Der Zürcher Universal-Ton-Komponist und Instrumentenbauer Walter Smetak, auch Tak-Tak genannt, verstarb 1984 in seiner Wahlheimat Salvador da Bahia in Brasilien. In vier Auftragskompositionen erweckte das Ensemble Modern nun Teile seines Schaffens wieder zum Leben und rekonstruierte Smetaks Geist, der zwischendurch von Musik-Experte Max Nyffeler in einem kurzen Beitrag erläutert und der in einem 11-minütigen, dokumentarischen Film von José Walter Lima (O Alquimista Do Som, 1978) dargestellt wurde, in Zusammenarbeit mit den vier Komponisten. Ein außergewöhnlich transkulturelles und kulturpolitisches Anliegen in der heutigen Zeit, nicht einfach nur ein Konzert.

Vimbayi Kaziboni © Jörg Baumann | Ensemble Modern
Vimbayi Kaziboni
© Jörg Baumann | Ensemble Modern

Smetaks Schaffen und Wirken war eine Inspirationsquelle für Arthur Kampela, Liza Lim, Daniel Moreira und José Rios Filho, die ihre Werke an diesem Abend vorstellten. Einem wissenschaftlichen Forschungsprojekt ähnlich hatten die Beteiligten die Möglichkeit, Recherche-Aufenthalte im tropischen Brasilien zu erleben, um Walter Smetaks Nachlass kennenzulernen. Dieser sprang mit großen Schritten über die konventionelle Tongestaltung hinweg; er interessierte sich für mikrotonale Alternativen, aus denen mehr als 150 selbstgebaute Instrumente hervorgingen. Ein paar dieser urigen Instrumente, die sogenannten plásticas sonoras, auf denen das Ensemble Modern spielte, erzeugten dabei eine Klangwelt, die jenseits von harmonischen oder disharmonischen Tönen lag.

Smetaks Auffassung von Musik beharrte nicht auf einzelnen Musikern und einzelnen Instrumenten. …tak-tak…tak, ein Werk, das man nicht nur mit den Ohren verstehen kann, zeigte dies in seiner Szenographie: Ein Baum aus Bambusrohren, der dem Skelett eines großen Sonnenschirms glich, spannte sich über zwei Drittel des Orchesters. Einzelne Rohre waren dabei mit Schnüren verbunden, die sich zwischen den Musikern bis auf den Boden spannten. An ihnen hingen Windspiele, Schellen und ähnliches. Diese Schnüre wurden zu Saiten, die die Musiker verbanden, Saiten, die die Musiker anschlugen, aber auch Saiten, die einem wirren Netz glichen. Die plásticas sonoras, die man noch irgendwie als Instrumente im musikalischen Sinn begreifen kann, weil sie aus einem Interesse an akustischen Qualitäten entstanden sind, ertönten kontrastierend neben Geräuschen, die aus dem Betätigen eines Akkuschraubers hervorgingen.

Ensemble Modern und Vimbayi Kaziboni: <i>...tak-tak...tak</i> © Jörg Baumann | Ensemble Modern
Ensemble Modern und Vimbayi Kaziboni: ...tak-tak...tak
© Jörg Baumann | Ensemble Modern

…tak-tak…tak von Arthur Kampela, die erste der vier Auftragskomposition, die an diesem Abend uraufgeführt wurden, zeigte zuerst die für europäisch-akademische Ohren kaum bekannte Herangehensweise an eine anarchische Kollektiv-Musik. Laut, wirr und uneintönig erstarkte ein Rauschen aus unterschiedlichsten Materialien. Als Eröffnung des Abends war …tak-tak…tak ein etwas aufzehrendes Erlebnis, das wohl eher den philosophisch-konzeptuellen Ansatz von Smetak verdeutlichte. Irgendwo zwischen akustischen Ready-mades und kollektiv-chaotischer Musik konnte auch die engagierte musikalische Leitung unter Vimbayi Kaziboni das erste Werk nicht ganz so eingängig präsentieren wie die darauffolgenden. Dafür ging es dann theatralischer zu, als Liza Lims Ronda – The Spinning World zum Zuge kam.

Die Ronda ist ein Instrument mit einem zylindrischen Körper, das mit einer Kurbel an der Mittelachse und einem Bogen oder ähnlichem bedient wird. Bei Liza Lim wirkten die tonalen Erfahrungen differenzierter, die Musik lud mehr zu Assoziationen aus Regenwaldgeräuschen, Walgesängen und Stadtmusik ein. Ihr kreisendes Konzept übertrug sie auch auf die Wahrnehmungssphäre ihrer Hörer: Einige Instrumentalisten wurden um die Zuschauerplätze verteilt, sodass die Hörer von den Geräuschen eingekreist wurden. Der Höhepunkt ihrer Komposition fand sich in dem Show-Off von zwei Piston Cretino-Spielern (das Mundstück einer Trompete in einen Schlauch gesteckt, der in einem Trichter endet), die sich von Ihren äußeren Posten lösten und vor dem Orchester in einen tänzerischen und musikalischen Wettstreit verfielen. Urkomischer und amüsanter kann ein Konzert nicht sein; den beiden Solisten: Hut ab!

<i>Ronda - The Spinning World</i> © Jörg Baumann | Ensemble Modern
Ronda - The Spinning World
© Jörg Baumann | Ensemble Modern
Laut, existentiell und stroboskopisch war Daniel Moreiras Instrumentarium. Der tropische Bambusbaum wurde nach dem ersten Werk abgeholzt; es gab dann Platz für die Leinwand, auf der filmmusikalische Detailaufnahmen der Smetak’schen Klangkörper liefen. Die filmischen Sequenzen wurden bis auf Zehntelsekunden genau mit der Musik abgestimmt. Die Synchronisation war überwältigend; Vimbayi Kaziboni koordinierte systematisch exakt – ein kathartisches Erlebnis und der wahrhaftige Blick für die Schönheit der Makro-Aufnahmen der Instrumente im Zusammenspiel mit der schockhaften Musik. Beides ist kaum mit Worten zu beschreiben.

Wenden wir uns daher Paul Rios Filhos volvere zu, das noch ein bisschen performativer als Lims Werk ist. Wo in Kampelas Geräuschkulisse das unangenehme Rauschen hervortrat, so wurde in Filhos Werk darauf geantwortet, indem Ruhe verlangt wurde. Orchestermusiker stehen auf, drehen sich mit dem Rücken zu Publikum und halten für dieses sichtbar ein Schild hoch, auf dem „Silence“ (Ruhe) steht. Orchesterdienstverweigerung (wenngleich der Dirigent eigentlich damit begann)? Ungewohnt politisch, diese Kehrtwende zur Arbeitsverweigerung.

Allen vier Uraufführungen tut gut, dass sie auf Smetaks Erbe verweisen, ohne es zu sehr zu adaptieren. An originären Ideen mangelt es darin jedenfalls nicht und ein Besuch lohnt sich. Im März kann man sie beim MaerzMusik Festival erleben und im Juli an mehreren Orten in Brasilien, wo dieser Abend irgendwie auch hingehört.