Hohe Erwartung heizt an und entsprechend stieg sich die Temperatur in der Halle mit der begeisterten Stimmung, als die 47. Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in der Sporthalle am Böllenfalltor eröffnet wurden. Obwohl dem Darmstädter Oberbürgermeister am Anfang seines Grußworts einen Lapsus unterlief, war dies keineswegs ein schlechtes Vorzeichen für die diesjährigen Ferienkurse, denn das Publikum, welches zwei Jahre sehnsüchtig darauf gewartet hatte, bedankte sich trotzdem mit einem herzlichen Beifall für seine Rede.

Die Sporthalle bot an diesem Tag keinen Wettkampf, sondern die Eintracht von vier musikalischen Mannschaften mit 77 Instrumentalisten aus dem hr-Sinfonieorchester und dem ensemble musikFabrik aus Köln. Zu hören gab es die Darmstädter Erstaufführung des Werks Carré von Karlheinz Stockhausen. Dabei bildeten die Musiker vier Kleinorchester, die, abgesehen von charakterisierenden Abweichungen im Instrumentarium, eine fast ähnliche Besetzung mit jeweils einem Chor hatten. Vier Podien wurden für den Auftritt der Orchester in der Halle aufgebaut, denn das Werk ist nicht nur ein zeitliches, sondern auch räumliches Musikereignis, das die Sporthalle bei dem Eröffnungskonzert verfremdete.

Musik im Raum: Karlsheinz Stockhausens <i>Carré</i> © Daniel Pufe
Musik im Raum: Karlsheinz Stockhausens Carré
© Daniel Pufe
Die Dirigenten, Lucas Vis, Clement Power, Christian Karlsen und Wolfgang Seeliger, führten, ihre Blicke aufeinander gerichtet, in einträchtiger Zusammenarbeit das musikalische Geschehen. Die vier verschiedenen Dirigatgesten waren temporal recht homogen, allerdings wurde das klangliche Resultat jedes einzelnen Orchesters heterogen erreicht. Es gab kein Zentrum der Klangquelle. In einem der Ensembles wurde ein Ton gespielt, der von Orchester zu Orchester ganz genau mit derselben Intonation übernommen wurde, was ein künstliches Echo erzeugte und die verschiedenen Gruppen vereinte. Dieser präzise Intonationsaustausch lies den Eindruck entstehen, als ob der Ton durch die Luft fliegen würde!

Darüber hinaus sangen die Chöre, die aus Mitgliedern des Konzertchors Darmstadt bestanden, den Liedtext, bei dem eher der phonetisch-klangliche Aspekt und weniger der Text eine Rolle spielte. Dabei artikulierten sie diesen bedeutungslosen Liedtext lyrisch und erweiterten außerdem das gesamte Timbre mit schnappenden und klatschenden Körperklängen. Stockhausen schrieb diese Komposition im Jahre 1959/60 und hat sie nie bearbeitet. Diese Urfassung wurde an dem Tag zweimal bei den Ferienkursen aufgeführt, damit das Publikum sich an eine andere Stelle setzen und die volle räumliche Wirkung erfahren konnte.

Zwischen den beiden Aufführungen von Carré wurde ein Intermezzo gegeben, in dem das ensemble musikFabrik Cortege von Harrison Birtwistle spielte. Ohne Dirigent saß das Ensemble auf einem der Podien, und der Schlagwerker Dirk Rothbrust gab den ersten Takt mit dem Schlag auf der Großtrommel an. Dann kam ein Musiker nach dem anderen in die Mitte des Podiums und präsentierte sein virtuoses, solistisches Spiel.

Stockhausen 1957 bei den Darmstädter Ferienkursen © Rolf Unterberg / Bundesarchiv
Stockhausen 1957 bei den Darmstädter Ferienkursen
© Rolf Unterberg / Bundesarchiv
Die zweite Aufführung von Carré basierte auf demselben Notentext, doch sie gab dem Publikum die Möglichkeit, durch den Positionswechsel eine zweite, ganz neue Hörererfahrung zu machen. Der Komponist hat es so dem Hörer überlassen, je nach seiner Position eine eigene Fassung des Werkes wahrzunehmen. Da bei Carré ein eindeutiger Finaleffekt fehlt, kam der Schluss des Konzerts etwas unerwartet. Das wahre Ende des Eröffnungskonzert war der große Applaus, der die Musiker für eine großartige Eröffnung der 47. Internationalen Ferienkurse belohnte.