Im 18. Jahrhundert war das Sujet der munteren Komödie so beliebt, dass auch Johann Wolfgang von Goethe nicht umhinkam, sich der Thematik anzunehmen und mit seinem befreundeten Komponisten Philipp Christoph Kayser 1787 ein eigenes deutsches Singspiel nach italienischem Buffa-Stil zu kreieren. Da Mozart dem nicht nachstehen sollte, machte dessen Entführung Goethes Variante Scherz, List und Rache vergessen. Resigniert erinnert er sich in seiner Italienischen Reise: „Alles unser Bemühen ging verloren, als Mozart auftrat. Die Entführung aus dem Serail schlug alles nieder, und es ist auf dem Theater von unserem so sorgsam gearbeiteten Stück niemals die Rede gewesen.“ Solche untergegangenen Schätze auszugraben, bemüht sich stets Werner Ehrhardt mit seinem Ensemble l'arte del mondo, die dem Werk aus Anlass des 270. Geburtstages der Dichtergröße vollständig neues Leben einhauchten.

Florian Götz (Doktor), Annika Boos (Scapine) und Cornel Frey (Scapin) © peuserdesign
Florian Götz (Doktor), Annika Boos (Scapine) und Cornel Frey (Scapin)
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Vollständig deshalb, weil die Oper 1993 unter Hermann Dechant ihre neuzeitliche Uraufführung ohne komplette Orchestrierung erlebt hatte. Dazu noch in stark gekürzter Form, obwohl auch Ehrhardt nicht die üblichen vier Stunden realisieren konnte. Inhaltlich kann man es dagegen getrost rudimentär halten: Wir werden in einem „Dreipersonenintermezzo“ mit dem juvenilen Liebespaar Scapine und Scapin bekannt gemacht, dem der alte in Venedig residierende Doktor in die Quere der finanziell sorgenfreien Zukunftsplanung kommt. Er schafft es nämlich, sich durch eine Rufmordkampagne das ihnen zunächst vermachte Erbe der vermögenden Tante zu erschleichen, das sich die jungen Turteltauben allerdings durch eine tückische Revanche zurückholen. Scapin gelingt als eingekleideter Diener der Zugang in die Anwesen-Praxis, Scapine soll dem Erbgauner als Patientin Kopf und Gewissen verdrehen, indem sie bei Gelegenheit Medizinbüchsen umetikettiert, um dem Arzt in seiner rezeptionellen Heilbehandlung eine „Kunstfehler“-Vergiftung vorspielen zu können. Nach Scapines vorgetäuschtem Tod erpresst Scapin Schweigegeld und Entschädigung für die Drecksarbeit, die angebliche Leiche verschwinden zu lassen, die Gespielin selbst als Geisterscheinung den zur Rückholsumme restlichen Vergebens-Ablass.

Erfreulich übersichtlich, genauso wie die Bühne in dieser von Igor Folwill platzierten Halbszenerie, auf der das Orchester Platz genommen hatte. Hinter ihm die Leinwand mit projiziertem Wolkenhimmel, ebenfalls an den Seiten, davor drei Stühle mit entsprechendem Bezug. In der linken Ecke der Medizinschrank, gleichzeitig Hausbar, gegenüber neben der Tür ins (Be-)Handlungszimmer ein Prunkgesäßpflanzer, auf dem sich Scapin das Schauspiel ab und zu beguckte. Von Bedeutung waren die Wolken nur insoweit, als sie zum aufgefahrenen Gewitter-Toben gen Ende herhalten konnten. Ansonsten verleiteten sie zum Bild des rahmenden Traumes; Goethes Traum eben, sein deutsches Singspiel mal zu sehen. So mutete auch Fortepianist Massimiliano Toni, Ehrhardts Assistent und berüchtigt für seine Improvisation, ebenfalls in die Inszenierung eingebunden zu werden, ganz in Weiß und mit langen weißen Haaren, wie ein gelassener, stiller, druidenhafter Miraculix-Geist des Librettisten an. Ein netter Einfall, wie so manche musikalische Rafinesse Kaysers, die sich mehrheitlich auf lustspielkommentierende, text-lautmalerische Ornamentierungen der ersten Violinen beschränkte oder die pfiffig-alerte, hervorgehobene Relevanz der Holzbläser, die in der Ausführung eine immer prominentere, zupackende Umsetzung erfuhr. Die Streicher, allen voran die Geigen, hatten im Gegensatz so einige rhythmische Wackler und Einsatz-Unsicherheiten. Zudem waren sie in den – zugegebenermaßen recht spröden, leicht ungelenk, aber gleichsam ungewöhnlichen – Rezitativen nicht so griffig wie glücklicherweise dann auf den Punkt aber in den dramatischeren Accompagnati, Arien, Duetten und Terzetten sowie dem Prestissimo-Wahn-Tanz, der bissigen Zwischenaktsmusik und der Blitz-und-Donner-Nacht, in der l'arte del mondo seine übliche Klasse auszupielen vermochte.

Florian Götz (Doktor) © peuserdesign
Florian Götz (Doktor)
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Konnte man die Lust an dieser Rarität zumindest durchgehend Ehrhardts Gesicht ablesen, blieb man selbst doch recht verhalten, weil das Halbszenische diesmal nicht recht zünden wollte. Dabei war Goethes Text so bürgerlich nah, direkt und verständlich! Am „berührendsten“ blieb da der Rauch der Nebelmaschine in Erinnerung, komödiantisch abseits Gestik und Mimik des Paares die Verwandlung des Doktors in den bellenden Höllenhund Zerberus in dessen abstrusem Schuld-Fieber „Wau, Wau...“ nach einleitendem „Ich will mir was poetisch erdichten“. Florian Götz, reich an weichem, diktionspräsentem, sehr gefälligem Bariton, platzte in der Rolle als dicker Arzt mit den Taschen voller Barschaft zwar aus allen Nähten, stimmlich und darstellerisch ausgewogen erwies er sich überzeugend als geiziger Vertuscher, dem der Rufmord ängstlich auf die Füße fällt, unbeholfener Lüstling und schuldgefühlbeladener, verdatterter Mediziner mit gerechterweise überlassenem Ärger. Cornel Frey war ein pantomimisch-veralbernder, fesch-beschwingter Scapin mit Leichtigkeit im Spiel und dem optimistischen Triumph seines Racheplans im Nacken, wobei sein lautstarkes Selbstvertrauen im tenor-theatralischen Händereiben in der Höhe etwas zu gedrückt herausschallte. In Scapine hatte er – in frivoler Gutmütigkeit – sein liebliches, anhimmelndes Glück an seiner Seite, die seinerseits in Annika Boos – manchmal mit den Zügen des scheinbaren Dummerchens kokettierend – mit frischem, warmem Sopran ihre sichere Entsprechung fand. Zwar nicht vom Volumen (Balance zum Orchester!) so ausladend, jedoch wunderbar „übertrieben“ und geschickt verschaukelte sie mit gewitzter Artikulation und Betonung sowohl im Zitter-Anfall als auch im Gespenst-Schauer den sie Unterschätzenden.

Vielleicht mag auch Kayser unterschätzt sein, Goethe gewiss nicht. Ob das Stück allerdings wirklich so sorgsam war? Interessant und verdienstvoll ja, es bleiben letztlich dennoch ein wenig Zweifel.

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