Bei André Previns Overture to a Comedy liegen taumelnde Klangekstasen und Momente spukhafter Fahlheit nah beieinander. Bei seinem Debüt beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks würdigte John Wilson mit dem ersten Stück des Programms den Anfang des Jahres verstorbenen Dirigenten, der eben auch Komponist war. Einer, der wie alle Komponisten des Programms des Abends, die Grenzen zwischen klassischer Musik und Filmmusik auslotete und geschickt ineinander übegehen ließ. Sein großes Vorbild war dabei Erich Wolfgang Korngold, den das BR-Symphonieorchester mit seiner Symphonie Fis-Dur im Münchner Herkulessaal ebenfalls auf die Bühne brachte. Ein Komponist, der es im Konzertsaal durch sein Image als Filmkomponist stets ein wenig schwer hatte, dem aber in München momentan auch durch die Neuinszenierung seiner Oper Die tote Stadt an der Staatsoper einige Aufmerksamkeit zuteilwird.

John Wilson und Louis Schwizgebel © BRSO
John Wilson und Louis Schwizgebel
© BRSO

Auch Korngold versteckt seinen filmmusikalischen Hintergrund in seiner Symphonie nicht, die in teils ausladendem Breitbandsound noch von der goldenen Hollywood-Ära erzählt. Als Programmmusik wollte Korngold seine Symphonie allerdings nicht verstanden wissen und daher mischt sich auch viel Spätromantik in die Musik, die vor allem im Adagio der dichten Klangarchitektur früherer Komponisten wie Mahler und Bruckner folgt. Wilson entfaltete die Klangwelten des Adagios mit wunderbarer Ruhe und räumlicher Plastizität. Es war wunderbar anzuhören, wie er das Symphonieorchester mit samtigem Ton erzählen ließ, den Effekt der Musik wusste Wilson dabei fein dosiert einzusetzen. Genauso differenziert hatte das Symphonieorchester bereits zuvor das pulsierende Scherzo interpretiert, das sich immer wieder in silbrige Klangflächen verflüssigte. Im Rondo-Finale werden die Themen der Symphonie noch einmal zusammengeführt und Wilson konturierte auch hier die sanften Brüche und Übergänge gut schattiert ab.

Ganz so überzeugend gelang ihm dies bei Gershwins Klavierkonzert nicht, dass das Symphonieorchester vor der Pause mit dem jungen Schweizer Pianisten Louis Schwizgebel spielte – der zweite Debütant beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks an diesem Abend. Das F-Dur-Konzert versteckt mit seinem rhapsodisch-jazzigen Charakter seine Verwandtschaft zur berühmteren Rhapsody in Blue nicht. Doch anders als sein Vorgänger, wollte Gershwin seine Vorstellung des symphonischen Jazz noch stärker in die Formen der europäischen Kunstmusik einpassen. Drei Sätze und der nüchterne Titel Concerto in F deuten das an. In diesem Sinne ging Schwizgebel das Werk nicht als reines Virtuosenschaustück an, sondern ließ sich auf die Kontraste zwischen kleinteiligem Jazz und großer Erzählgestik ein und verband beides mit geschmeidigen Übergängen. Mit Spielwitz ging Schwizgebel die perligen Läufe des Adagios an und arbeitete sich an den messerscharfen Repetitionen im dritten Satz ab.

Diese Freude am Detail hätte man sich auch von Wilson gewünscht, der zwar sehr kleinteilig dirigierte, aber gerade deshalb dem Symphonieorchester den Raum verwehrte, den das jazzig-wilde Konzert dringend nötig hatte. Besonders offenbar wurde das bei den Soli, die eher bieder als swingend wirkten. Dennoch ließ Wilson die Musiker markant, teils arg laut agieren, sodass es bereits nach dem ersten Satz Szenenapplaus gab. Nach dem explosiven Finale des dritten Satzes überwog allerdings Ernüchterung statt Ekstase.

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