Für das diesjährige Internationale Musikfest Hamburg hätte man sich mit dem Thema „Freiheit“ kaum ein tagesaktuelleres Motto für seine zweite Auflage wählen können. Insbesondere die Flüchtlingskrise und die mit ihr verbundene Frage nach der Freiheit des Einzelnen scheint den Machern des Musikfestes bei dessen Konzeption durch den Kopf gegangen zu sein. Durch die Beteiligung nahezu aller wichtigen Hamburger Musikinstitutionen ist abermals ein abwechslungsreiches Gesamtprogramm entstanden, das einen Monat lang das Musikleben in der Hansestadt an der Elbe prägt.

Ensemble Resonanz © Tobias Schult
Ensemble Resonanz
© Tobias Schult

Das Ensemble Resonanz, das künftige Ensemble in Residence in der Elbphilharmonie, besticht immer wieder mit seinen kreativen Konzertprogrammen und so nimmt es nicht Wunder, dass es auch beim Hamburger Musikfest mit gleich mehreren Veranstaltungen präsent ist. In seinem jüngsten Konzert „der utopie“ widmete sich das Ensemble „Komponisten, die sich in ihren Werken mit den gesellschaftlichen Umbrüchen ihrer Zeit auseinandersetzen“, wie der Ensemble-Geschäftsführer in seinem gedruckten Grußwort erläutert. Dass gerade die Flüchtlingskrise als ein gesellschaftlicher Umbruch zu bewerten ist, beweist eine am Konzertbeginn erklingende „Freiheitsstimme“: Der 25-jährige aus Syrien stammende Asem hat hier seine Gedanken zum Thema „Freiheit“ eingesprochen und diese werden dem musikalischen Programm vorangestellt.

Mit Zwei Deutsche Hymnen des Berliner Komponisten Tobias Schwencke eröffnet eine nur kleine musikalische Besetzung das Konzert: Zu einem Streichquartett, bestehend aus Musikern des Ensemble Resonanz, gesellen sich Stefan Litwin am Klavier und der Sänger David Moss, der mit beeindruckenden 4 ½ Oktaven Stimmumfang aufwarten kann. Schwencke kombiniert in seiner Komposition einerseits die von Hanns Eisler stammende Vertonung von Auferstanden aus Ruinen (diese diente 40 Jahre lang als Hymne der DDR) sowie Bertolt Brechts Kinderhymne, die ebenfalls von Eisler in Musik gesetzt wurde. Daraus ist mal ein Miteinander der Stimmen entstanden, aber viel häufiger schien sich ein Gegeneinander zu etablieren, in welchem sich beide Texte gegenseitig ad absurdum führten. Die vier Musiker des Ensemble Resonanz und Pianist Litwin beeindruckten mit ihrer Präzision und klanglichen Wandlungsfähigkeit und schienen eine musikalische Kulisse zu bilden, vor welcher sich David Moss mal singend, mal sprechend präsentieren konnte. Seine beinahe als Stimmakrobatik zu bezeichnender Vortrag gab beiden Texten völlig neue Interpretationsebenen.

Arnold Schönberg im Konzert folgende Ode to Napoleon Buonaparte fußt auf derselben Besetzung wie Schwenckes Komposition und diente letzterem möglicherweise als Inspiration für seine Vermischung des Sprechens mit dem Singen. Schönberg setzte in seinem Schaffen sehr bewusst den Sprechgesang ein und fordert von einem Vortragenden mit zahlreichen Spielanweisungen höchstes Können sowie größte Stimmgewandtheit. Der Komponist selbst sprach von nicht weniger als 170 verschiedenen Facetten, die ein Sänger bzw. eher Sprecher darstellen können müsse – ein Paradestück also für David Moss! Dieser rief scheinbar mühelos unzählige Klangfarben ab und deklamierte nachdrücklich die 19 Strophen umfassende Ode des Dichters Lord Byron, die Schönberg seinerzeit vertonte. Moss durchschritt dabei nahezu seinen ganzen Stimmumfang und zeigte sich als ein Sprecher, der zu jeder Sekunde die textlichen Inhalte deutlich machen wollte. Das abermals als versierter Gegenpart agierende Instrumentalensemble gab Schönbergs Vertonung eine selten zu hörende Farbigkeit und schien den Facettenreichtum von Moss' Vortrag aufzugreifen.

Alina Ibragimova © Eva Vermandel
Alina Ibragimova
© Eva Vermandel
Die erste Konzerthälfte beschloss mit Ludwig van Beethovens Quartetto serioso, ein Klassiker der Kammermusik, allerdings in Gustav Mahlers Einrichtung für Streichorchester. Hierzu nahm bereits Alina Ibragimova, die Solistin des noch folgenden Violinkonzertes, am ersten Pult Platz und lotste das Ensemble Resonanz energisch durch die viersätzige Komposition. Der Komponist hat in ihr seine Eindrücke während der Besetzung Wiens durch die Franzosen unter Napoleon verarbeitet und das Werk mit schroffen Klängen und vehementen Ausbrüchen gespickt. Das Ensemble Resonanz wählte in seiner Interpretation konsequent straffe Tempi und wartete mit ausgewogenem Streicherklang sowie resolutem Ausdruck auf. Über so viel gebündelter Dynamik fehlte leider nur in der einzig wirklich langsamen und lyrischen Passage im Finale ein wenig der Tiefgang.

Einen versöhnlicheren Abschluss sollte das Konzert mit dem Violinkonzert Distant Light des lettischen Komponisten Pēteris Vasks nehmen. Vasks komponierte dieses Werk vor dem Hintergrund der Unabhängigkeitserklärung der baltischen Staaten von der Sowjetunion und zugleich einer erneuten Begegnung mit dem Ausnahmegeiger Gidon Kremer. Die virtuose Komposition ist von dessen herausragendem Violinspiel an jeder Stelle geprägt und verlangt einem Solisten Höchstes ab. Die junge russisch-britische Geigerin Alina Ibragimova schien all diese Herausforderungen jedoch mit Leichtigkeit zu nehmen, wenngleich von ihr größter Einsatz gefordert war: In gleich drei Kadenzen zeigte Ibragimova all ihre technischen Raffinessen und lieferte einen fesselnden Vortrag.

Das Ensemble Resonanz zeigte sich als ebenbürtiger Partner, bestach hier mit fahlen, zerbrechlichen Klängen und hob dort zu einem derben Walzer an, der gleich darauf von einem wilden Ausbruch abgelöst wurde. Vasks selbst erläuterte, in diesem Werk verbänden sich Freude und Trauer, aber letztlich siege die Hoffnung – und so endet sein Werk mit einem friedlich gezupften Walzer in Dur und feinen Glissandi, die Ibragimova so fein gestaltete, dass das Publikum für einige Augenblicke nahezu atemlos im Saal verharrte.

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