Wer kennt sie nicht, die langen Umbaupausen, die gerade bei Konzerten Moderner Musik die Geduld der Zuhörer oft gewaltig auf die Probe stellt. Das Ensemble Insomnio aus Utrecht hatte für sein Konzert im Amsterdamer Muziekgebouw eine vorbildliche Lösung für dieses Problem gefunden: Von den Solisten wurden in den drei Umbaupausen über einen großen Videoschirm vorab aufgenommene Einführungen über die nachfolgenden Stücke gegeben.

Insomnio
© Bastiaan van Musscher

Das Ensemble Insomnio wurde 1997 gegründet. Seine Musiker haben sich in einer Vereinigung zusammengeschlossen, wobei ihr künstlerischer Leiter und Dirigent Ulrich Pöhl als Direktor fungiert. Damit sind alle Mitglieder mitverantwortlich für die künstlerische Qualität und die vielfältige und anspruchsvolle Programmgestaltung. Für ihr neues Programm Solo/samen (=Tutti) hat Insomnio drei zeitgenössische Solokonzerte zusammengefügt, darunter eines für E-Gitarre. Die Musiker wechselten sich als Solisten ab, während sie in den anderen Stücken wieder Teil des Kollektivs waren. „Auf diese Weise untersucht Insomnio eine zu weit gehende Individualisierung und plädiert für Solidarität und Gemeinschaftssinn“, stand im Programmbüchlein darüber zu lesen.

Im allgemeinen unterstütze ich ein solches Plädoyer von ganzem Herzen, aber in der Musik gibt es Unterschiede zwischen den Aufgaben von Solisten und Ensemblespielern. Michel van der Aa hatte 2019 seine Komposition akin für die hervorragende Geigerin Patricia Kopatchinskaja und die ebenso berühmte Cellistin Sol Gabetta geschrieben. In der gestern erstmalig gespielten Ensembleversion übernahmen Mieko Kanno und Charles Watt die Solistenstimmen. Ihr Musizieren war, obwohl zurückhaltend bescheiden, immer akribisch akkurat ein gleichberechtigter Teil der spritzig-stürmischen und feurig-rhythmischen Komposition, in der nach einer Harfeneinleitung vor allem die sechs heroisch tönenden Blechbläser zusammen mit ihren zwei Schlagzeugkollegen das Klangbild beherrschten. Die Solisten waren wie auch ihre Kollegen bei der Uraufführung elektrisch verstärkt, was der Klangschönheit leider etwas Gewalt antat. Trotz alledem blieb Kanno zu Anfang des zweiten Teils ruhig und selbstsicher, als ihr die E-Saite brach und sie diese hinter der Bühne ersetzen musste. Die äußerst erlebnisreiche Partitur von Van der Aa’s akin verdient es in dieser neuen, einfacher zu produzierenden Version ein noch größeres Publikum zu erreichen!

Ulrich Pöhl dirigiert Insomnio
© Bastiaan van Musscher

In seinem Konzert Abondoned time aus dem Jahre 2004 erinnert sich der japanische Komponist Dai Fujikura an den Schlafsaal seiner High School in England, wo alle Jungs E-Gitarre spielen wollten, um Mädchen zu beeindrucken. Martine Sikkings erstes Instrument ist die Mandoline. Umso beeindruckender war es, sie ganz selbstverständlich mit bekannten Spieltechniken aus der Rockmusik mit einer E-Gitarre auftreten zu sehen. Kanno saß nun wieder im präzise begleitenden Ensemble.

Das Klavierkonzert Islands von Luca Francesconi war in seiner Klangfarbenpracht wohl das beeindruckendste Werk des Abends. Das mit nur zwölf Musikern besetzte Stück begann rhythmisch-geheimnisvoll mit diversen Schlagwerkaktionen, virtuos und konzentriert-entspannt ausgeführt von Mei-Yi Lee und Galdric Subirana. Daraus entwickelte sich mit der Solistin Laura Sandee als prima inter pares ein spannendes, immer komplexer werdendes swingendes Musikspektakel, in dem rockende Rhythmen, melodische Ideen und überraschende Harmoniewechsel einander kurzweilig abwechselten.

Den Abschluss des Abends bildete James Woods De telarum mechanicae, komponiert im Jahre 2007. Webstuhl, gemäß der deutschen Übersetzung ist ein Konzert für Ensemble, in dem alle Spieler einzeln und als Solistenduos zusammenspielten. Pöhl gelang es effektiv, die von der Partitur geforderten 15 Musiker, worunter auch Sikking an der Mandoline zusammenzuhalten. Viel Neues oder gar Überraschendes hatte Woods Partitur jedoch nicht mehr zu bieten. Fehlte diesem Stück vielleicht doch ein auch noch so bescheidener Solist im Rampenlicht?

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