In ihrem Konzert im Rahmen des Lucerne Festival hielten sich Marin Alsop und das London Philharmonic Orchestra an das Leitmotiv des Festivals, „Kindheit”. Alsop eröffnete mit Auszügen aus Elgars Suiten The Wand of Youth. Den Schluss bildete Mahlers Erste Symphonie, welche Kindheitserinnerungen des Komponisten verarbeitet. Dazwischen beschloss Sol Gabetta ihre Funktion als Artiste Étoile des diesjährigen Festivals mit einer Darbietung von Elgars Cellokonzert.

Marin Alsop © Lucerne Festival | Priska Ketterer
Marin Alsop
© Lucerne Festival | Priska Ketterer

Englische und amerikanische Orchester dominierten die letzte Woche des Lucerne Festivals, nun also das 1932 von Sir Thomas Beecham gegründete London Philharmonic Orchestra; ein weiteres Traditionsorchester. Im Gegensatz zu den Bostonern in den vorangegangenen Konzerten war es diesmal ein geordneter, organisierter Auftritt in postromantischer Aufstellung (beide Violinen links, Celli rechts). Marin Alsop, unprätentiös im Auftritt, verstand sehr wohl, mit diesem Klangkörper umzugehen. Beinahe unscheinbar von Gestalt, veranstaltete sie kein Spektakel, auch wenn sie gelegentlich mit weit ausholenden Bewegungen dirigierte, klar und präzise in der Zeichensprache, dabei standfest, der Angelpunk des orchestralen Wirkens. Von ihrer seriösen und gründlichen Arbeit mit dem Ensemble zeugte durch den ganzen Abend die Klarheit des Klangs, die kontrollierte, fein abgestimmte Dynamik und die Konsequenz in Phrasierung und Artikulation. Es war nicht so sehr spontanes Wirken aus dem Moment, als vielmehr Gestaltung auf der Basis solider Vorbereitung.

Als Auftakt wählte Marin Alsop drei Sätze aus Elgars beiden Suiten The Wand of Youth, zusammen beinahe eine dreiteilige Ouvertüre frühklassischen Zuschnitts. Ein Paukenschlag zu Beginn, effektvoll, mit viel Schwung und Elan die Overture aus der ersten Suite. The Tame Bear, die Nr. 5 aus der zweiten Suite, zeigt wohl ein sehr zahmes Bärchen, ein gefälliges Intermezzo mit fein abgestimmter Dynamik und Phrasierung. Als Drittes folgte die Schlussnummer der zweiten Suite, The Wild Bears: ein lebhafter Tanz, virtuos und agil. Eine geschickte Wahl, mit der sich das Orchester bereits bestens einführte, die zugleich das Publikum auf das erste Hauptwerk einstimmte.

Sol Gabetta © Lucerne Festival | Priska Ketterer
Sol Gabetta
© Lucerne Festival | Priska Ketterer

Sol Gabetta begann Elgars Cellokonzert nicht mit extremer Intensität, sondern eher zurückhaltend, nach der noblen Eingangsgeste beinahe entschwindend ins feinste Pianissimo, danach gedankenverloren, zögernd aufsteigend die Überleitung zum Orchesterthema der Bratschen. Der Eingangssatz war dominiert von ruhiger, melancholischer Gesanglichkeit, mit subtiler Agogik, elegisch, intensiv, durchaus emotional, jedoch nirgends übertrieben expressiv oder gar extrovertiert. Das tremolierende Thema im Folgesatz klang anfänglich wie geflüstertes Stottern und gewann erst allmählich Intensität. Die Cellistin behielt auch im Piano zentrale Präsenz, mit leichter Artikulation, ohne sich je in den Vordergrund zu spielen, kooperierte dabei über Blickkontakte eng mit der sehr sorgfältig begleitenden Dirigentin und dem Orchester. Das Adagio strahlte verhaltene Wärme aus: leiser Gesang, gerade an den leisesten Stellen extrem berührend, dabei jedoch nie mit übertriebener Romantik. Es war so unglaublich nahe beim Mittelsatz des Schumann-Konzerts und zog den Hörer völlig in seinen. Das Moderato des Schlusssatzes gestaltete Sol Gabetta noch als relativ geführtes Accompagnato, das sich erst in der Cadenza zum vollends freien Rezitativ wandelte. Danach jedoch dominierte der Schwung, im Orchester wie im Solo (etwa im Arpeggiando des animato-Teils). Emphase in vollkommener Einheit mit dem Orchester sodann in der Rückkehr zum Tempo I. Sorgfältig dosiertes Vibrato und subtilste Dynamik zeigte sich schließlich vor dem Wiederauftreten des Anfangsthemas zum Schluss hin. Es war eine meisterhafte Interpretation mit klarer Handschrift der Solistin die sich mit Elgars berührend-stimmungsvollen Sospiri, Op.70 bedankte; ein absolut passender Ausklang vor der Pause.

Mahlers Erste Symphonie entwickelt sich aus leisesten Tönen: das Erwachen der Natur aus der Stille der Nacht. Genau, beinahe unhörbar, folgte das Orchester den feinen dynamischen Abstufungen der Partitur, auch die fröhlichen Vogelrufe, der aufkeimende, volkstümliche Gesang blieben lange verhalten, strahlten Ruhe und Heiterkeit aus. Marin Alsop gestaltete mit Sorgfalt, die sich auf das Orchester übertrug, etwa im glatten Klang der Hörner, der Artikulation in den Bläsern und dem deutlichen Glissando der Celli. Stimmungsvoll, mit innerer Harmonie zeigte sich auch der zweite Satz, nirgends herrschte Unruhe oder überbordender Exzess wie gelegentlich bei anderen Dirigenten. Ideal war dabei die ausgezeichnete Akustik, welche die Transparenz des Orchesters unterstützte, den Klang schlank und räumlich klar gegliedert erscheinen ließ. Bewusst kunstlos, einfach, verhalten und ohne Vibrato ließ Alsop das Kinderlied bis zum Eintritt der Trompeten intonieren – ganz im Sinne der Partitur. Einzig, durch Marin Alsops sorgfältigen und gebändigten Ansatz schien es nicht einfach, gegen Ende die Spannung zu halten oder den Schwung manchmal wiederzugewinnen. Gegen Ende des Satzes wandelte sich die Musik für einen Moment zur Karikatur. Gewollt roh war der Einbruch des Schlusssatzes; regelrecht aufblühend sodann das Sehr gesangvoll: expressiv, aber nicht süß und nie auf Effekt gespielt.

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