Solch eine Klanggewalt kann man nur im Konzertsaal erleben: das Ohr erhält Hilfe vom Auge, um alle eingesetzten Instrumente zu erfassen und vom ganzen Körper, der mitvibriert in harmonierenden Schallwellen. Was mit Rudolf Eschers Passacaglia bombastisch, überrumpelnd, frech und frisch begann und mit den letzten Takten von Debussys Nocturnes auch wieder subtil klangschön endete, war ein Konzerterlebnis der besonderen Art.

Leila Josefowicz © Chris Lee
Leila Josefowicz
© Chris Lee

Das Concertgebouw Orchester unter Matthias Pintscher feierte seinen seelenvollen Klang an gelebter niederländischer Musikgeschichte mit Rudolf Eschers groß besetztem wuchtigen Orchesterwerk aus dem Jahre 1946, das dieser seinem Kompositionslehrer Willem Pijper widmete. Es beginnt mit einem langen Bassklarinettensolo, einem Lamento mit vielen Anläufen auf eine sehr leise beginnende Begleitung aus dem Orchester, bis zu deren Ende die geteilten ersten Geigen einen Kontrapunkt entwickeln. Danach legen die Celli einen Klangteppich zu dem erst die Flöte, später dann die Oboe ihre Soli geben. Es entfaltete sich ein Spiel der Klangfarben: ein Hornsolo, Hollywoodstreicher und ein Solo des Sopransaxophons, welches mit seiner Eleganz hervorstach. Die Klangorgie erreichte ihren Höhepunkt mit einem massiven Blechbläserchor plus Orgelbegleitung, welche massiv und klanggewaltig aus dem Orchester heraustönte.

Das Hauptwerk dieses Abends war das Zweite Violinkonzert Mar‘eh von Matthias Pintscher. In einem Interview für die Digital Concerthall der Berliner Philharmoniker erklärte der in Marl geborene Pintscher seine kompositorische Entwicklung hin zur Einfachheit. Pintscher möchte angesichts der Überkomplexität der heutigen Zeit Phrasen aussingen lassen und dem Fluss der melodischen Entwicklung Zeit geben, um zu atmen. Seiner Ansicht nach kann jeder Musik schreiben, es gelte aber der Klang. Ihn interessiert die Klangfarbe als Phänomen. Als Dirigent geht es ihm nie darum, nur den Takt zu schlagen; ihn faszinieren vor allem das physische Umgebensein und die Körperlichkeit von Klängen. Genauso wie Gustav Mahler versucht er sich die Sommer zum Komponieren frei zu halten, da seine rege Dirigententätigkeit sonst dafür keinerlei Raum lässt. Pintscher ist nämlich nicht nur ein gefragter Gastdirigent, sondern unter anderem auch Chefdirigent des Pariser Ensemble Intercontemporain. Als aufmerksamer, fleißiger Sammler lässt er sich durch das inspirieren, was er in der Probenarbeit mit den verschiedenen Orchestern hört. Diese Klangerlebnisse sind seiner eigenen Aussage nach die Bausteine, die sein Komponieren generieren.

Sein Violinkonzert aus dem Jahre 2011, welches er vier Jahre später noch einmal überarbeitete, ist Luigi Nono gewidmet, den der heute in New York lebende Pintscher sehr bewundert. Auch mit Nono gibt es Übereinstimmungen. Neben demselben Geburtstag ist das vor allem die Suche nach Mehrschichtigkeit und Vielfältigkeit in einem einzigen Ton. Es geht Pintscher um die Sehnsucht, sich im Leben zu bewegen und in Bewegung zu bleiben und dies in einem einzelnen Ton zu zeigen.

Leila Josefowicz war die ideale Solistin für dieses unkonventionelle Werk. Sie begann mit einem sehr hohen Flageolett, das mit geflüsterten Noten der Altflöte und einem der drei eingesetzten Tamtams (Gong) begleitet wurde. Ihre Noten bekamen Echos aus dem ganzen Orchester, bevor sie zu einer Melodie auf der G-Saite ansetzte. Dann folgte wieder ein Gongklang, der langsam aufstieg und geheimnisvoll anwesend blieb. Josefowicz erzählte mit glasklaren Tönen und gestaltete die folgende minimalistische Kadenz sehr überzeugend. Der nächste wilde Abschnitt des einsätzigen Konzerts bot mit seinen energischen Strichen und schnellen Trillerpassagen einen inspirierenden Gegensatz zum bisher Gehörten und endete in einer langen Kadenz, die Josefowicz sehr spannend aufbaute, wobei ihr der Konzertmeister mit zwei Flageoletten half. Das Violinkonzert endete wie es begann mit Geigenflüstern in den höchsten Regionen auf einem verklingenden Gongteppich.

Nach der Pause erklang als Niederländische Erstaufführung Twill by Twilight (1988), welches Toru Takemitsu in memoriam für den 1987 verstorbenen Morton Feldman komponiert hatte . Über dem Fundament der sehr präsenten Bässe wogten die immer gleichen Akkorde in wechselnden Farben des Orchesterspektrums. Klangschön stiegen aus diesem Klangmeer unter anderem die Hörner, das Vibraphon und Streichertremoli heraus. Es gab in dieser architektonisch konzipierten Musik viel Zeit, um Klänge aufzubauen und ausklingen oder sich leicht verändern zu lassen. Man fühlte sich in ein großes lichtdurchflutetes Gebäude versetzt, mit Ausblick auf Wasserspiele in den angrenzenden Gartenanlagen.

Die das Programm abschließenden Trois Nocturnes von Claude Debussy begannen in den Nuages mit einem eindringlich vorgetragenen Englischhorn-Solo. Die sich danach aufbauende Stimmung wurde dem Titel nicht immer gerecht, es fehlte das andauernd Geheimnisvolle, das sich Verändernde in dieser Interpretation, die durch den allzu präzisen Taktschlag Pintschers nicht ins Schweben geriet. In den Fêtes stimmten Rhythmus und Klarheit, den Tempoübergängen fehlten aber der Charme und die Grazie, die den musikalischen Impressionismus so auszeichnen kann. Auch in der dritten Nocturne, Sirènes, wollte sich lange keine überirdische Atmosphäre einstellen, bis sich ganz am Schluss endlich die Chorstimmen mit dem Sordinoklang der Streicher mischten und so ein an Tonfarben reiches Konzertprogramm adäquat ausklingen ließen.

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