Auf die Solistin des Konzertabends mit vor allem Chorwerken György Ligetis musste das Publikum bis ganz zum Schluss warten. Erst im letzten Stück des Programms, den Mysteries of the Macabre kam Katrien Baerts auf die Bühne des Muziekgebouws. Mit ihrer sehr einprägsamen Sopranstimme und ihrer witzig-spritzigen Vortragskunst hatte sie das Publikum innerhalb weniger Minuten für sich und die Musik von Ligeti gewonnen. Der Saal hing an ihren Lippen und ließ sich von ihren glasklar gesungenen Noten durchfluten. Ich war bestimmt nicht der einzige Zuhörer, der das von ihrer Darbietung erzeugte Glücksgefühl mit nach Hause nahm.

Katrien Baerts, Reinbert de Leeuw und Asko|Schönberg © Martina Z. Simkovicova
Katrien Baerts, Reinbert de Leeuw und Asko|Schönberg
© Martina Z. Simkovicova

Dabei hatte es zu Beginn des Konzertes noch gar nicht nach einem beglückenden Konzerterlebnis ausgesehen. Dirigent Reinbert de Leeuw hatte den Nederlands Kamerkoor für das Eingangsstück Lux Aeterna (1966) hinter die Bühne verbannt.  Auf dem Podium hatte sich das Asko|Schönberg aufgestellt, sodass man mit einer Änderung des gedruckten Programms rechnete. Plötzlich aber ging das Licht aus und nur de Leeuw saß im Scheinwerferlicht. Sehr gedämpft klang Ligetis wohl berühmtestes Chorwerk – unter anderem bekannt als Soundtrack aus Stanley Kubricks Film 2001: A Space Odyssey – aus den Kulissen. Dies kam der Stimmung und dem Klang leider nicht zugute und viele Details gingen verloren. Sogar als im vorderen Saal sitzender Zuhörer wünschte man sich definitiv eine höhere Lautstärke. Auch stellte sich durch den sich einsam abmühenden Dirigenten keine vielleicht gewollte meditative Stimmung ein, die einen versteckt aufgestellten Chor hätte rechtfertigen können. Während der abschließenden sieben Takten tacet, die de Leeuw durchdirigierte, ging das Bühnenlicht wieder an.

Ohne Unterbrechung und in exakt demselbem Tempo begann danach das Kammerkonzert aus dem Jahre 1969/70. Die Ähnlichkeit beider Werke wurde durch diese Art der Präsentation durchaus deutlich und auch die Konzentration des Publikums wurde nicht durch Applaus und Umbau unterbrochen. Im ersten Satz Corrente mussten sich die Musiker noch freispielen, das klangliche Resultat blieb an der Oberfläche, bevor im zweiten Satz Calmo, sostenuto ein Englischhornsolo sich stimmungsvoll aus den farbenprächtigen Klangwolken hervorhob. Im dritten Movimento preciso e meccanico passte das altertümliche Cembalo hervorragend zu den Pizzicati der Streicher, die später im geräuschvollen Bartókpizzicato verschiedene Rhythmen ineinander verknoteten. Aus geheimnisvollen Klangteppichen gewannen immer neue rhythmische Muster die Oberhand. Das Ergebnis ging beim Publikum bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus. Ligetis Musik hinterfragt Hörgewohnheiten und machte dadurch so manchen Zuhörer unruhig. Im abschließenden Presto beeindruckten sowohl die virtuose Pianistin und auch der Kontrabassist. Der Satz ging plötzlich und beinahe unbemerkt zu Ende, da alle Spieler bewegungslos innehielten, quasi in der Luft hängen blieben. Auch diese Stille kostete de Leeuw gekonnt aus und unterstrich damit die letzte Analogie zum vorherigen Werk.

„Hälfte des Lebens” machte den Anfang der Drei Phantasien nach Friedrich Hölderlin. Ungemein berührend war das stotternd wiederholte Silbenspiel, welches die Kälte der „klirrenden Fahnen“ lautmalerisch beschrieb. In „Wenn aus der Ferne” überwogen kanonische Einsatzfolgen – hier kamen vor allem die Bassstimmen zum Blühen. Später überzeugte ein ins Nichts entschwindendes Ende. Die Abendphantasie war geprägt von Atemlosigkeit, als ob die Zeit zum Einatmen fehlte, was so gar nicht zur letzten Textzeile „Friedlich und heiter ist dann das Alter“ passen wollte.

Nach der Pause kam das intelligente Festivalprogramm zwischen Anspruch und Wirklichkeit in Bedrängnis. Auf der einen Seite hätte man sich für Nacht und Morgen (1955) und Pápainé (1953) einen größeren Chor für mehr dynamische Bandbreite gewünscht. Auf der anderen Seite waren die sechs Solostimmen der Nederlands Kamerkoors ohne Countertenöre bei den Nonsense Madrigalen (1988/1993) zwar jeder für sich stimmlich überzeugend und sehr humorvoll, geschrieben war dieses Werk aber für die King Singers, also ein Männerensemble ohne Dirigenten.

Wer nach dem bahnbrechenden Erfolg von Barbara Hannigan mit den Mysteries (1991) von Katrien Baerts eine vorsichtigere Version dieser drei kurzen Arien aus Ligetis Oper Der große Makaber erwartet hatte, der hatte sich gründlich getäuscht. Alles war anders als erwartet. Baerts kam aus dem Saal auf die Bühne und die Musiker vom Asko|Schönberg zischten und swingten mit ihr um die Wette, dass es nicht nur eine Augenweide, sondern vom ersten Moment an ein ansteckender musikalischer Genuss war, der Ligetis Musik in jedem Punkt zu ihrem Recht kommen ließ.