Es war ein kurzweiliger Abend bei den Robeco SummerNights des Amsterdamer Concertgebouws mit einem Tausendsassa am Dirigentenpult: Der Komponist Eric Whitacre ist nicht nur ein erfolgreicher Dirigent und Unternehmer, er hält auch TED Talks und bereitet gerade seinen fünften virtuellen Chorauftritt vor. Seine bisherigen Videos hatten bisher mehr als vierzig Millionen Besucher – für seinen letzten YouTube-Hit hatte er die unglaubliche Zahl von 5905 Sängern aus mehr als hundert Ländern zusammen singen lassen. All diese Sänger hatten ihm zuvor ein Video geschickt, auf dem sie zu seinem aufgenommenen Dirigat allein ihren Part sangen, die dann alle zu einem Chor gemischt wurden. Mit diesem Format – es gibt inzwischen auch ein YouTube-Orchester – bedient Whitacre ein weltweit wachsendes Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Verbindung, denn für viele Amateursänger ist der virtuelle Chor ein erster Schritt auf dem Weg zur Mitgliedschaft in einem echten Chor.

Eric Whitacre © Mark Royce
Eric Whitacre
© Mark Royce

Der große Radiochor des niederländischen Rundfunks (GOK) ist neben dem Chor der Amsterdamer Oper der einzige große professionelle Chor in den Niederlanden, doch in den letzten Jahren war er immer wieder von Budgetkürzungen bedroht und auch seine Zukunft ist unsicher. Die Zusammenarbeit mit Whitacre begann letztes Jahr mit zwei Kompositionsaufträgen und einem Programm aus fast ausschließlich eigenen Werken. Diesmal standen neben Whitacres Kompositionen auch Werke von Copland und Bernstein auf dem Programm.

Für die Chichester Psalms aus dem Jahre 1965 hatte man die von Bernstein selbst arrangierte Fassung für Orgel, Harfe und Schlagzeug statt der Orchesterfassung gewählt. Der erste Satz begann mit beinahe vollem Register der Orgel, gegen welches sich die 58 Sänger des GOK mit voller Lautstärke zu behaupten wussten. Man hätte sich hier in den Fortissimo-Passagen gelegentlich einen etwas einheitlicheren Klang gewünscht. Solist war der Countertenor David Allsopp, der die religiösen Verse mit klarer Stimme vortrug und den bekannten Melodien einen persönlichen Charakter gab. Auch die vier Chorsolisten sangen klangschön und überzeugend.

Auch nach der Pause kam der Orgel in Whitacres Chelsea Carol eine prominente Rolle zu, welche er auf sehr charmante Weise ankündigte. Überhaupt waren seine Überleitungen und Ankündigungen von für europäische Verhältnisse äußerst überzeugender Art. Die Entstehungsgeschichte seines Seal Lullaby wusste er derart unterhaltsam zu erzählen, dass man sich eher bei einer Oscarpreisverleihung wähnte als in einem Konzert. Wie auch schon bei seinen Internethit Lux aurumque sang der Chor stimmungsvoll und dem Genre angemessen.

In The City and the Sea, aus fünf Gedichten von E.E. Cummings bestehend, gab es dagegen mehr Abwechslung, sowohl rhythmische als auch dynamische Kontraste. Dies lag sicher auch an den inspirierenden sehr experimentell-bildreichen Texten („Skating on noisy wheels of joy“). In Little Man in a hurry spielt Whitacre mit jazzigen Ton- und Textwiederholungen, die sich wohltuend von den vorherigen langsam-melancholischen Songs absetzten.

Der Höhepunkt des Abends war eine Auswahl aus Aaron Coplands Old American Songs (1950/52) von denen vor allem „I bought me a cat” nahtlos zum Humor von Whitacres eigenen Animal Crackers auf Texte des New Yorker Dichters Ogden Nash (1902-1971) passte. Bei beiden Chorliedern stehen Tiere im Mittelpunkt. Während aber die Spannung bei Copland durch unterschiedliche Klangfarben und dem Spiel mit der Erwartungshaltung des Publikums hervorgerufen wird, unterlegt Whitacre die kurzen Texte von Nash mit auskomponierten Naturlauten. So mussten die Tenöre wie Kühe muhen und die Soprane ihrem Ekel vor Aalen Ausdruck verleihen: dies zum großen Vergnügen des Publikums.   

In der Zugabe Down to the River and pray zeigte sich noch eine andere positive Eigenschaft des Grammypreisträgers Whitacre. Als sich die Chorsolistin auswendig singend im Text irrte und abbrechen musste, nahm er die Verantwortung großmütig auf seine Kappe. Die Sopranistin Judith Petra setzte genauso klanggewaltig aufs Neue ein und stellte damit einmal mehr unter Beweis, dass ein gelungener Auftritt nichts mit Perfektion zu tun haben muss.