De Arriaga, Beethoven und Mendelssohn – ein gewohnter Konzertabend mit romantischer Klassik oder klassischer Romantik? Mitnichten. Ein erfrischend historisch-transparentes Sowohl-als-auch nahm die Zuhörer bei bester Unterhaltung mit auf eine abwechslungsreiche Reise vom Übergang der beiden Stilepochen. Das Freiburger Barockorchester, Solist Kristian Bezuidenhout und Dirigent Pablo Heras-Casado zeigten, wie vielfältig und differenziert gearbeitet Kompositionen dieser Zeit sind, und setzten damit ihre fruchtbare und bereits ausgezeichnete Zusammenarbeit bei ihrem Gastspiel in der Kölner Philharmonie fort.

Kristian Bezuidenhout © Marco Borggreve
Kristian Bezuidenhout
© Marco Borggreve

Zu Beginn brachte der spanische Maestro mit der Opernouvertüre zu Los esclavos felices ein Werk aus seiner Heimat mit. Aufgrund des frühen Todes Arriagas und der nahezu komplett verschollenen Kompositionsarbeit wird er bis heute unterschätzt und gilt fast als vergessen, dabei macht das Stück zur 1820 komponierten Oper schon deutlich, welchen Namen er sich hätte machen können. Auf der iberischen Halbinsel wird er freilich voller Stolz als einer der bedeutendsten Komponisten angesehen. Nach kurzer langsamer, beinahe menuetthafter Einleitung geht die musikalische Fahrt rasant los, ganz im Stil Rossinis. Der damals 14-jährige Arriaga stattete seine Ouvertüre mit Witz und Leichtigkeit aus, die das Freiburger Barockorchester auch so spielerisch herausarbeitete, dass Partitur, Form und Interpretation eine perfekte Einheit bildeten. Schneidige, transparente Streicher mit klaren Akzentuierungen, schnurrende Bässe, prominent tänzelnde Einwürfe der ersten Holzbläser, prächtige Hörner und krachende Pauken sorgten für einen tollen Auftakt und verbreiteten südländisches Flair auch ohne Kastagnetten.

Obwohl mit Hummels eher freierem, frühromantische Züge tragendem Klavierkonzert eigentlich eine perfekt passende Wahl für die geworbene Morgenröte der Romantik auf dem vormals geplanten Programm stand, erklang an seiner Stelle ein Klassiker des großen Wiener Zeitgenossen. Beethovens Drittes Klavierkonzert kann programmatisch als Aufbruch verstanden werden, wollte es um 1800 die Gattung nach Mozarts Vorbild doch in einen größeren sinfonischen Rahmen bringen. So weist es klassische Formen und neuere, etwas liberalere Elemente im Hinblick auf Motivverwendung und -verbindung, Soloexposition und Tutti auf.

Solist, Orchester und Dirigent präsentierten sich hierbei als eingespieltes Team. Kristian Bezuidenhouts Finger perlten leicht und luftig über die Tastatur, dabei weich und dennoch klar im Anschlag. Während er in den schnellen Sätzen wunderbar schnörkellos und präzise spielte, kostete er im langsamen Satz die Töne bis zum Ende aus. Es sind diese ausschleichenden Töne, die - nahezu wie Pausen - die Spannung spürbar machten. Pablo Heras-Casado hielt die Akteure mit haargenauen Schlägen zusammen, nahm das Orchester zurück und verhalf dem Hammerklavier, das nicht wie üblich und passenderweise zeittypisch in mitten des Orchesters platziert war, zu einem gut tragenden Klang, ehe er in den Orchesterpassagen den Ausbruch mit voller Kraft reaktivierte. Neben Besetzung und historischen Instrumenten kam die klassische Klangsprache auch dadurch gut zur Geltung, dass dynamische Vorgaben bei jeder Gestik Heras-Casados penibel bedacht wurden und die Tempi der Aufführungspraxis entsprachen.

Nach der Pause kam der Zuhörer in den Genuss, den romantischen „Klassiker“, Mendelssohns letzte Sinfonie, erneut in anderer Tonsprache und Klanglichkeit zu erleben. Auch diese scheinbar bekannte Form erfuhr eine programmatische Einbettung und Erneuerung, wurden nämlich erstmals alle vier Sätze der Sinfonie von Mendelssohn durch attacca-Vorgaben miteinander zu einem Miniaturzyklus verbunden. Befreit von der üblichen überdimensionierten Orchestergröße, somit transparent und flexibel und ohne störendes Dauervibrato kam dieses geläufige Werk weder langweilig noch für vielleicht jeden Zuhörer gewohnt daher. Alle Motive wurden durch die Instrumentengruppen heraushörbar artikuliert, die dafür immer wünschenswerte antiphone Aufstellung sorgte für eine hervorragende Balance und unterstützte die Wogen zeichnenden Violinen in ihrer Darstellung der rauen Gewässer. Schottland ahoi!

Sowohl die Andante-Einleitung im ersten Satz als auch die Coda im Finale meisterten die Bläser bravurös, vor allem die geforderten Oboen, Flöten und Klarinetten umschifften auch die heiklen Klippen im kurzen Vivace. Das Zusammenspiel zeichnete sich vor dem Hintergrund der Eigenheiten und besonders gekonnten Handhabung der herrlich rau-stechenden Naturhörner und klaren Trompeten durch bemerkenswerte Präzision aus, obwohl die vor der Pause gezeigte absolute Perfektion an ganz vereinzelten Stellen etwas nachließ. Zu meinem Vergnügen kamen jedoch auch die hart donnernden Pauken wieder zu gebührendem Einsatz.

Pablo Heras-Casado interpretierte die Sinfonie überaus energisch und wuchtig, verzichtete dennoch im Vergleich zu den Akzentuierungsikonen der historischen Aufführungspraxis, Gardiner und Norrington, auf überaus deutliche Schweller und dynamische Extreme. Waren die ersten drei Sätze im gemäßigteren Tempo gehalten, kulminierte die empfundene Expressivität rasend im letzten Satz.

Die inhaltlich logische Werkauswahl und stringente Programmgestaltung, mit drei Gattungen vielfältige Form sowie unterschiedliche Farbe in Kompositionen zu beleuchten, bildete einen perfekten Rahmen für das exzellente Spiel des Freiburger Barockorchesters, wobei Pablo Heras-Casado am Pult des historisch-informierten Klangkörpers wieder überzeugen und Kristian Bezuidenhout seine Klasse abermals unter Beweis stellen konnte. Wer nicht in der Philharmonie war (leider nicht voll besucht), hat etwas verpasst.



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