Die Musik von Georg Friedrich Haas ist relativ unbekannt in den Niederlanden. Es war also ein lobenswertes, aber auch riskantes Unterfangen des Holland Festivals, dem 65-jährigen Komponisten ein Portraitkonzert mit dem Klangforum Wien unter der Leitung von Bas Wiegers zu widmen. Als Veranstalter sitzt man bei zeitgenössischer Programmierung zwischen zwei Stühlen: Man möchte einerseits sein Publikum neugierig darauf machen, neues Repertoire zu entdecken, es aber andererseits nicht abschrecken. Im Falle Haas eignete sich eine Komposition aus dem Jahre 2016, um das Interesse eines breiteren Publikums zu wecken.

Mollena Lee Williams-Haas © Beatrice Behn & René Gebhardt | Holland Festival
Mollena Lee Williams-Haas
© Beatrice Behn & René Gebhardt | Holland Festival

Hyena ist ein Stück über Alkoholentzug. Der Text stammt aus der Feder von Mollena Lee Williams-Haas, der Ehefrau von Georg Friedrich Haas, die die Geschichte ihres eigenen Entzuges zu einem sehr eindringlichen, ehrlichen und zugleich unterhaltsamen Text verarbeitet hat. Der Titel bezieht sich auf das angsteinjagende Produkt ihrer Halluzinationen. – „Ich habe Hyena nicht geschrieben, weil ich meine Frau liebe, sondern weil ich sie für eine große Künstlerin halte.“ Lee Williams-Haas stand selbst als Sprecherin auf der Bühne. Sie kann auch in den traurigsten Umständen noch über sich lachen und brachte dadurch immer wieder die nötige Leichtigkeit zurück in den Saal. Sie ist eine geborene Erzählerin und kann dank ihrer präzisen Wortwahl auf überflüssige Gesten verzichten. Ihr Text spricht für sich. Ihre Geschichten sind voller unwahrscheinlicher Begebenheiten, die man ihr ohne weiteres als wahr erlebt abnimmt. Ebenso fantasiereich sind die Klänge, die Haas in neunmonatiger hochemotioneller Arbeit diesem Text hinzugefügt hatte. Haas‘ Musik bildet einen Teppich, auf dem er uns in die Straßen von San Francisco mitnimmt, zu ihren Freunden und ins Krankenhaus. Seine Musik unterstützt den Text, verstärkt äußerst subtil dessen Atmosphäre, drängt sich aber nie auf. Perfekte Konsonanten unterstreichen die teils verführerischen, teils bedrohlichen Anstrengungen der Hyäne, um Lee Williams Entzugswillen zu untergraben. Haas lässt hier auch lautmalerisch jedes Mal eine Cuíca (Reibetrommel, auch „Löwengebrüll” genannt) erklingen. Insgesamt macht Hyena mehr Eindruck aufgrund seines Textes als durch seine Musik. Laut Haas hat Hyena das schönste Happy End der Musikgeschichte, da seine Frau als Interpretin jeden Abend wieder der lebende Beweis ihres erfolgreichen Entzuges ist.

Der Konzertabend begann mit zwei Kammermusikwerken von Haas als beinahe spirituelle Erfahrung. Dazu trug sicher auch die Lichttechnik des Muziekgebouws in Amsterdam bei, die auf äußerst raffinierte Weise jedes Stück in ein anderes Licht tauchte und den Fokus jeweils auf die Ausführenden lenkte. Sayaka ist eine Komposition für Akkordeon und Schlagzeug und bekam als Titel den Namen seiner Tochter, der im Japanischen eine Erscheinungsform von Licht beschreibt. Das Akkordeon ist für Haas ein mythisches Instrument. Er sieht es als eine Adaption des Sho, einer japanischen Mundorgel, welche aus 17 Bambuspfeifen besteht. Vor allem in den höchsten Registern behält der Klang des Akkordeons eine einzigartige anmutige Leichtigkeit. Dazu passt das „Klangzeug”, wie Haas das melodische Schlagzeug vorzugsweise nennt. Auf diesen Instrumenten spielende Musiker nennt er „Klangzauberer” und genau das war auch der Eindruck, den seine knapp zehn Minuten dauernde Komposition beim Publikum hinterließ.

Alex Lipowski war hinter seinem von diversen Gongs dominierten Instrumentarium ständig in Bewegung und reagierte subtil auf den Akkordeonisten Krassimir Sterev. Vor allem die mit einem Bogen gestrichenen Vibraphonnoten vermischten sich mit den Tönen des Akkordeons zu beinahe überirdischen Klängen. Sayaka bot so viel Abwechslung und Hörfreude, dass man am Ende wie aus einer Trance erwachte und hoffte, es würde noch ein weiterer Satz folgen.

Ein modernes Solostück für Violine mit einer Aufführungsdauer von beinahe 20 Minuten ist keine leichte Hörkost. Auch hier half die Beleuchtung dem Publikum, sich auf die klar strukturierte Musik zu konzentrieren. „Ich liebe den Klang der Violine“, sagte Haas im Vorgespräch und fügte angesprochen auf die von ihm angewendete Mikrotonalität hinzu: „Ach, hören sie nicht drauf. Wenn Sie sprechen, dann benutzen Sie auch Mikrotöne in Ihrer Sprachmelodie.“ De terrae finae ist ein Ausdrucksstück, ein verzweifeltes Suchen, welches in Resignation endet. Gunde Jäch-Micko konzentrierte sich vollständig auf den Notentext und kreierte damit eine höchst meditative im Saal fühlbare Spannung. Das sich zum Ende sehr langsam aufbauende Crescendo wusste sie perfekt zu timen.

Wie auch andere Solowerke aus dem umfangreichen Œuvre des sympathischen Österreichers war De terrae finae trotz seiner Länge ein spannendes Hörerlebnis und ein überzeugendes Plädoyer für ein weiteres Entdecken seiner Musik in den Niederlanden.

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