schrill, bunt und verzogen – Daddy’s Girl. Cambidges Stimmorgan ist groß und voluminös. Insbesondere in den Duetten mit ihrer Schwester wurde deutlich, dass ihre Stimme passender für Rollen wie Brünnhilde oder Salome geeignet ist. Als Chrysothemis überdeckte sie Rachel Nicholls zunehmend und konnte der Rolle wenig lyrische und feinfühlige Momente verleihen.

Für die Rolle Klytämnestras bietet die Rezeptionsgeschichte meist nur zwei Charakterfärbungen an: entweder die dämonisch-verrückte, vollkommen überzeichnete Furie oder die hasserfüllte, diktatorische Übermutter. Anna Danik hat in Karlsruhe eine alternative Art der Darstellung gezeigt. Sie sang die Klytämnestra geradezu lyrisch, fast schon mit einer Wärme einer Mozartrolle. Eine überraschende und ungewohnte Interpretation, die äußerst angenehm zu hören und anzusehen war. Dennoch passte es nicht ganz in die Inszenierung und ist nicht konform mit der Gestaltung der Rolle im Sinne Hugo von Hofmannsthals, bot aber eine spannende Abwechslung.

Renatus Mészár (Orest) und Rachel Nicholls (Elektra) © Falk von Traubenberg
Renatus Mészár (Orest) und Rachel Nicholls (Elektra)
© Falk von Traubenberg

Ensemblemitglied Renatus Mészár verkörpert einen stattlichen Orest und verfügt über eine kraftvolle Stimme mit einem überaus angenehmen Legato. Mészár fand stets die passende Balance zwischen stimmlichen Wohlklang und dramatischer Darstellung.

Generalmusikdirektor Justin Brown hatte Mühe, das Orchester zusammenzubringen. Die zu stark variierten Tempi machten es besonders den Sängern zu schaffen, der Musik zu folgen. Besonders zu Beginn der Oper, während der Mägdeszene, ließ Brown den Sängerinnen kaum Zeit zum Atmen.

„Eifersüchtig sind die Toten, so bin ich eine Prophetin immerfort gewesen“, sind sehr selten gesungene Worte der Elektra-Partitur. In den meisten Aufführungen und Aufnahmen fällt diese Szene einer Kürzung im Namen der Sängerfreundlichkeit zum Opfer. Justin Brown und Rachel Nicholls entschieden sich, diesen Strich aufzulösen und stattdessen Hofmannsthals ausführliche Widererkennungsszene zu verwenden.

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