Am 16. Oktober 2016 feierte an der Wiener Staatsoper Christoph Willibald Glucks Armide Premiere, dessen Libretto von Philippe Quinault bereits 1686 durch Jean-Baptiste Lully vertont wurde. Das Werk, welches 1777 an der Opéra in Paris uraufgeführt wurde, war sehr populär, wurde später von Meyerbeer und Wagner zur Aufführung gebracht, und auch die Wiener Staatsoper wäre beinah mit Glucks Drame-héroique eröffnet worden. Umso bedauernswerter erscheint es nun, dass die Erstaufführung in Originalsprache am Haus nicht packender ausgefallen ist...

<i>Armide</i> © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Armide
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper

Der Grundgedanke des Regiekonzepts von Ivan Alexandre ist simpel: Armide wurde als ein als Frau verkleideter Mann dargestellt, der bereits in Kinderjahren in den Verführungskünsten ausgebildet wurde, um später als Sexwaffe gegen Feinde des Landes eingesetzt werden zu können. Armide verliebt sich nun aber in Renauld, den sie/er eigentlich verführen hätte sollen. Die Beziehung zwischen den beiden funktioniert deswegen nicht, weil Armide nicht so sein kann, wie er/sie wirklich ist. Die homosexuellen Anspielungen der Inszenierung sind unübersehbar, werfen jedoch eine gewichtige Frage auf: Ist männliche Liebe auf der Bühne heutzutage immer noch nichts wert? Hier ist ein durchaus innovativer Ansatz verschenkt worden, der sich letzten Endes in eine homoerotische Männerphantasie herabsenkt.

Die Bühne besteht aus einem Metallgerüst aus drei verschiedenen Ebenen in Rost und Gold, die sich ständig, teils auch gegeneinander, in Bewegung befinden, und die technisch schön umgesetzt sind. Sonst ist die Bühne wie die Ausstattung von Pierre-André Weitz generell karg, leer, minimalistisch und zudem leider nur wenig innovativ – man hat diese Art von Bühnenbild schon oft gesehen, zum Beispiel in Zimmermanns Die Soldaten bei den Salzburger Festspielen; zudem war die Ausleuchtung der Bühne äußerst dunkel.

Stanislas de Barbeyrac (Renaud) und Gaëlle Arquez (Armide) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Stanislas de Barbeyrac (Renaud) und Gaëlle Arquez (Armide)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper

Genauso minimalistisch wie die Bühne und das Licht fällt auch die Personenregie aus, die gleichsam anachronistisch wirkt, so wenig wurden die einzelnen Charaktere in Szene gesetzt und entwickelt. Die einzige Bewegung entsteht durch die Statisten, teilweise den Chor, der ansatzweise schwarz geschminkt ist und vor allem die hervorragende Balletttruppe, der es immer wieder gelang, den dem Werk angemessenen Ausdruck auf die Bühne zu bringen. Einzig das Finale mit dem kalten Feuerwerk auf der Bühne und dem durch Nebel scheinenden, gleißenden Gegenlicht war ein szenischer Einfall, der dem Werk und der Staatsoper gerecht wurde.

Das von Marc Minkowski dirigierte Orchester Les Musiciens du Louvre stellte sich den Herausforderungen der Partitur mit der gewohnten Professionalität, war für das Werk aber letztlich zu groß besetzt und wurde von Minkowski zwar farbenfroh und dynamisch, aber dennoch viel zu symphonisch dirigiert. Darunter litten vor allem die lyrischen Passagen der Sänger teilweise sehr und es entstand insgesamt der Eindruck eines zu wenig differenzierten Dirigats.

Stephanie Houtzeel (Hass) © Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Stephanie Houtzeel (Hass)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper
Ein musikalischer Lichtblick des Abends war der Auftritt des Hasses (brilliant: Stephanie Houtzeel), der Armide im dritten Akt von der Liebe zu Renauld zu befreien versuchte. Dies stellt auch den Initialpunkt für die langsame Wandlung der Armide (Gaëlle Arquez) dar, die sich mit der von da an zögernd entwickelnden Inszenierung aus ihrer anfänglichen Schockstarre zu befreien schien. Auch wenn man bei der Rachearie im fünften Akt immer noch deutlich merkte, dass ihr lyrischer, weicher und vor allem in den hohen Lagen wunderschön samtiger Sopran für die Dramatik der Szene nicht ausdrucksstark genug war, so schaffte sie es doch ab dem vierten Akt sukzessive, sich sängerisch und darstellerisch über den Rest des Ensembles zu erheben.

Ihr Liebhaber und Partner auf der Bühne, Renaud (Stanislas de Barbeyrac), war weder hervorragend noch unterdurchschnittlich; er meisterte seine Partie mit Leichtigkeit, ohne aber durch außergewöhnliche musikalische oder schauspielerische Akzente zu glänzen. Der Rest des Ensembles stand ihm dabei in nichts nach.

Bekamen Minkowski und die Sänger am Ende der Vorstellung noch genügend Beifall, so mischten sich dem Applaus für Regisseur Alexandre zahlreiche Buhrufe bei. Letztlich blieb der Eindruck eines „schade ums Werk“, und so bleibt nur zu hoffen, dass zukünftige Inszenierungen dieses hervorragenden Stücks dessen Qualitäten wieder besser zur Geltung bringen können.