Zur Feier seiner 50-jährigen Zusammenarbeit mit den Göteborger Symphonikern interpretierte der schwedische Dirigent Herbert Blomstedt das Deutsche Requiem von Johannes Brahms. Zusammen mit den Solisten Miah Persson und Tobias Berndt und dem phänomenalen Symphonischen Chor der Stadt hob er vor allem den hoffnungsvollen Charakter dieser Totenmesse hervor.

Herbert Blomstedt © Martin U. K. Lengemann
Herbert Blomstedt
© Martin U. K. Lengemann

Chor und Orchester nahmen ihre Plätze ein, im Saal wurde es langsam dunkel und auch das letzte Hüsteln verstummte nun. Angespannt und neugierig war die Stimmung und Maestro Blomstedt wusste diese Erwartung voll auszukosten. Schließlich betrat der ehrwürdige Mann gefolgt von den beiden Solisten mit festem Schritt die Bühne und ließ sich dabei mit keiner Geste anmerken, dass er nächstes Jahr seinen 89. Geburtstag feiert. Mit dem Heben seines Taktstockes steig auch schon die Musik auf. Gedämpfte Farben strichen Bässe und Celli einleitend, doch diese Tiefe wurde gleich mit dem ersten Ton des Chores erhellt: „Selig sind...“ Schon nach diesen wenigen Augenblicken wurde einem bewusst, dass Blomstedt auch in den dunklen Nuancen dieses Werkes den hoffnungsvollen Funken immer finden wird, der wohl auch im jungen Brahms geglüht haben muss.

Die starken Stimmen des schwedischen Chores standen ihm bei dieser Aufgabe unterstützend zur Seite und folgten jeder seiner Deutungen mit größter Bedacht. So verlangte er zu Beginn des zweiten Stückes etwa eine mächtige Lautstärke, um die Vergänglichkeit des Menschenlebens, die hier besungen wird, noch zu bekräftigen. Mit einem sanften Schlenker nahm er dann die Wucht aus der Musik und schon führten Flöten und Streicher mit einer süßen Melodie seine Bewegung fort. Selbst das Schlagwerk folgte mit Präzision und so passte sich auch der Paukenschlag scheinbar mit größter Leichtigkeit an die wendige Dynamik der Stimmen an. Einzig in der anspruchsvollen Fuge des dritten Stückes fielen die Stimmen kurzzeitig auseinander, während die von oben erklingende Orgel ihre Konstanz weiterführte und schließlich auch den anderen Stimmen wieder Halt gab.

Der deutsche Bariton Tobias Berndt gestaltete sein Solo mit bauchigem Klang und guter Artikulation. Als der Chor in seine Hilferufe mit einstimmte und aus der stillen Ergebenheit wilde Erregung wurde, konnte sich sein Klang auch mit gesteigertem Vibrato nicht mehr durchsetzen. In der Offenbarung des zweiten Teils beschwor er allerdings wieder die nötige Dramatik herauf, und als er sein Geheimnis enthüllte, war ihm die Aufmerksam aller sicher. Im Sopransolo über Trost und Traurigkeit zeigte Miah Perssons junge Stimme die nötige Zartheit für das Überirdische dieser Komposition und konnte sich durch die markant helle Höhe mühelos gegen die Vielstimmigkeit des restlichen Klangkörpers durchsetzen. Einzig etwas mehr Reife hätte man sich persönlich gewünscht, um die starken Worte ihrer Partie noch mehr zu verinnerlichen und mit der geforderten Tiefe und Behütetheit zu singen.

„Sehet mich an: Ich habe eine kleine Zeit Mühe und Arbeit getan und habe großen Trost gefunden. Ich will euch trösten, wie Einen seine Mutter tröstet.“ Die Texte, die Brahms selbst aus der lutherischen Bibel zusammengestellt hat, lassen den hoffnungsvollen Glauben des Komponisten erkennen, der auch in seiner Musik Form angenommen hat. Im zweiten Teil des Werks ist von der Trauer kaum noch etwas zu spüren und die Zuversicht nimmt überhand. Dies wussten auch die Musiker zu vermitteln, als die fast 100 Stimmen des Chors dem Tod aus voller Kehle trotzten. Es trieben die Streicher voran, die Bläser vervollständigten die Harmonie und man fühlte sich von der Kraft der Interpretation animiert und beglückt.

Das letzte Stück erklang, erstrahlte, verklang, verschwang und verschwand. Das Ende des Requiems gestaltete Herbert Blomstedt wie den Beginn: mit einer spannungsvollen Ruhe, derer er allein Herr war. Er forcierte die Hörenden zu einem Innehalten und gönnte damit gleichzeitig einen Augenblick des bewussten Aufhorchens, den man sonst wohl versäumt hätte.