Amsterdam und das Muziekgebouw haben ein neues Festival, das jedes Jahr fantastische Musik von großen Komponisten des 20. Jahrhunderts, die neue Wege eingeschlagen haben, ins Programm nehmen will. Die erste Edition ist György Ligeti gewidmet, dessen Werke nun in vier Tagen vorgestellt werden.

Pierre-Laurent Aimard, Reinbert de Leeuw und Asko|Schönberg © Martina Z. Simkovicova
Pierre-Laurent Aimard, Reinbert de Leeuw und Asko|Schönberg
© Martina Z. Simkovicova

Der für dieses Festival künstlerisch mitverantwortliche Solist Pierre-Laurent Aimard saß am linken Rand des Podiums hinter seinem Flügel und stand doch im Mittelpunkt des Klavierkonzertes von György Ligeti. Die vielen virtuosen Läufe klangen mühelos, die Akzente, die häufig vorkamen, setzte er mit dem ganzen Körper, so als wollte er sie dem Publikum aufzwingen. In lyrischen Passagen bewegte sich sein Mund, als wolle er mitsingen. Aber nichts davon war übertrieben, geschweige denn überflüssig bei diesem großen und doch bescheidenen Künstler, der in der Konzerteinführung noch locker erzählte, dass er einige Zeit Ligetis Hauspianist war.

Das Klavierkonzert, entstanden zwischen 1985 und 1988, war Ligetis ästhetisches Credo. Er erreichte damit seinen eigenen Kompositionsstil in „Unabhängigkeit von Kriterien sowohl der tradierten Avantgarde als auch der modischen Postmoderne”. Durch das gleichzeitige Spiel mit verschiedenen Rhythmen erfuhr man bei bestimmten Stellen die Musik als schwebend. Musikwissenschaftler sprechen dabei von Polyrhythmik und sogar Illusionsrhythmik. Im Konzert stachen die Melodien der Posaune im Vivace molto ritmico, der Trompete im Lento und der Violine im Vivace cantabile hervor. Besonders gefiel die Klangrede des Solisten im Allegro risoluto, in der sich lyrische Momente immer wieder mit rohen Gewaltausbrüchen abwechselten. Zum Ende hin spielte Aimard immer höher und höher auf den obersten Tasten – man fühlte fast körperlich die Nutzlosigkeit aller beeindruckenden Steigerungsversuche, da dort der Klang trotz aller Lautstärke nur noch blechern war. Das abschließende Presto luminoso flog geradezu vorbei.

Katalin Karolyi und Slagwerk Den Haag © Martina Z. Simkovicova
Katalin Karolyi und Slagwerk Den Haag
© Martina Z. Simkovicova

„Mit Pfeiffen, Trommeln, Schilfgeigen” benannte Ligeti vor 18 Jahren sieben kurze Lieder für Alt und Schlagzeugensemble. Ligeti hatte Katalin Károlyi, die Solistin des Abends in Bremen und Paris singen gehört und eine Komposition für sie geschrieben. Károlyi ist nicht nur eine ausgezeichnete Sängerin mit einer fast aberwitzigen Diversität von stimmlichen Ausdrucksmitteln, sie ist auch eine Vollblutschauspielerin, deren Mimik und Gesten ihren Auftritt unvergesslich machen. Die wunderbar witzigen Texte von Sändor Weöres (auch Zoltán Kodály und Peter Eötvös haben einige seiner Gedichte vertont) wurden von Károlyi gesungen, geschrien, geflüstert und gebrummt und mit ebenso viel  Variationsgewalt von den Musikern des Slagwerk Den Haag begleitet. In Keseredes (bitter-süss) klangen Bassxylofon und Vibrafon zusammen wie eine Hammondorgel. Dieses Volkslied trug Károlyi dann auch entsprechend mit einer Chansonstimme vor. Es endete ganz Ligeti mit drei Okarinas, die auch im Klavier- und Violinkonzert vorkamen.

Eine Überraschung war nach der Pause das Ensemblestück Melodien aus dem Jahr 1971. Die knapp 15 Minuten vergingen wie im Fluge, auch ohne Solisten. Das Asko|Schönberg Ensemble spielte die Musik mit Atmosphäre und Gesanglichkeit, aber die Aufführung bestach vor allem durch die Spannung, die durch die sich langsam verändernde Akkorde erzeugt wurde und die das Publikum im ausverkauften Muziekgebouw angespannt zuhören ließ.

Im Violinkonzert (1992) gab es zwei herausragende Momente. Zum einen war da die Aria zu Beginn des zweiten Satzes, intim und fein vorgetragen von Joseph Puglia mit seiner einprägsamen Melodie, die sich von einer Bratsche begleitet fortspann, das ganze Andante durchzog und am Ende besonders gefühlvoll von der Altflöte übernommen wurde. Der zweite besondere Augenblick war die große Kadenz am Ende des fünften Satzes Appassionato, in der Puglia ganz unspektakulär und dadurch sehr im Geiste Ligetis die Zeit still stehen ließ. Dazu noch einmal Ligeti selbst: „Ich bevorzuge musikalische Formen, die weniger prozesshaft, eher objektartig beschaffen sind: Musik als gefrorene Zeit, als Gegenstand im imaginären, in unserer Vorstellung evozierten Raum, als ein Gebilde, das sich zwar real in der verfließenden Zeit entfaltet, doch imaginär in der Gleichzeitigkeit in all seinen Momenten gegenwärtig ist.”

Als sehr passende Zugabe hatte sich Puglia Balada si joc (Ballade und Tanz, 1950) ausgesucht, die er zusammen mit der Konzertmeisterin vortrug, bei der beide Geiger durch Innigkeit und Spielwitz bestachen. Und so ging der Eröffnungsabend eines vielversprechenden Festivals mit hochkarätigen Solisten und ausgezeichneten Ensembles zu Ende.

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