Verdis letzter Opernstreich Falstaff ist gleichzeitig eine Wiederbelebung der Opera buffa, mit der der über achtzigjährige Ruheständler die komische Oper zurück zu alten Glanzzeiten wie bei Rossini führte. Dass Falstaff auch konzertant seinen spitzbübischen Charme behalten kann, zeigte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in der Münchner Philharmonie unter der Leitung von Daniel Harding zusammen mit einem großartigen Ensemble, angeführt von Sir Bryn Terfels grandiosen Falstaff.

Barbara Frittola (Alice Ford) und Bryn Terfel (Falstaff) © Peter Meisel
Barbara Frittola (Alice Ford) und Bryn Terfel (Falstaff)
© Peter Meisel
Ein wenig schauspielerischen Freiraum hatten die Sänger trotz konzertantem Rahmen schon, da Harding sie hinter dem Orchester platzierte und so eine kleine Spielfläche entstand, die das auswendig singende Ensemble vollkommen ausnutzte. Egal ob Damenquartett oder die Herren angeführt von Christopher Maltman als Ford, die Solisten sprühten vor Spielfreude und nutzten jede Chance, um den Witz in Verdis Oper zu betonen. Dabei machten sie auch vor Dirigent Harding nicht halt, der im Finale des ersten Aktes von einem Falstaff, der bereits einmal komplett um die Bühne der Philharmonie gespurtet war, einen kleinen Klaps auf den Rücken bekam.

Bryn Terfel gelang der trinkfreudige und schlitzohrige Lebemann, der von einer Erniedrigung zur nächsten eilt, in einer furiosen Interpretation, die seinem Ruf als aktuell einem der besten Falstaff-Interpreten gerecht wurde. Terfel verlieh seinem Falstaff ein raues Timbre, das er gerne mit markanten Fortes und deutlichen Akzenten ausstattete. Er scheute sich nicht, seine Vorstellung auch mal mit unschönen Tönen zu würzen – ein übertriebenes Falsett, um Alice Ford zu imitieren, oder ein tief gegrummelter Fluch geben seiner Vorstellung den komödiantischen Charakter. Taucherbrille und Schnorchel, die Terfel nach Falstaffs Fenstersturz in die Themse aufsetzt, runden die Vorstellung ab.

Christopher Maltman, der es als Gegenspieler Falstaffs gleichzeitig auch mit den Intrigen seiner Frau zu tun bekommt, wirkte auch stimmlich wie ein Gegenpol zu Terfel. Sein Bariton ist dunkler und klarer im Ton, sein Falsett sanft und ruhig und sein Forte rund und kräftig. Die lustigen Weiber von Windsor gaben unter der Führung von Barbara Frittoli als Alice Ford eine bitterböse Truppe ab, bei der man merkte, dass die Chemie stimmt. Mit vollem Sopran, der über einige dunkle Farben verfügt, gab Frittoli eine grandios freche Alice. Ebenfalls nicht unerwähnt bleiben darf Laura Giordano als Nannetta, die der Interpretation mit klarem, jugendlichem Sopran einige Spitzentöne voll ehrlicher Emotion schenkte. Martin Mitterrutzner als Fenton klang einerseits schwärmerisch verliebt, konnte aber emotional nicht ganz überzeugen. Allerdings verband sich sein helles Timbre gut mit dem Giordanos.

<i>Falstaff</i> © Peter Meisel
Falstaff
© Peter Meisel

Falstaff war Verdis zweiter Versuch im komischen Fach, nachdem seine erste Opera buffa Un giorno di regno 1840 katastrophal durchgefallen war. Umso mehr sprüht die Musik vor kraftvoller Dynamik und Energie. Gerade die wusste Daniel Harding effektvoll in Szene zu setzen und ließ es an der ein oder anderen Stelle gerne krachen. Dabei allerdings war seine Interpretation mehr als nur Effekthascherei, sondern ein sehr aufs Detail bedachter und mit den Sängern fein abgestimmter Vortrag, der die komödiantischen Vorlagen des Ensembles in das Orchester übernahm. Überspitzt herausfahrende Posaunen oder grobe Einwürfe der Streicher bildeten ein sehr stimmiges Gesamtsamtbild, wobei sich Harding bei teils rasanten Tempi stets auf die Qualität der Musiker verlassen konnte, die technisch brillierten.

Dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gelang mit Verdis letzter Oper ein Abend voller Klamauk und Intrigen und bot einen Falstaff auf allerhöchstem musikalischen Niveau, der Dank des spielfreudigen Ensembles rund um Bryn Terfel jegliches Bühnenbild überflüssig machte.

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