Erste Zusammenarbeiten zwischen Orchester, Dirigent und gegebenenfalls Solist lassen für alle Beteiligten spannendes Interesse aufkommen. Ein großes Mehr daran wird erst recht entfacht, wenn mit dem gewitzten Sir Roger Norrington ein echtes Original am Pult des Gürzenich-Orchesters sitzt, verficht er doch konsequent seine pure-tone-These des (fast) komplett vibratolosen Klangs.

Dass gerade diese alleinstellende Strenge zwar in der immerwährenden Diskussion um Aufführungspraktiken weniger mit „historischer“ Originalität zu tun haben dürfte, schmälert jedoch beileibe nicht den interpretatorischen Erfolg. Meint Norrington, die rigorose Spieltechnik ebenfalls im 20. Jahrhundert mit seinen bekannten britischen Komponistengrößen feststellen zu können, ist sie in eher ausgewählten senza-vibrato-Notierungen der (Spät-)Romantik immerhin belegbar; so bei Brahms, dessen erstes und einziges Violinkonzert mit Francesca Dego den Debütreigen eröffnete.

Francesca Dego © Davide Cerati
Francesca Dego
© Davide Cerati

In der Einleitung des Konzerts wurde die ausgearbeitete und charakteristische Handschrift Norringtons sofort deutlich, indem das disziplinierte Orchester mit der peniblen Stufung von Dynamik, speziell den abgegrenzten Akzenten und lebendigen Schwellern, die stringenten, vibratofreien Linien verzierte. Es ist diese effektvolle Grundlage und Interpretationsidee, die das Gehörte so direkter und eindrücklicher vermittelt. Zudem zeigte sich eine sich in jedem und für jeden Satz entwickelnde Intensivierung der musikalischen Auseinandersetzung, die das ständige Auf und Ab besonders kontrastreich hervorzuheben vermochte. Darauf hatte sich auch Dego eingelassen, die - wirklich bemerkenswert - einen Großteil, vor allem in den virtuosen Figuren in höchster E-Saitenlage, in ungewohnter non-vibrato-Puristik bewältigte und zusammen mit dem expressiven wie dynamischen Pingpong so klar und abwechslungsreich in den fließenden Dialog mit dem Orchester treten konnte.

Machte sie schon in den harmonisch schwierigen, romantisch-kantablen Einfahrungen im ersten Satz von mehr Vibrato Gebrauch, hatte Dego natürlich mehr Freiheiten in der Kadenz, in der sie das Hin und Her im Kleinen mal fein, spitz und sanft, mal wild und kraftvoll, ja energisch groß verarbeitete. Und mit dem Flitzen im mitunter doppelgriffigen Technik-Wahnsinn dürfte (Mit-)Kompositeur Joseph Joachim seine Freude gehabt haben, bevorzugte er doch ein schnelles Tempo, selbst wenn er im Bewusstsein um den herausragenden Anspruch kleinere Sicherungen einfügte. Auch dadurch verging der gut zwanzigminütige Satz wie im Flug, in welchem die Solistin außerdem in den Oktavwechseln mit einigen feinen Glissandi überzeugen und sowohl in den rhythmischen als auch den spielerischen Herausforderungen ihr schnelles Reaktionsvermögen unter Beweis stellen konnte. Von Norrington eingeforderter Zwischenapplaus, der fortan die kurzen Pausen füllte, ließ nicht lange auf sich warten. Mit dieser Reaktions-(Re-)Aktivierung befand sich der Dirigent – wie auch mit angesprochenem Tempo – und der antiphonen, klassischen Streicheraufstellung auf zweifellos festem, historisch informiertem Grund.

Nach der klaren, bestimmten, akzentuierten Melodievorstellung des zweiten Satzes durch das wunderbare Gürzenich-Holz, natürlich im Besonderen der Solo-Oboe, zeichnete Dego diese mit schönem Ton sanfter und auch mit mehr Vibrato nach. Obwohl sich die Anlage nicht zu sehr unterschied, ging der dialogische Fluss hier ganz leicht verloren, den das Ensemble jedoch zum Ende mit der intensiveren Melange der beiden Parts schnell wiedergefunden hatte. Kontraststark, knackig und mit spürbar ausgelassener Freude erhellten festliche Bläser und Pauken und wühlend-wirbelnde Streicher das Finale mit einer Stimmung, die Francesca Dego direkt übernahm. Die spaßig-tänzerische Transformation, übertragen von allen Orchesterreihen auf die Zuhörerränge, garnierte Norrington noch mit einem pointierten, durch verzögerte Eins abgesetzten Hauptmotiv im Vorausgriff auf die mit allerlei Raffinessen ausgestattete Brahms'sche Überraschungscoda, mit der die ersten Debüts fulminant endeten.

Sir Roger Norrington © Manfred Esser
Sir Roger Norrington
© Manfred Esser

Vor der zweiten Hälfte wandte sich die Dirigentenlegende, wie immer gerne kommunizierend, an das Publikum, um ElgarSymphonie Nr. 1 zunächst als sein Lieblingsstück zu beschreiben und zudem als Selbstportrait des Komponisten verständlich zu machen, was einen Zugang zu den unterschiedlichen Sätzen schaffte. Stets wieder aus sich und den leisen Anfängen heraus entwickelte Roger Norrington dann ein immer leidenschaftlicheres, intensiveres, gewaltigeres Bild, das im ersten Satz auf dem besonderen musikalischen Zwiespalt aus schreitenden Bass-Elementen, zeittypischer Mixtur aus rhythmisch-diskursiv hereinbrechendem Posaunen-Horn-Pomp und Streicherelegie und dennoch unverkennbar englischer Melodie-Noblesse auf Zweifel und Unverständnis in epochaler Eigenständigkeit beruht.

Gelang mit der pure-tone-Methode (und zusätzlich weniger Streicherpulten als eingebürgert) nicht nur ein Maximum an Durchlässigkeit im orchestralen Getümmel oder an Schneidigkeit durch die hohen Streicher, konnte der langsame Satz ein noch erhellenderes, offenes Aufblühen transportieren. Mit den fundamentalen Tempo- und Dynamik-Spielereien (hier zum ausgänglich getragenen, zärtlichsten Pianissimo) verstand es Norrington, die Empfindsamkeit und Naturverbundenheit eindrucksvoll zu veranschaulichen. Die mit den verschiedenen Affekten rekapitulierende, stimmungsvoll und farblich rapide reflektierende Conclusio verwandelten Dirigent und Gürzenich-Orchester im großen Gestus aus Genugtuung und Triumph, gelöst, furios und faszinierend zu meisterwerklicher Überzeugung. Ein weiteres Glanzdebüt. Mission complete!