Mit La fille du régiment bot die Wiener Staatsoper ein Schmuckstück der französischen komischen Oper. Wie viele Geschichten gibt es, die von Liebe und Krieg handeln, doch kaum eine ist so erheiternd wie jene von Donizettis Regimentstochter. Einer mitreißenden Fahrt auf einem Karussell gleich entführten die Akteure das Publikum in ein Tirol um 1815 in einer Produktion, als Antrieb die Sopranistin Julie Fuchs agierte. Erfrischend anders ist eine Protagonistin, die nicht zu Dramatik, sondern Rustikalität neigt, die Hemden bügelt und Kartoffeln schält, anstatt ihre Exaltationen zu pflegen. Und ebendiese burschikose Kämpfernatur verliebt sich in ein Tiroler Bürschlein. Da ist Unterhaltung gesichert.

Julie Fuchs (Marie) und Chor © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Julie Fuchs (Marie) und Chor
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper

Den Rahmen für die Handlung bildete eine Ausstattung von Laurent Pelly, die bereits 2007 in der Staatsoper ihre Premiere feierte. Diese klassische, gewinnende Inszenierung ist vielen bereits aus Fernsehadaptionen bekannt und nicht umsonst seit Jahren beim Publikum beliebt. Die Kostüme sind traditionell, aber für jede Rolle durch feine Details charakterisiert. Die schlicht schöne Bühne bietet reichlich Raum für Späße der Regie, die vor allem den teilweise ausgedehnten Rezitativ-Stellen mehr Würze verlieh.

Das visuelle wie akustische Zentrum bildete die Französin Julie Fuchs als Titelheldin. Die Rolle der Marie scheint für sie maßgeschneidert zu sein, sowohl in Stimme, Sprache und Auftreten. Wie ein junger Vogel meisterte sie die zahlreichen Koloraturen im ersten Akt. Vom ersten Ton an war ihre Höhe mühelos und ohne jede Schwere; weder eine Aufwärm- noch Erholungsphase schien diese anspruchsvolle Partie ihrer Stimme abzuverlangen. Ihre Kunst zeigte sich in vielen Facetten, so war etwa ihr Vibrato selbst an den höchsten Stellen noch vollkommen kontrolliert und dadurch variierbar. Doch nicht nur die leicht-fliegenden Passagen waren vertrauter Boden für die Sopranistin. In ihrer Abschiedsarie „Il faut partir“ war ihre Führung weniger forciert und schien sich von Innen mehr Raum zu geben. Erst die letzte Klage ließ sie ganz nach außen treten, mit einer reduzierten, aber gläsern klaren Stimme. Zu diesen akustischen Wonnen bot die Sängerin ein charmant freches Schauspiel, sodass ihre Gesamtperformance keine Wünsche offen ließ.

Julie Fuchs (Marie), John Tessier (Tonio) und Carlos Álvarez (Sulcipe) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Julie Fuchs (Marie), John Tessier (Tonio) und Carlos Álvarez (Sulcipe)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Als der sie anbetende Tonio war John Tessier zu hören. Solide und einfühlsam gestaltete er seine Soli, trotzdem fehlte ihm im Vergleich zu seiner Partnerin Spannung und eine persönliche Färbung der Partie. Im oberen Ende der mittleren Lage wurde sein Gesang enger und öffnete sich an den höchsten Stellen wieder im Falsett. Sein „Ah mes amis“ brachte ihm das ein oder andere Bravo, ein begeisterter Applaus konnte sich aber nicht durchsetzten. Donna Ellens Marquise de Berkenfield zeigte Wärme und eine klare Artikulation; Carlos Álvarez in der Rolle des Sulcipe wechselte zwischen großspurig und einfühlsam. Seine rauen Weiten kamen aus einer mit den Jahren gewonnen Tiefe; sein Bariton war geerdet und gleichzeitig feinsinnig, vor allem wenn sich der Hauptmann seine väterliche Zuneigung zu Marie eingesteht. Auch die kleineren Rollen waren mit Marcus Pelz als Diener Hortensius und Ildikó Raimondi als Duchesse de Krakenthorp geschickt besetzt. Ihr ist eine eigens abgewandelte Version von Gershwins By Strauss zu Beginn des zweiten Aktes genehmigt, welche vielleicht als einziges Zuviel im Spaßtreiben der Regie gesehen werden konnte.

Die musikalische Leitung oblag Evelino Pidò, der das Staatsopernorchester mit leichter Hand, Elan und frischem Wind führte. Den Bläsern wurden trotz schmaler Besetzung viele Aufhorch-Momente zuteil und schon das einleitende Hornsolo und die nachfolgenden Spiele in den Holzbläsern ließen die erstklassige Interpretation der Musiker spüren. Ohne Druck verschaffte sich jeder der Solisten eine unüberhörbare Präsenz, die der Partitur noch klarere Konturen verlieh. Gekonnt gelangen die Wechsel zwischen rustikaler Soldatenmusik, vielschichtigen Ensembles und virtuosen Arien in der Partitur, sodass diese in ihrer Vielfältigkeit nicht separiert, sondern ergänzt schien.