Spott und Humor in Sprache und Musik – die diesjährige Überschrift des Festivals Knechtsteden, bekannt für seine interessanten Motti, die ganz überwiegend Besonderheiten barocken und romantischen Repertoires beleuchten, lässt das Kritikerherz höher schlagen. Nicht, dass es einen Anlass gebe, dies als literarische Vorlage auszunutzen; vielmehr bietet es auf angenehme Weise eine hervorragende Grundlage, Programmatik und Interpretation auf ihre Kongruenz und Potenziale hin zu beurteilen.

Meine Freundin, du bist schön © Martin Roos
Meine Freundin, du bist schön
© Martin Roos

Unter der Lupe standen beim Eröffnungskonzert, wie gewohnt geleitet vom künstlerischen Hausherren Hermann Max mit seinen Ensembles, der Rheinischen Kantorei und dem Kleinen Konzert, angeführt von festivalbekannten Solisten, zwei weltliche Kantaten aus der weit verzweigten Großfamilie Bach: Johann Christophs wunderbarer Hochzeitsdialaog Meine Freundin, du bist schön und Johann Sebastians Dramma per musica Geschwinde, ihr wirbelnden Winde.

Ersteres Stück stellt sich als einfallsreiche, virtuos gemachte Verarbeitung des Hoheliedes dar, einer alttestamentarischen Sammlung von Hochzeits- und Liebesliedern, welche mit dem Reiz der Doppelbödigkeit einerseits im Gewand des innigen Gespräches des Gläubigen mit der Kirche steckt. Andererseits ist sie aufgrund des eindeutig symbolischen, weltlichen Textes als eine Beschreibung einer Hochzeitsfeier vertont, hier jener barocken Tage mit Gelage und Gottesdank, die nach der Erzählung der eigentlich geheimen vorehelichen Erlebnisse des verliebten Paares (Interpretation offen) stattfindet.

Markus Schäfer und David Erler © Martin Roos
Markus Schäfer und David Erler
© Martin Roos
Den intimen Dialog (symbolische körperliche Vereinigung), passenderweise musikalisch lediglich vom Continuo untermalt, gestalteten Veronika Winter mit warmem, vibratoarmem Sopran und Matthias Vieweg in lieblich-sonorem Bass leidenschaftlich, im Ausdruck jedoch recht ernst, um dem sehr schnell gewählten Tempo gerecht werden zu können. Auch im folgenden Bericht der Braut über das freudige amouröse Erlebnis konnte Winter mit der innewohnenden Sinnlichkeit zur Geltung kommen, welche Johann Christoph Bach, von Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel als „profunder“ respektive „großer, ausdrückender Componist“ hochgelobt, in einer Ciaccona herrlichst in Töne gesetzt hat. Die barocktypisch schmalere Sopranstimme konnte sich hier jedoch nur in den Höhen gegen die Lautstärke des Ensembles durchsetzen.

Auf den ersten Blick eigentlich gegensätzlich hält Bach diese Beschreibung in einem für seine anderen Vertonungen typischen Lamento-Setzkasten, der – von der Violine in berückender Expressivität nahe einer Folia begleitet – die Ausmalung der glücklichen Fantasien allegorisiert. Anne Röhrig überzeugte bei diesem höchst anspruchsvollen Solopart über weite Strecken mit Leichtigkeit und fesselndem Spiel in klarem Ton. Nach dem Eintreffen von Nachbarn und Gesellschaft steigt dann die Party, vertont durch ein Presto mit Ripienostimmen und anschließendem choralen Gestus samt freudig-cavatinierender Violine. Die Solistin hatte in diesem Part diesmal allergrößte Mühe, dem Tempo zu folgen, die Sänger gaben im Drama aber richtig Feuer.

