Etwas mehr als vier Monate ist es her, dass sich Sir Simon Rattle als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker aus Berlin verabschiedet hatte. Nun dirigierte er die Staatskapelle Berlin mit einem Programm, das er ganz nach seinen Vorlieben zusammenstellte. Zuerst traten 12 Blechbläser auf das Podium, um zur Eröffnung des Abends Giovanni Gabrielis Canzon septimi et octavi toni a 12 voci vorzutragen. Zu seiner Zeit wurde das Stück in San Marco von den Emporen gespielt. Doch Rattle ließ die Musiker in der Philharmonie nicht von hoch oben spielen, sondern verteilte die drei Quartette zu je zwei Trompeten und Posaunen als Dreieck auf dem Podium. Dass im Markusdom die Töne elf Sekunden Nachhallzeit haben, ließ sich nicht übertragen. In der Philharmonie sind es nur deren zwei, was den Stücken vermutlich ein wenig von ihrer Wirkung nahm.

Sir Simon Rattle © Oliver Helbig
Sir Simon Rattle
© Oliver Helbig

Es gibt kaum einen Dirigenten, der mit so großer Hingabe Haydn dirigiert wie Rattle. Mit Brahms weiß er, dass Haydn es war, der „unsere Musik geschaffen“ hatte, indem „er eine Sinfonie um die andere in die Welt setzte“, von denen keine der anderen gleicht. An Haydn schätzt Rattle das „Handwerksbewusstsein“, dass es dem Komponisten erlaubte, die Formen um- und weiterzubauen. In der Symphonie Nr. 86 folgt, wie gehabt, auf die Introduktion das Hauptthema – wirklich ein richtiges Thema? scheint Rattle sich und seine Musiker zu fragen. In welcher Tonart steht es? Warum hat es nur vier Takte? Fehlt dort etwas? Zeit zum Fragen hat er nicht; denn diesen zierlich-hingetupften Takten folgt eine Überleitung, die mit einem Riesen-Tamtam schließlich wieder auf eben diese vier Takte führt. Man kann solche Musik ganz trocken und quadratisch spielen. Bei Rattle klingen solche Passagen jedoch immer voller Witz und Inspiration. Man fühlte sich bei dieser Aufführung inmitten einer Verwechslungskomödie, die ihre Fortsetzung dann in dem als Capriccio bezeichneten zweiten Satz nahm. Rattle gestaltete diesen Satz als Dialog zweier Personen, die offenbar mit ihren Eigenwilligkeiten aneinander geraten sind. Allein mit welch’ unterschiedlicher Orchesterfärbung er das Eingangsthema nuancierte, wenn es die Tonart wechselte, macht klar, mit welcher Kenntnis und Sympathie er an diese Musik heranging. Er eröffnete dem Orchester in diesem Satz durchaus die Möglichkeit zum Improvisieren. Das Menuett verlor bei ihm alle höfische Zierlichkeit. Den schwerelosen Walzer des Trios kostete Rattle aus, dass es für alle im Saal eine helle Freude war. Im Finale hätte er die Sechzehntelmaschine los rattern lassen können, doch er vertiefte sich bedeutend angemessener in Haydns Kunst, alles aus einer zu Anfang gesetzten Repetiernote entstehen zu lassen.

Nach der Pause erklang Leoš Janáčeks Glagolitische Messe, die sich nicht dem Himmlischen zuwendet, sondern pantheistisch orientiert das Irdische feiert. Strahlende, aus Quinten und Quarten gebildete Trompeten- und Hörnersignale im hellen C-Dur erklingen am Anfang der Introduktion über den Streichern. Diese in der mährischen Volksmusik verwurzelte „Naturmotivik“ verknüpft alle Sätze der Messe miteinander. Und Rattle bohrte diese Grundmotivik der ganzen Messe in die Ohren seiner Hörer ein.

Janáček hat in seiner Messe nicht die lateinische Sprache verwendet, sondern auf eine altslawische Übersetzung zurückgegriffen. Um diesen Text möglichst authentisch vortragen zu können, wurde der Tschechische Philharmonische Chor Brünn engagiert, was sich als hervorragende Wahl erwies. Petr Fiala hatte ihn glänzend einstudiert. Nicht allein hauchzart, sondern im Ton zwischen sehnsuchtsvoll und zweifelnd wurde das „Věruju“ („Ich glaube“) intoniert, mit dem Janáček das Credo wie durch ein Erinnerungsmotiv zusammenhält. Kraftvoll sang der Chor dagegen das „Heilig“ im „Sanctus“.

Auch die Solisten bildeten ein stimmlich gut harmonierendes Quartett, wobei die Altistin Anna Lapkovskaja, die ihre flehentliche Bitte im „Agnus Dei“ mit großer Inbrunst vortrug, und der Bass Jan Martiník nur kurze Partien zu singen hatten. Engelhaft, wie mit Glockenklang, intonierte die Sopranistin Iwona Sobotka das „Slawa“ („Gloria“). Tenor Simon O’Neill hatte die größten Aufgaben zu bewältigen und beeindruckte vor allem, als er kraftvoll sein „Sédej o desnuju Otca“ herausschleuderte.

Hervorzuheben sind noch die beiden irrwitzigen Orgelsolos, die Christian Schmitt spielte. Mit dem ersten bereitete er schneidend die „Crucifixus“-Klage des Chores vor. Das zweite, das er in das Verklingen des „Agnus Dei“ hineinkatapultierte, war in seiner Wirkung geradezu schockierend.

Rattle, der ein ausgewiesener Kenner Janáčeks ist, trieb das Orchester in die exzessive, mitunter überschäumende Wucht dieser Musik, die den wüsten Tumult der Naturgewalten so wenig scheut, wie harsche Klänge im „Gospodi Pomiluj“, dem Kyrie. „Ich will den Leuten zeigen, wie man mit dem Herrgott spricht“, äußerte der Komponist einmal mit dem ihm eigenen Humor. Und Rattle hat viel übrig für derartige Kauzigkeiten.

Am Schluss nimmt Janáček die „Intrada“ wieder auf. Rattle fegte an diesem Schluss mit geradezu ekstatischer Gewalt noch den letzten Weihrauch und so die letzte Mystik hinweg. Er dirigierte eine Messe, die ohnehin mehr von de Frühlingssonne bestrahlt wird als dass sie dem katholischen Ordinarium Missae verpflichtet ist.

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