„The Great Animal Orchestra“ ist der Titel für ein tierisches Programm, das die Münchner Symphoniker gemeinsam mit den jungen niederländischen Pianisten Lucas und Arthur Jussen vorstellten. Dabei gelang dem Orchester im Münchener Herkulessaal mit der Verbindung von zeitgenössischer Tiersymphonik über programmatische Tierportraits von Camille Saint-Saëns bis zu romantischer Klangmalerei in Beethovens Sechster ein musikalischer Stilmix aus mehr als 200 Jahren auf musikalisch höchstem Niveau.

Münchner Symphoniker und Kevin John Edusei © Marco Borggreve
Münchner Symphoniker und Kevin John Edusei
© Marco Borggreve
The Great Animal Orchestra ist gleichzeitig auch der Titel der 2014 komponierten Symphonie für Orchester und „Wild Soundscapes“ des Briten Richard Blackford, die in vier Sätzen recht traditionell erscheint, mit elektronischen Urwald- und Tierlauten allerdings sehr neuartig untermalt wird. Klanglich bewegt sich Blackford zwischen Prokofjew und Martinů, wobei das rhythmische Scherzo auch ein wenig an Bernsteins Prelude, Fugue and Riffs erinnert. So ganz eindeutig zuordnen lässt sich die Symphonie allerdings nicht, da Blackford auch seine filmmusikalische Erfahrung einfließen lässt und so eine unglaubliche Fülle an Klangfarben in das Werk packt. Da aber auch die Symphoniker viel Erfahrung im Bereich Filmmusik mitbringen, passt das Werk hervorragend zum Orchester, das in Hochform von dissonanten Streicherklängen über choralartiges Blech bis zu geschmeidigen Swingrhythmen seine gesamte Bandbreite an Flexibilität aufbot. Blackfords Symphonie verbindet sehr geschickt musikalische Stile, bewegt sich abseits moderner, akademisierter Klassik und bietet gleichzeitig innovative, neue Musik erster Klasse.

Saint-Saëns' Der Karneval der Tiere interpretierten die Münchner Symphoniker gemeinsam mit den jungen Holländern Arthur und Lucas Jussen, die trotz ihres geringen Alters bereits eine erstaunliche Bandbreite an Klangfarben und expressiven Variationen darboten; die Ausdruckskraft der einzelnen Miniaturen sowie die unterschiedlichen Charakterisierungen gelangen den Pianisten mit unglaublicher Leichtigkeit. Die beiden legten größten Wert darauf, den Charakter jedes einzelnen Tiers sehr genau zu modellieren; dabei lagen ihnen lyrisch-ausdrucksstarke Passagen genauso wie expressive. Beide verfügen über eine beeindruckende dynamische Bandbreite, die selbst feinste Piani bei gleichzeitig rundem Ton anbieten kann. Den Holländern war es dabei egal, ob sie mit großem Orchester oder nur in kammermusikalischer Instrumentation musizierten, in beiden Fällen waren sie immer ganz genau auf die Symphoniker abgestimmt und boten so einen klangvollen, energetischen und temperamentvollen Karneval.

Arthur und Lucas Jussen © Stefanie Pistel
Arthur und Lucas Jussen
© Stefanie Pistel

Nach den sehr greifbaren Klangbildern von Blackford und Saint-Säens brauchten die Symphoniker erst einen Moment, um sich auf die feine Klangsprache von Beethovens Sechster Symphonie einzulassen, doch schon bald saß der Spagat zwischen zeitgenössischer und romantischer Symphonik. Nach den expressiven Motiven des ersten Teils setzte Kevin John Edusei in der „Pastoralen“ auf differenzierte, malerische Klangbilder, wobei die Streicher entspannend unaufdringlich und gut ausbalanciert wirkten. Sehr angenehm fügte sich der nicht sehr basslastige Streicherklang in die landschaftliche Motivik ein; gleichzeitig waren die Holzbläser in diese Basis fein eingebunden und wirkten sehr organisch wie Farbtupfer auf dem Gesamtklang.

Die Symphoniker bewiesen aber auch, dass ein erdiger, tänzerischer Klang kein Problem für sie darstellt und gestalteten den dritten und vierten Satz sehr energetisch. Dabei wirkten die Musiker besonders im Gewitter sehr wagemutig, dank Edusei allerdings keineswegs unkontrolliert. Das Finale schließt sich wieder an den pastoralen Klang der ersten beiden Sätze an. Hier legte Edusei den Schwerpunkt vor allem auf die lyrisch schöne Melodie, die die Symphoniker mit großer Spannung, aber gleichzeitig sehr überlegt entwickelten.

Die Münchner Symphoniker präsentierten sich kurz vor Weihnachten mit einem Programm voller Ausdrucksstärke, in dem sie sich zusammen mit den jungen Solisten Arthur und Lucas Jussen in Topform zeigten.

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