Die von Bach meisterlich integrierten Miniaturkonzerte und die von langen Linien und der Affektenlehre geprägte, wiedererkennbare, spezielle Harmonik brachten Max und sein treffendes Orchester routiniert zur Geltung, wobei diese atmosphärische Dichte des Werkes mit stringent unterstützender Dynamik und Betonung in der Interpretation des Abends meiner Meinung nach noch mehr herausgestellt hätte werden können. Neben einer kontrastreicheren, ausbalancierteren, weniger gehetzten Vorstellung wäre mir als passende Ergänzung des kurzen ersten Teils auch noch Johann Sebastians süffisantes, genüsslich-derb-barockes Quodlibet-Fragment wünschenswert gewesen.

Tobias Hunger und Christos Pelekanos © Martin Roos
Tobias Hunger und Christos Pelekanos
© Martin Roos

Dem Gegenüber stand jedoch im geglückteren zweiten Teil seine für das Collegium musicum konzipierte Kantate Geschwinde, ihr wirbelnden Winde. Um sie ranken sich interessante Geschichten, von denen sich zumindest in den Wiederholungen der Aufführungen diejenige der Aussage des Komponisten zur Überlegenheit des kontrapunktisch-gelehrten Stils hält. Bach spart dabei nicht an Spott für laienhafte „Musik-Kenner“ seiner Zeit im Leipziger Rat und in Teilen der Gesellschaft, die einseitig einen modernen, empfindsamen Stil forderten. Nach einem Text Picanders, veröffentlicht im Band Ernst-Scherzhaffter und Satyrischer Gedichte, soll im mythologischen Wettstreit zwischen den Göttern Apollo (Phoebus) und Pan geklärt werden, ob die einfache Unterhaltungsmusik (Pans) oder die intellektuelle ernste Musik (Apolls) die bessere Kunstform darstellt. Der Ausgang ist bekannt: Phoebus heißt der eindeutige Sieger, der sich in einer Liebes-Arie mit gedämpften Streichern, Oboe d'amore und (ausgerechnet!) Flöte vorstellt. Diese Atmosphäre des sanften, lieblichen Schleiers breitete sich auch in Knechtsteden aus, die Vieweg, dessen Bariton diesmal vibratoärmer und enger geführt war, geschmeidig in Wort und Stimme kleidete.

Tobias Hunger und Christos Pelekanos © Martin Roos
Tobias Hunger und Christos Pelekanos
© Martin Roos
Der vor allem in den Sopranstimmen technisch äußerst schwierige Chor-Wirbelwind zu Beginn bildete das Glanzstück des Ensembles; bravurös aufgelegte, wettstreitende Trompeten eröffneten mit den ebenfalls ereignisgerechten (Kessel-)Pauken und aufbrausenden Streichern eindrucksvoll das Drama, das auch in den folgenden Partien mit telemannisch-witzigen Elementen überrascht. In der von Thomas Höft  mit spöttisch-makaber zusammengewürfelten Kostümen ins Licht gesetzten Castingshow brillierte besonders Tobias Hunger mit angenehm kräftigem Tenor in überzeugendem Duktus in seiner vom Eselsgeschrei der Violinen lebenden Midas-Arie. David Erlers  schlank-klarer Alt in Schiedsrichter Mercurius' Arie „Aufgeblas'ne Hitze“, zusammen mit entzückend warmen und tänzelnden Traversflöten, ließ sich ebenso gut hören wie ein emotional-spielfreudiger Christos Pelekanos in Pans symphatisch-plattitüdenhafter Bass-Tanz-Arie und Markus Schäfers ausdrucksstarker Tenor mit lyrischem Timbre.

Als Ergebnis blieb ein Bach-Abend, bei dem der Funke nicht vollends übersprang, da für mich mehr Kontraste und Tiefe bedurft hätte. Die aufgrund der heiklen Akustik schwierige Chor-Textverständlichkeit tat der bewussten Ausarbeitung des Mottos ebenfalls keinen Gefallen, doch die schönen Momente sorgten dennoch für einen gelungenen Festival-Auftakt.