Charles Gounods Faust gehört zu den musikalischen Herausforderungen in der Opernliteratur. Die Musik ist nicht eindeutig zu ordnen, sie changiert, verbindet in ihrer Sprache Verdi, Puccini und Wagner und ist dabei, trotz solcher Anklänge, eigen, unverwechselbar. Szenisch kann die Handlung eher unproblematisch umgesetzt werden. Sie ist vorgegeben, orientiert sich in weiten Teilen an Goethes Vorlage. Der entscheidende Unterschied: die Oper verzichtet auf das grüblerisch Deutsche.

René Pape (Méphistofélès) © Monika Rittershaus | Staatsopher im Schillertheater
René Pape (Méphistofélès)
© Monika Rittershaus | Staatsopher im Schillertheater

Sie weicht davon ab, ist dem Leben, den Emotionen näher, sie ist französischer. Faust ist kein Gelehrter auf der Suche nach den Antworten auf die großen Fragen, kein „Habe nun ach...“. Hier erleben wir einen alten Mann, der, unsicher auf den Beinen, zu stürzen droht, einen Greis, der mit Gleichgewichtsstörungen herumtapert. Er ist in sein Zimmer mit niedriger Decke eingezwängt, die ihn zu gebückter Haltung zwingt; ein Holzkasten einzig mit einem Stuhl möbliert. Hier lamentiert Faust, verbittert über die verlorene Jugend und die Wonnen der Liebe, die er wohl noch nie so recht erlebt hat. Und Mephisto hält keinen Dialog mit Gott: „Da du o Herr Dich wieder einmal nahst...“ – nein, Mephisto geht seinem Job nach.

Das Kleinräumige im ersten Akt setzt sich in Margaretes Wohnung fort, einem winzigen beweglichen Haus, hell-naiv freundlich bemalt, als gehöre diese Dekoration zu einer Kinderoper. Die Inszenierung, in Weimar gestartet und zweimal weiter entwickelt oder besser korrigiert, scheint mir auch jetzt noch in den ersten beiden Akten nicht gelungen. So ist der Auftritt der Soldaten zu Beginn mit gestischer Entschlossenheit, nach ihrer Rückkehr mit zappeligen Gesten als Krüppel zweifelhaft und das Erscheinen der Kurtisanen, mit dem Faust im dritten Akt die Wonnen erotischen Lebens vorgeführt werden sollen, nicht verführerisch sondern eher bieder deutsch. Insgesamt aber sind dritter und vierter Akt in Spannung und Ausstrahlung gelungen, die Bühne ist großräumig geweitet und bietet so Platz für die großen Auftritte des Chores. Die Inszenierung Karsten Wiegands hat Schwächen; sie ist dennoch im Vergleich mit dem Spektakel nur wenige hundert Meter entfernt in der Deutschen Oper angenehm. Philipp Stölzl hat dort kurz zuvor seine Basler Inszenierung von 2008 neu belebt und zu einem schnellen Bilderbogen von Hits arrangiert – viel Firlefanz und Maskentheater um einen Turm, arrangiert mit Autoscootern und Fahrrädern; Margarete verendet an der Bismarckstraße durch eine Giftspritze.

Dieser zweite Faust an der Berliner Staatsoper im Schillertheater konzentriert sich auf die Musik. Er wurde zu einem großen Abend mit Simone Young am Pult. Sie gehört zu den großen Dirigentinnen der Gegenwart und kann sich nach ihrem Abschied als Intendantin der Hamburgischen Staatsoper voll ihrer künstlerischen Arbeit widmen. Sie scheint von diesem Amt als einer administrativen Bürde wie erlöst. Simone Young machte diesen Abend zu einem ein musikalisch ergreifendem Erlebnis und zeigte, wie sehr die Staatskapelle unter Barenboim ein grandioses Opernorchester ist, mit Wagner als Schwerpunkt und zugleich mit solistischen Glanzleistungen, die im Faust besondere Bedeutung haben, ob nun Celli, der sinnliche Klang der Klarinette, das Violinsolo, die gezupften Harfentöne, die weiträumige, filigrane Hornkantilene. Die Wiederholung von Margaretes Walzerpassage im vierten Akt geschah schwebend im Pianissimo. Simone Young erweckte diese Zartheit ergreifend.

Marina Poplavskaya als Marguerite © Monika Rittershaus | Staatsopher im Schillertheater
Marina Poplavskaya als Marguerite
© Monika Rittershaus | Staatsopher im Schillertheater

Im Kontrast dazu war sie zupackend, auffordernd, entwickelte das Gespür für die Charaktere. Die Solisten folgten ihr – Pavol Breslik als ein lyrisch eindringlicher Faust auch in den Höhen klar, der in wahrer Liebe erglüht und von Mephisto gedrängt werden muss. Tatiana Lisnic, neu besetzt, erweist sich als Glücksfall: Ihre Verwandlung ist gesanglich ein Glanzstück; der Zuhörer erlebt, wie sie vom schüchternen Mädchen, das rührend das Lied vom König von Thule singt und zaghaft die Blütenblätter vorträgt mit der Erwartung, Faust könnte sie lieben, bis zur leidenschaftlichen jungen Frau, die den Geliebten herbei sehnt. Der Mephisto von René Pape war von dieser Welt, ein durchtriebener Kerl mit Sonnenbrille und mit Freude am Gefühlsarrangement. Er trieb mit Lust an. René Pape in einer seiner besten Rollen beherrschte gestisch und vor allem stimmlich die Figur in ihrer Breite, von der Ironie bis zur vernichtenden Schärfe der Verdammnis – in Ornat als beißende Anklage gegen die Kirche.

Die gelungene Besetzung wurde ergänzt durch Alfredo Daza als Valentin, Margaretes Bruder, den ich gerne in größeren Rollen wiedersehen und wieder hören würde, Stephan Rügamer als den alten Faust, Marina Prudenskaja als junge Faust-Verehrerin Siebel stimmlich wie körperlich zu dominant, und Constanze Heller, die Mephisto vergeblich zu verführen sucht. Das aber geht diesem Teufel – wie bei Goethe – denn doch zu weit.