In seinem letzten Interview wurde Igor Strawinski danach gefragt, welche neue Musik er im Winter denn gehört habe. Um sich aus der Verlegenheit zu ziehen, dass er so gut wie keine neue Musik mehr hörte, antwortete er mit einer Gegenfrage: Welche Komponisten denn heute, also 1971, zu den Führenden der Ivy League der Musiker gehören? In diesem Zusammenhang nannte Strawinski Pli selon Pli von Pierre Boulez; sein Urteil fiel allerdings, wie so oft, wenn er Kompositionen seiner Kollegen beurteilte, etwas zwiespältig aus: das Stück sei „pretty monotonous and monotonously pretty“.

ORF Radio-Symphonieorchester © Thomas Ramstorfer | ORF
ORF Radio-Symphonieorchester
© Thomas Ramstorfer | ORF

Dieser Zweideutigkeit, aber zugleich auch anregenden Herausforderung konnten sich die Besucher des Eröffnungskonzerts der 28. Ausgabe des Festivals Wien Modern hingeben an einem Abend, der bei aller musikalischen Brillianz der Ausführung von (scheinbaren) Widersprüchen geprägt war: Als erster Widerspruch schien mir, dass – bei aller Freude über die Programmierung der Festivaleröffnung mit dem herausfordernden Hauptwerk des französischen Serialisten – das Motto des Festivals „Pop.Song.Voice“ etwas in den Hintergrund trat. Stimme, vor allem stimmliche Herausforderung, steckt in Pli selon Pli ohne Zweifel, doch von einer Nähe zu Pop oder gar Song kann bei Boulez' kompositorischer Auseinandersetzung mit seinem Landsmann Stéphan Mallarmé nicht gesprochen werden.

Im einfachsten Sinne populär ist diese Komposition nicht, und sie als Lied-Vertonung zu bezeichnen, geht auf alle Fälle fehl. Doch der scheidende künstlerische Leiter des Festivals Matthias Lošek erklärt die Programmwahl zum einen damit, dass Piere Boulez dieses Jahr seinen 90. Geburtstag feierte, und zum anderen, dass dieses Werk ein Wunsch des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien war, welches seit Jahren eine wichtige Stütze des Festivals ist. In der Eröffnungsansprache arbeitet zudem die DJane, Komponistin und Musikerin Susanne Kirchmayr (aka Electric Indigo) mit Theodor W. Adorno und Michel Foucault als Gewährsmänner die Interferenzen und Verknüpfungen zwischen Neuer Moderne und Populärkultur, Hoch- und Subkultur heraus.

Was aber hat es nun mit diesem Werk auf sich? Sein Reiz liegt in der großen Herausforderung, die es an die Solistin, die ausführenden Musiker einschließlich. des Dirigenten, aber auch an die Zuhörer darstellt. In fünf Sätzen für Sopran und wechselnd besetztes Orchester (die Orchestergröße reicht dabei von neun bis 57 Musikern) schafft Boulez eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit der poetischen Welt von Mallarmé, die er selbst als ein Portrait des Dichters bezeichnet hat. Da sich Boulez aber so lange (nahezu 30 Jahre) mit diesem Werk beschäftigt hat, ist es zugleich aber auch ein Portrait des Komponisten selbst.

Marisol Montalvo © Oliver Wilkens
Marisol Montalvo
© Oliver Wilkens
Zwischen den beiden instrumental dominierten Ecksätzen Don und Tombeau stehen drei Improvisationen über Mallarmé-Texte, die von der Sopran-Solistin nicht nur eine agile Kehle verlangen, sondern auch größtes Ausdrucksvermögen. Genau ein solches machte die Interpretation von Marisol Montalvo, die das Werk auswendig vortrug, zum Höhepunkt des Abends. Mit ihrem an neuer Musik gestählten Sopran brachte sie mit sauberer Intonation und fein abgestufter Dynamik die schwierige Partitur über die Rampe. Bereits mit ihrer ersten Gesangslinie im ersten Satz zog sie die Zuhörer mit ihrer feinen Gestensprache, mit der sie ihren Gesang begleitet, in ihren Bann und bot dadurch eine performative Dreingabe, die zwar vom Komponisten nicht so gefordert ist, aber den Interpretationsspielraum der Komposition um ein weiteres Element erweitert. In den drei Improvisationen über Mallarmé zeigte sie des Weiteren, welche großartigen stimmlichen Möglichkeiten sie besitzt. Die reichverzierten und über fast drei Oktaven reichenden Gesangslinien zeichnet sie mit größtem Einfühlungsvermögen und interpretatorischem Gespür.

Über ein solches Gespür verfügte auch das ORF Radio-Symphonieorchester unter Cornelius Meister. Ohnehin eine sichere Bank, wenn es um sogenannte Neue Musik geht, überzeugte das Orchester wiederum durch eine souveräne Kenntnis der Partitur. Ein besonderes Lob hat sich dabei das Schlagzeug-Register verdient, welches in Wien wohl ohne Konkurrenz ist. Es ist einfach schön zu hören, mit welcher Akkuratesse und Genauigkeit hier musiziert wird. In den klein besetzten Sätzen fiel dabei auf, wie detailverliebt Meister, die Einsätze gestaltete und evozierte. Im groß besetzten Schlusssatz ließ er dann schließlich das Orchester voll aufblühen, ohne aber die klanglichen Grenzen des großen Saales des Konzerthauses zu sprengen.

Nicht nur ein gelungener Eröffnungsabend für das diesjährige Wien Modern-Festival, sondern auch eine großartige Verbeugung vor einem der herausragenden Komponisten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

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